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Netzers Selbsteinwechslung : Ich spiel’ dann jetzt

Netzers „Abschiedsgeschenk“, Netzers Mythos: Mit dem linken Außenspann trifft er den Ball „völlig falsch“ und deshalb unhaltbar in den linken Winkel. Bild: Imago

Düsseldorf, 23. Juni 1973: Das Pokalfinale zwischen Mönchengladbach und Köln war eines der besten Spiele, die es in Deutschland je gab. Es gipfelte in einem ikonischen Moment – in Günter Netzers Selbsteinwechslung.

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          Fußball ist, wie jede Bühnenkunst, das Gespür für den Moment. Das Gespür für Reduktion und Aktion, im richtigen Verhältnis, zur richtigen Zeit. Erst das rechte Maß an Abwesenheit macht Anwesenheit wirksam. Und manchmal unvergesslich. Neunzig Minuten lang ist Günter Netzer nur Zuschauer eines phantastischen Fußballspiels. Und ist froh darüber, noch vierundvierzig Jahre später.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Es war eines der besten Spiele, die es in Deutschland je gab. Es ging rauf und runter, und es war so heiß, dass ich schon auf der Ersatzbank meine Last hatte. Ich wäre gestorben auf dem Platz!

          Der letzte Tag mit Borussia Mönchengladbach, seinem Heimatklub, dessen Aufstieg aus der Regionalliga an die Spitze des deutschen Fußballs Netzer fast zehn Jahre lang verkörperte wie sonst nur Trainer Hennes Weisweiler. Weit entfernt sitzen sie auseinander, der verkniffen dreinschauende Star und sein kettenrauchender Trainer. Seit je pflegen sie ein kompliziertes Verhältnis. In den frühen Siebzigern interpretiert man, wie so vieles andere, auch das politisch, als Teil des Aufbegehrens der Söhne gegen die Väter. Und Netzer als den „Rebellen“, den Achtundsechziger auf dem Platz.

          Diesen Diskussionen habe ich amüsiert zugeschaut. Ich empfand das als Kompliment. Es hat aber jeglicher Wahrheit entbehrt. Wir waren überhaupt nicht politisch orientiert, erst recht nicht engagiert. Die einzige Basis war die Auseinandersetzung über den Fußball. Zwischen seinem Fußball und meinem Fußball. Sein Fußball, das war: rauf und runter. Mein Fußball war: Rhythmuswechsel – und da hat man natürlich gleich gesagt: Der faule Hund, der will nur Pausen einlegen. Ich sagte zu Weisweiler: Wir können nicht neunzig Minuten drauflosrennen. Wir stürmen und spielen wunderbaren Fußball und sind immer die, die am Ende erledigt sind. Sie müssen dafür sorgen, dass wir in der Abwehr stabiler werden, und wir müssen Ruhephasen in unser Spiel bringen. Das ist dann auch passiert, und dann wurden wir zweimal Meister.

          Und jetzt dieses unglaubliche Pokalfinale im Derby gegen den 1. FC Köln – neunzig Minuten schönster alter Weisweiler-Fußball, überwältigend. „Ist das ein herrliches Spiel!“, jubiliert der sonst nüchterne TV-Kommentator Ernst Huberty schon in der ersten Halbzeit. Das Mittelfeld ist wie eine offene Bühne. Die Räume, die die Manndeckung offenbart, werden zu einem Feuerwerk an Spurts, Schnellangriffen, Spielfluss und Tempo genutzt.

          Beide Teams attackieren, als lägen sie mit drei Toren zurück. Es sind unfassbare neunzig Minuten, mit fast zwei Dutzend Torchancen, mehr als zwanzig Eckbällen, vier Pfosten- und Lattentreffern, einem verschossenen Gladbacher Elfmeter, drei Rettungsaktionen durch Verteidiger auf der Torlinie. Aber mit nur zwei Toren, beide schon vor der Pause, durch den überragenden Dauerläufer „Hacki“ Wimmer und den glänzenden Kölner Teenager Herbert Neumann. Und all das: ohne Günter Netzer.

          Vor dem Pokalfinale hatte Weisweiler im Hinterkopf: Dem Netzer zeige ich’s jetzt noch einmal. Der ist in einer schlechten Verfassung. Er hatte recht. Alles sprach gegen mich. Der Tod meiner Mutter eine Woche zuvor, der Wechsel nach Madrid. Ich war gedanklich woanders und nicht austrainiert nach einer Verletzung.

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