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Nationalmannschaft : Unnahbar in "Splendid isolation"

  • -Aktualisiert am

Ziemlich arbeitslos: Jens Lehmann Bild: AP

Die Belgier forderten bei ihrer deutlichen 0:3-Niederlage den Deutschen und vor allem Jens Lehmann keine Meisterleistung ab. Und so konnte der Torwart in Köln nicht seinen Anspruch unterstreichen, die Nummer eins im deutschen Tor zu sein.

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          Vermutlich hätte er gern öfters ins Spiel eingegriffen, doch das würde Jens Lehmann nie zugeben. Lieber spielte der zweite Torwart der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, der gegen die Belgier mal wieder als erster Torwart eine Chance bekam, die Rolle des Unnahbaren auch nach dem Schlußpfiff. Da saß der Essener auf dem Podium, angeblich gern bereit, Fragen zu beantworten, und verschanzte sich vor harmloser Neugier. Als zum Beispiel jemand wissen wollte, wie es denn gewesen sei, sich neunzig Minuten nahezu beschäftigungslos die Füße vertreten zu haben, reagierte Lehmann, als hätte er es in seinem einsamen beruflichen Dasein vorzugsweise mit Ignoranten zu tun. "Das ist eine Frage der qualitativen Betrachtungsweise", stellte er erst einmal fest, um die Distanz zwischen sich und der Ahnungslosigkeit seiner Beobachter groß genug zu markieren, ehe er sich fußballspezifisch äußerte: "Ich kriege jedes Spiel nur ein, zwei Schüsse drauf. Das ist ein gutes Zeichen für gute Qualität, gute Organisation und ein gutes Zusammenspiel in der Defensive."

          Das Thema Kahn ist tabu

          Tatsächlich forderten die Belgier bei ihrer deutlichen 0:3-Niederlage den Deutschen und vor allem Lehmann keine Meisterleistung ab. Und so konnte der Mann, der in den wenigen Momenten, da auch er einen kleinen Beitrag zur einseitigen Aufführung von Köln leistete, nichts für seinen Anspruch tun, gleichauf mit Oliver Kahn bewertet werden zu wollen. Ob sich Kahn, die daheim in München gebliebene Nummer eins im deutschen Tor, am Mittwoch abend seinen Vertreter besonders interessiert angeschaut hat, ist nicht verbürgt. Lehmann aber achtete peinlich genau darauf, alle Fragen, die ihn und Kahn in irgendeinen Zusammenhang hätten bringen können, zu überhören oder mit ausweichenden Hinweisen ins Leere laufen zu lassen. Zwischen Kahn und Lehmann ist, zuletzt vom Keeper des FC Arsenal, genug Porzellan zerdeppert worden, so daß sich Teamchef Rudi Völler als großer Kommunikator demnächst besondere Mühe geben muß, die beiden ichbezogenen Torhüter zu neuer Gemeinsamkeit anzustiften.

          Sympathiepunkte in der Öffentlichkeit hat der gern mit intellektueller Allüre auftretende Stellvertreter des bulligen Machos Kahn am Mittwoch nicht hinzugewonnen. Bei seinen manchmal unpäßlichen Zuspielen auf die Mannschaftskameraden bedachte ihn ein Teil des Kölner Publikums mit Häme und Pfiffen - dergleichen wäre Kahn nicht widerfahren. Nur einmal, kurz vor dem Abpfiff, kam Lehmann dazu, für sich und seine Extraklasse als Torhüter zupackend zu werben.

          Abgeschiedener Einzelgänger

          Nach Dienstende aber gerierte er sich wieder wie ein Einzelgänger, der Deutschland nur noch von fern wahrzunehmen beliebt. Daß er diesmal überall im Mittelpunkt der publizistischen Neugier gestanden habe, will Lehmann gar nicht "mitbekommen" haben. Dafür sei das Mannschaftshotel in Bergisch Gladbach zu "abgeschieden" gewesen. Gab es dort etwa kein Fernsehgerät, keine Zeitungen? Lehmann jedenfalls hat den Ausflug in die "Splendid isolation" der Heimat geradezu genossen. Boten sich ihm doch vor seiner siebzehnten Bewährungsprobe in einem Länderspiel noch ganz andere Möglichkeiten, die englischen Wochen mit ein paar ruhigen Tagen in Deutschland aufzulockern. "Ich habe mich gut erholt, gut gegessen und gut geschlafen. Am Samstag geht es im Halbfinale des FA-Cups gegen Manchester United weiter."

          Abschalten, sich ausklinken können und dabei zur inneren Balance finden, so lautete das sportliche Regenerationsprogramm des im Rhein Energie Stadion unterforderten Schlußmanns. Der frühere Torwart von Borussia Dortmund kennt inzwischen seine Termine in der englischen Premier League, dem FA-Cup und der Champions League genau - doch wo das nächste Länderspiel ist, war ihm am späten Mittwoch abend vor einer weiteren hoffentlich stillen Nacht nicht geläufig. "Ich weiß gar nicht, wann das ist", gestand Lehmann auf Nachfrage. Zur Erinnerung: Er darf sich schon einmal die Reise nach Bukarest zum Länderspiel gegen Rumänien am 28. April vormerken. Dort wird er Oliver Kahn wiedersehen, an den er sich gewiß noch erinnern kann. Spätestens dann wird Lehmann wieder seine völlige Ruhe haben, da gegen Rumänien der Münchner spielt und der "Engländer" im deutschen Tor nicht weiter gefragt sein wird.

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