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Nationalmannschaft : Kleine Entdeckungen im Land der Experimente

  • -Aktualisiert am

Löw geht nach getaner Arbeit in die Phase der Analyse über Bild: dpa

Bis zum nächsten Länderspiel hat Joachim Löw über zwei Monate Zeit, seine Schlüsse aus dem 0:1 gegen Dänemark zu ziehen. Der Bundestrainer hat bereits Schwächen des jungen Teams ausgemacht. Positiv bleiben Torwart Enke und Stürmer Helmes in Erinnerung.

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          Die Serie des Joachim Löw ist gerissen, aber das Ansehen des Bundestrainers nach wie vor intakt. Sogar sein Kritiker Morten Olsen reiste nach dem 1:0 seiner dänischen Fußball-Nationalelf gegen die deutsche Perspektivmannschaft einigermaßen zufrieden in die Heimat zurück. Gegen einen „hochmotivierten Gegner“ hatten sich die Befürchtungen des Nationaltrainers nicht erfüllt, dass der Test gegen das Team Deutschland 2012 zu einer Farce werden würde. Es war wirklich ein echtes Länderspiel an diesem Mittwochabend vor 31.000 Zuschauern in der Duisburger MSV-Arena, aber eines von der Sorte aus der Epoche vor Löw, als dem deutschen Spiel in unschöner Regelmäßigkeit Klasse und Niveau fehlten.

          Es hätte leicht mehr beschädigt werden können an diesem Abend als Löws Status des unbesiegten Bundestrainers. Hätten die Dänen die Vielzahl ihrer Torchancen genutzt, die sie sich trotz aller Bemühtheit der deutschen Nachwuchskräfte erarbeitet hatten, die Niederlage wäre mit mindestens drei Toren Unterschied ausgefallen, was die Glaubwürdigkeit des Bundestrainers erschüttert hätte. So aber konnte Löw den Sinn seiner Unternehmung vermitteln, sechs Debütanten ins Spiel gebracht zu haben und fünf Frischlinge mit weniger als zehn Länderspielen. „Wir brauchen gesunde Stammspieler, deshalb muss man sie ab und zu schonen. Und die jungen Spieler lernen bei diesen Einsätzen Dinge, die sie im Training nicht lernen können.“

          Der Nachwuchs konnte sich nur trösten

          So ein Spiel ist nicht die endgültige Bestimmung der Leistungsfähigkeit eines Fußballprofis. Wäre es so, dann müssten die Innenverteidiger Manuel Friedrich und Alexander Madlung sofort ihren Abschied von der Nationalmannschaft nehmen, müssten Außenverteidiger Clemens Fritz und die Mittelfeldspieler Rolfes, Hitzelsperger, Hilbert und Trochowski eine längere Übungsphase einlegen, bevor sie sich wieder in der Eliteauswahl vorstellen dürften. Aber zumindest Friedrich, Fritz und Trochowski haben an der Seite erfahrener Kollegen schon bewiesen, dass sie durchaus von Wert sein können für den deutschen Fußball.

          Kapitän ohne Bindung: Kuranyi konnte der DFB-Elf kaum Halt geben

          Ohne die Führung eines Ballack, Schneider oder Frings konnten sich die Nachwuchskräfte in vielen Szenen gegen die spielstarken Dänen nicht helfen, sondern nur trösten. Die von Bundestrainer Löw vor der Begegnung optimistisch in den Stand von Korsettstangen beorderten Friedrich, Hitzlsperger und Kuranyi vermochten dem deutschen Team jedenfalls keinen Halt zu geben. Friedrich zerrüttete in der ersten Halbzeit das deutsche Aufbauspiel durch seine Fehlpässe aus der Verteidigungsreihe und zersetzte im zweiten Teil den Abwehrverbund durch eine plötzlich auftretende Zweikampfschwäche.

          Hitzlsperger riss das Spiel nicht an sich

          Kuranyi verlor die Bälle in Rekordzeit und Hitzlsperger legitimierte das Vorurteil, dass sich im Spiel der Charakter eines Menschen ausdrücke. Der pausbäckige Bayer, der beim VfB Stuttgart sein Geld verdient, kommt vernünftig, brav und lernbegierig wie ein Klassenprimus daher. Aber als Chef, in der Rolle des Vorkämpfers, ist der allzeit ruhige und bedächtige Profi kaum vorstellbar. Am Mittwoch in Duisburg studierte Hitzlsperger aufmerksam das dänische Mittelfeldspiel, zog sicher seine Schlüsse daraus, doch zu Gegenaktionen vermochte er sich nur selten zu entschließen. Als zentraler Mittelfeldspieler hielt er sich meist aus den Aktionen heraus.

          Bundestrainer Löw verkniff es sich, Spieler einzeln zu kritisieren, verschwieg aber auch nicht die offensichtlichen Defizite: „Ich habe viele wichtige Erkenntnisse mitgenommen. Vor allem, wo die Schwächen einzelner Spieler liegen, was ich ihnen mitgeben kann, damit sie sich verbessern.“ Die Nachwuchskräfte, die ihm gefallen hatten, nannte Löw beim Namen: „Enke, Kießling, Helmes und Castro sind positiv aufgefallen.“ Dabei muss gerechterweise festgehalten werden, dass die Feldspieler Kießling, Helmes und Castro von der Gnade profitierten, erst in der zweiten Halbzeit ins Spiel gekommen zu sein. Denn als der dänische Trainer Morten Olsen fünf seiner Stützen zur Schonung auswechselte, geriet die skandinavische Ordnung und Kombinationssicherheit ins Wanken.

          Erstklassiger Zweitligastürmer

          Vor allem der Zweitligastürmer des 1. FC Köln, Patrick Helmes, konnte sich während seines fünfzehnminütigen Auftrittes eindrucksvoll in Szene setzen. Der Debütant erarbeitete sich drei große Torchancen. „Schon im Training war Patrick sehr präsent durch seine Schusstechnik und Torgefährlichkeit“, lobte der Bundestrainer. Löw kündigte an, in den nächsten Wochen ein intensives Gespräch mit Helmes über dessen Zukunft zu führen. Über den Stürmer ist zwischen seinem Kölner Klub und dem Erstliganachbarn Bayer Leverkusen ein Streit entbrannt. Beide meinen, für die nächste Saison einen Vertrag mit ihm zu haben. Als Bundesligaprofi würde Helmes leichter in den EM-Kader für 2008 kommen.

          In ruhigen Bahnen verläuft die Karriere des zweiten Gewinners von Duisburg. Torwart Robert Enke hat kürzlich seinen Kontrakt mit Hannover 96 verlängert. Gegen die Dänen gelang dem 29 Jahre alten Enke eine makellose Vorstellung, und seine Abwehr gab ihm reichlich Einsatzmöglichkeiten. „Enke ist ein Torwart mit viel Ausstrahlung und hervorragenden Reaktionen“, äußerte sich Löw sehr angetan über den Neuling. Ob Enke nun den Stuttgarter Timo Hildebrand als Nummer zwei hinter Jens Lehmann abgelöst habe? Der Bundestrainer hielt sich bedeckt, aber Enke, auf den die Bundesligaprofis große Stücke halten, liegt besser denn je im Rennen. Zumindest für ihn hatte sich dieses Länderspiel nicht nur perspektivisch, sondern auch in Echtzeit gelohnt.

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