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Niederlage gegen Spanien : Italien zurück auf der Erde

  • -Aktualisiert am

Italiens Torhüter Gianluigi Donnarumma: Auch wegen ihm reißt gegen Spanien die Rekordserie von 37 Spielen in Folge ohne Niederlage. Bild: Reuters

Vom Helden zum Buhmann: Die Verunsicherung von Italiens Torwart Gianluigi Donnarumma spielt Spanien in die Karten.

          3 Min.

          Manchmal geht es eben sehr schnell. Gerade war man noch ein nationaler Held, schon ist man in Ungnade gefallen. Was Italiens Torwart Gianluigi Donnarumma am Mittwoch im Mailänder San-Siro-Stadion widerfuhr, zeugte von der Volatilität der Gunst des Publikums, wie sie vor allem beim Volkssport Fußball immer wieder zum Vorschein kommt. Donnarumma, ein Junge von 22 Jahren, bei der EM nicht zuletzt wegen seiner zahlreichen Elfmeterparaden zum besten Spieler des Turniers gewählt, wurde von den Tifosi beim Halbfinale in der Nations League zwischen Italien und Spanien konsequent ausgepfiffen.

          Nations League

          Bei jeder Ballberührung hagelte es Buhrufe und Pfiffe. Der Held war plötzlich der Unhold. Hintergrund war Donnarummas Wechsel vom AC Mailand zu Paris Saint-Germain in diesem Sommer, die Mailänder Tifosi hatten sich ewige Vereinstreue gewünscht. Und so stand dieser junge Hüne bei Italiens 1:2-Niederlage plötzlich verunsichert da. Ein Fernschuss von Marcos Alonso flutschte ihm gar in Slapstick-Manier durch die Hände und landete am Pfosten.

          Italien ist Europameister, bekam aber im Spiel erstmals deutlich seine Grenzen aufgezeigt. „Sie haben uns auf die Erde zurückgebracht“, stellte der Corriere della Sera ernüchtert über die Spielkunst der Spanier fest. Und wenn alles nur ein einzigartiger Traum gewesen sein sollte? 37 Spiele war Italien unter Trainer Roberto Mancini unbesiegt geblieben, Weltrekord. Die Pandemie und ihre Pausen halfen gewiss mit bei der Kreation dieses über drei Jahre anhaltenden Nimbus der Unbesiegbarkeit. „Der azurblaue Sommer ist zu Ende“, wusste nach dem bitteren Erwachen

          La Repubblica. Tatsächlich ist das Öffnen der Augen nach einem Besuch im Paradies ja wirklich nicht so einfach. Zweifel kommen auf, an sich selbst und an der Realität. Spanien hatte Italien in diesem Spiel dominiert, wieder einmal, muss man sagen. Schon das EM-Halbfinale vor drei Monaten, das Italien im Elfmeterschießen gewann, hatte die Mannschaft von Luis Enrique zumindest spielerisch für sich entschieden.

          Nicht Italiens Sache

          Die persönlichkeitsspaltende Wirkung des Spiels war in den Reaktionen der Öffentlichkeit abzulesen. Mit einem großen „Grazie“ auf der Titelseite bedankte sich das Blatt für die unvergessliche, aber nun geplatzte Serie und den EM-Titel im Sommer. Auf den hinteren Seiten wurde das Team von Coach Roberto Mancini dann fast schon genüsslich zerlegt. Von der „Sünde der Überheblichkeit“ war dort die Rede. Man könne dem ballverliebten Spanien den Verzicht auf einen Mittelstürmer nicht einfach nachmachen, wenn man nicht über dieselbe Spielkultur verfüge, hieß es. Verwiesen wurde auf Italiens Stürmerproblem, weil der verletzt ausgefallene Ciro Immobile schon bei der EM als einer der wenigen Protagonisten keine bella figura gemacht hatte. Die „falsche Neun“, also das Spiel ohne Stürmer, sei Italiens Sache nicht.

          Wissen war nie wertvoller

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          Dabei war die Squadra Azzurra gar nicht schlecht in die Partie gestartet. Nach einem schwungvollen Beginn der Männer Mancinis setzte sich die spanische Pass-Maschine dann in Bewegung. In der 17. Minute folgte die schönste Aktion des Spiels. Mikel Oyarzabal, der Baske mit dem melancholischen Gesichtsausdruck, flankte von links präzise in die Mitte, wo Ferran Torres den Ball ins Tor drückte. Das 1:0 für Spanien sorgte zunächst für Verunsicherung, weckte aber alsbald die italienischen Geister. Federico Bernardeschi traf in der 34. Minute den Pfosten. Nach einer Hereingabe von Federico Chiesa vergab auch Lorenzo Insigne. Wäre dann nicht der Kurzschluss von Verteidiger und Kapitän Leonardo Bonucci gefolgt – Italien hätte vielleicht eine Chance gehabt.

          Bonucci bekam erst die Gelbe Karte wegen Meckerns und flog dann wegen eines Ellenbogenchecks gegen Sergio Busquets mit Gelb-Rot vom Platz. Es lief die 40. Minute. „Ich ärgere mich über mich selbst. Es tut mir leid, Entschuldigung“, ließ Bonucci am Donnerstag kleinlaut wissen, als er sich der Tragweite seiner Undiszipliniertheit bewusst geworden war. In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit stellte das Duo Oyarzabal/Ferran mit einer Kopie des ersten Treffers Italien vor vollendete Tatsachen, 2:0.

          „Historisch“, fand Kataloniens Sportzeitung Mundo Deportivo den Erfolg. Nicht zuletzt weil Enrique den erst 17 Jahre und zwei Monate alten Gavi vom FC Barcelona debütieren ließ. Dieser trat wie ein Routinier auf und behinderte Italiens Marco Verratti an der Spielgestaltung. Der zweite 18 Jahre alte Debütant Yéremi Pino führte sich auch prächtig ein, verursachte allerdings den Ballverlust, den Lorenzo Pellegrini nach einem 80-Meter-Sprint von Federico Chiesa zum 1:2 nutzte (83. Minute). Was blieb, war ein geplatzter Traum für Italien und die Gewissheit Spaniens, wieder zur Weltspitze zu zählen. Am Sonntag steigt das Finale der Nations League, wiederum in Mailand. Mancini muss seine Mannschaft nun zumindest teilweise neu erfinden, zeigte sich aber auch erleichtert: „Besser, wir haben jetzt verloren als im EM-Endspiel oder bei der WM.“

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