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Nationalmannschaft : Ohne Plan B

Geknickt: Die deutsche Elf um Toni Kroos sucht nach ihrer Form. Bild: dpa

Solange das ungewohnt defensive Konzept aufgeht, kommt die Nationalmannschaft zurecht. Wenn die Anwesenheit eines Gegners stört, bricht alles auseinander. Das Team braucht dringend mehr Flexibilität – und Qualität in der Defensive.

          3 Min.

          Zwei Dinge waren in den Tagen vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen die Niederlande auffällig gewesen. Die gute Atmosphäre rund um die deutsche Mannschaft war allgegenwärtig, die Erinnerung an die krachende  Bruchlandung bei der Weltmeisterschaft vor einem Jahr schien schneller zu verblassen als gedacht, unisono wurde von allen Seiten gar eine Aufbruchstimmung ausgemacht – der gleichzeitig aber offenbar auch nicht besonders getraut wurde. „Es werden auch wieder Tiefs kommen“, hatte Marco Reus gesagt, „man muss immer auch mit Rückschlägen rechnen“, was normal sei, wenn man mit vielen jungen Spielern spiele, hatte etwa Toni Kroos gewarnt.

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          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Das Tief kam schneller als befürchtet und gewaltiger als vermutlich befürchtet – nach dem 2:4 im Rückspiel gegen die Niederlande hat die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes nach dem 3:2-Hinspielsieg nicht nur den direkten Vergleich mit dem Nachbarn verloren und kann aus eigener Kraft den ersten Gruppenplatz nicht mehr erreichen. Sie dürfte auch ein wenig den Glauben daran verloren haben, recht schnell wieder in die Weltspitze zurückkehren zu können. Das wiederum könnte zwar auch positive Folgen haben und müsste deshalb für den weiteren Weg kein Nachteil sein – bedenklich bleibt allerdings, wie sehr die deutsche Mannschaft in der zweiten Halbzeit in ihre Einzelteile zerlegt worden war.

          Konzentration auf laufintensive Defensivarbeit

          Solange das ganze System im Verbund noch als gefestigte Einheit aufgetreten war, hatte es einen recht stabilen Eindruck gemacht. Mehr allerdings auch nicht. Dem niederländischen Team war in der ersten Halbzeit zwar nichts eingefallen, was eine ungewohnt defensive deutsche Mannschaft hätte ins Wanken bringen können. Doch ein Jahr nach der Ära, als Ballbesitz alles war, schienen ihn die deutschen Spieler nun am liebsten gar nicht mehr haben zu wollen.

          Die Konzentration auf laufintensive Defensivarbeit mit schnellem Umschaltspiel zu den drei flinken Stürmern Timo Werner, Marco Reus und Serge Gnabry führte zu einer großen Dominanz des Gegners und paradoxerweise gleichzeitig zur deutschen 1:0-Pausenführung durch Gnabry nach neun Minuten mit dem ersten und für lange Zeit einzigen gefährlichen Angriff in der ersten Halbzeit. Reus hätte kurz vor der Pause sogar nach 2:0 erzielen können, scheiterte aber aus aussichtsreicher Position am niederländischen Torwart Cillessen.

          Vielleicht wäre das des Guten ohnehin zu viel gewesen. „So wenig Ballbesitz kann nicht unser Ziel sein“, sagte Abwehrchef Niklas Süle hinterher. Da Lukas Klostermann auf der rechten Seite und sein Pendant Nico Schulz sehr tief standen, war aus der deutschen Dreier-Abwehrkette eine Fünf-Mann-Mauer geworden, an der die Niederlande abgeprallt war – gleichzeitig war der Weg nach vorne weit, um das deutsche Offensivspiel in Schwung zu bringen. Denn davon war eher nichts zu sehen gewesen. Die zurückhaltende Stimmung im ausverkauften Hamburger Stadion passte so zu dem mehr oder weniger ereignislosen Geschehen auf dem Rasen in der ersten Halbzeit, zu einem Spiel, von dem man nicht so recht wusste, was man damit anfangen solle.

          Niederlande wie ausgewechselt

          Doch die Niederländer hatten die Lehren aus den ersten 45 Minuten gezogen und sich vielleicht auch daran erinnert, dass die Deutschen schon in Amsterdam nach der Pause stark nachgelassen hatten. Sie erhöhten ihren Druck, schoben ihr Pressing noch ein paar Meter weiter nach vorne, was das deutsche Manko der vielen schnellen Ballverluste noch vergrößerte. Und sie legten damit offen, was Bundestrainer Joachim Löw auch nach der Partie noch grundlegend als Erkenntnis verweigerte: Ein deutsches Qualitätsproblem in der Abwehr.

          Fast jeder Schuss ein Treffer: Deutschland bricht in Halbzeit zwei gegen die Niederlande und Donyell Malen ein. Bilderstrecke

          Im Verbund hatte sie sich stabil gezeigt, doch in Eins-gegen Eins-Situation erwies sie sich in der zweiten Halbzeit zunehmend als brüchig und überfordert. Ginter und Tah waren als Partner von Süle zunehmend keine Hilfe mehr und wurden im Spielaufbau als unsichere Kandidaten von den Niederländern ausgemacht, dazu häuften sich nicht nur die individuellen Fehler. Der niederländische Druck wurde zu groß, Löw wollte unmittelbar nach dem Ausgleich zum 1:1 mit zwei Einwechslungen (Gündogan und Havertz für Reus und Werner) mehr Ballsicherheit ins deutsche Spiel bringen, was aber völlig misslang. Was nicht zwingend an den neu ins Spiel gekommenen Akteuren lag – so richtig war nicht zu erkennen gewesen, in welchem System die deutsche Mannschaft fortan agieren sollte. Ein Systemwechsel wäre vielleicht zielführender gewesen, um im Mittelfeld mehr Zugriff zu bekommen und hätte den Fähigkeiten von Gündogan eher entsprochen – so blieb alles wie vorher, alles mit weniger Geschwindigkeit im Spiel nach vorne.

          Keine richtige Chance des Gegners vor der Pause, aber gleich sechs Hochkaräter nach dem Wechsel, dazu ein geschenkter Handelfmeter, der dem deutschen Team das zwischenzeitliche 2:2 durch Kroos (73.) ermöglichte – die Bilanz der zweiten Halbzeit war ernüchternd. „Wir haben unter unseren Möglichkeiten gespielt und sind schon in der ersten Halbzeit viel hinterher gelaufen“, sagte Löw. Ein großes Problem ist dem deutschen Team beim Neuaufbau aber offenbar erhalten geblieben: So lange der Spielplan funktioniert, läuft vieles rund und wie selbstverständlich. Gerät aber die ganze Geschichte durch die Anwesenheit eines Gegners in Stocken, müsste ein Plan B her. Auch daran fehlte es gegen die Niederlande.

          Ihn am Montag (20:45 Uhr/ F.A.Z.-Länderspiel-Liveticker und RTL) parat zu haben, wäre dringend nötig. Denn in Belfast erwartet das deutsche Team nicht nur eine völlig anderen Partie mit sehr viel britischem Fußball – im Fall der Fälle könnte es nun auch eine Frage der Nerven werden.

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