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Nationalmannschaft : Niveau halten, Kleinigkeiten verbessern

Grund zur Zufriedenheit: Die Nationalspieler Podolski, Özil und Klose freuen sich Bild:

Nach dem glanzlosen 3:0 in Kasachstan hat die Nationalelf die erste Etappe auf dem Weg zur Europameisterschaft sicher gemeistert. Auf dieses Team ist auch im Alltag Verlass. Bundestrainer Löw will aber noch mehr.

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          Für Oliver Bierhoff war die Europameisterschaft schon ziemlich nah am frühen Mittwochmorgen. Die Frage eines Reporters, ob denn nun die Quartiersuche für das Turnier 2012 in Polen und der Ukraine beginne, schien nicht einmal ganz ernst gemeint. Aber Bierhoff sah keinen Grund, launig zu antworten oder gar zu lavieren. Der Teammanager berichtete stattdessen äußerst aufgeräumt von den Reiseplänen, die er in diesem Jahr noch hat, um das eine oder andere mögliche Quartier für übernächsten Sommer zu inspizieren. Sogar eine Präferenz gab Bierhoff preis, wenngleich die nicht wirklich überraschte: Polen, so deutete er an, liege ihm und der Fußball-Nationalmannschaft doch ein bisschen näher als die Ukraine.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Zwanzig Monate sind es noch bis zum Turnierbeginn und immerhin sechs Spiele bis zum Abschluss der Qualifikationsrunde. Aber wer die erste Etappe so zielstrebig hinter sich gebracht hat, darf seine Zurückhaltung ruhig einmal für einen Augenblick vergessen. Sechs Punkte liegt das deutsche Team nach dem 3:0 in Kasachstan vor der Türkei, fünf vor Österreich (das allerdings ein Spiel weniger absolviert hat) – das ist selbst nach gerade einmal vier Spieltagen schon eine Grundlage, auf der sich mit einem guten Gefühl planen lässt.

          Auch die deutschen Spieler verließen die Astana Arena nach der ungewohnten Nachtschicht mit der Gewissheit, voll auf Kurs zu sein. „Wenn wir das Niveau halten und Kleinigkeiten verbessern, dann sind wir auf einem sehr, sehr guten Weg“, sagte Sami Khedira. Philipp Lahm, der Kapitän, meinte: „Noch sind wir nicht qualifiziert. Aber wenn wir so weiterarbeiten und konzentriert bleiben, dann bin ich sicher, dass wir am Ende Gruppenerster sein werden.“

          Es geht aber noch besser ... Thomas Müller scheint Potenzial zu sehen
          Es geht aber noch besser ... Thomas Müller scheint Potenzial zu sehen : Bild: dapd

          Neue Stabilität

          Es war weniger der Sieg gegen die Nummer 126 der Weltrangliste als solcher, der für die rundum gute Laune verantwortlich war. Das 3:0 durch die Tore von Miroslav Klose (48. Minute), Mario Gomez (76.) und Lukas Podolski (85.) war im Vergleich zu manch anderem Auftritt in der jüngeren Vergangenheit eher schmucklos zustande gekommen. Im Kontext des Fußballjahres 2010 aber trug auch der Kurztrip nach Kasachstan – die weiteste Reise, die ein deutsches Team je in einer Qualifikationsrunde zu absolvieren hatte – zu einem Gesamtbild bei, das freundlicher kaum sein könnte: das einer Mannschaft, die sich unter schwierigen Bedingungen gefunden hat; die vor und während der Weltmeisterschaft eine Spielidee entwickelt hat, der sie auch im Alltag jederzeit vertrauen kann; die weiß, was sie will und kann und sich zugleich nicht vom Bewusstsein der eigenen Stärke blenden lässt.

          Ein Ausrutscher, wie ihn sich etwa die Türken beim 0:1 in Aserbaidschan leisteten, ist der deutschen Mannschaft kaum zuzutrauen; in Kasachstan war er jedenfalls niemals im Bereich des Möglichen. (siehe auch: Kompakt: Vogts' Schützenhilfe - Brüsseler Spektakel - Englische Panne)

          Entwicklung vorantreiben

          Dass der Glanz diesmal fehlte, war dem Bundestrainer reichlich egal. Man könne „nicht jedes Mal eine Gala zeigen“, sagte Löw. Auch ihm ging es um den größeren Rahmen – und da fiel sein Lob ungewohnt schwärmerisch aus. Die Mannschaft habe in der bisherigen Qualifikation „Sensationelles geleistet“, sagte er. „Es war unglaublich, was sie an physischem Einsatz gezeigt hat nach dieser schweren WM und der kurzen Vorbereitung. Von daher bin ich stolz auf diese Mannschaft.“ Es verstand sich allerdings, dass Löw daraus noch lange keine Garantie für eine ähnlich erfolgreiche Fortsetzung ableiten wollte. „Wir haben einen komfortablen Vorsprung“, sagte er. „Wir müssen aber noch ein paar Spiele gewinnen, um das Ticket zu sichern.“

          Die Qualifikation für Polen und die Ukraine ist schließlich nur das eine, für Löw aber geht es im Hinblick auf erhoffte Titel noch um etwas anderes: die Entwicklung des Teams weiter voranzutreiben. Luft nach oben, darüber darf auch die erfreuliche Bilanz nicht hinwegtäuschen, gibt es immer noch genug. So ist insbesondere auf der linken Seite noch keine überzeugende Konstellation gefunden. Dass Podolski und Westermann nicht annähernd so gut harmonieren wie Müller und Lahm auf rechts, war sowohl gegen die Türkei als auch in Kasachstan nicht zu übersehen. Löw hat kürzlich erst bemerkt, dass die Konkurrenzsituation auf der Position des Linksverteidigers für ihn eher unbefriedigend ist.

          Aber auch im Sturm wäre es höchst willkommen, könnte neben Klose, der im 105. Länderspiel sein 58. Tor erzielte, kurz darauf aber wegen einer Muskelverletzung vom Platz musste, endlich ein weiterer zuverlässiger Mann aufgebaut werden – nicht nur, weil die Chancenverwertung in Astana das größte deutsche Manko war.

          Frische Brise aus der Liga?

          Ob Gomez das irgendwann einmal sein kann? Das erste Pflichtspieltor des Münchners im DFB-Trikot seit drei Jahren und vier Monaten war für ihn zwar ein ersehntes Erfolgserlebnis, zugleich aber irgendwie auch ein Muster ohne Wert: „Es war sicherlich nicht der Gegner, bei dem es sehr schwer ist, ein Tor zu erzielen.“

          Es war viel von Rückenwind für die Bundesliga die Rede in der Nacht von Astana – weit spannender aber könnte sein, ob nicht umgekehrt die frische Brise, die derzeit aus der Liga kommt, die eine oder andere vermeintliche Gewissheit im Nationalteam bis zum nächsten Frühjahr hinweggepustet haben wird.

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