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Nationalmannschaft : Guardiola light

Bewunderer Guardiolas: Bundestrainer Joachim Löw wandelt auf des Bayern-Trainers Spuren Bild: dpa

Bundestrainer Löw hegt Sympathien für das Fußball-Ideal des Bayern-Coaches Pep Guardiola. Beim 3:0 gegen Irland waren erste Wechselwirkungen zu spüren. Es bewegt sich endlich wieder was im deutschen Team in einer Grundordnung nahe am 4-1-4-1.

          Für die einen ist es ein richtiges Fass. Für die anderen ist es nicht größer als eine Maß auf der Wiesn. Letzteres sagte Philipp Lahm, ein Münchner natürlich, über das aus seiner Sicht eher kompakte kölsche Bierpräsent, das der Deutsche Fußball-Bund seinen Nationalspielern zur Feier der WM-Qualifikation in die Kabine bestellt hatte. Alles eine Frage der Perspektive also. Und passend dazu ließ sich nach dem 3:0-Sieg der Deutschen über Irland diskutieren, ob Joachim Löw nun ein größeres oder doch nur ein kleines Fass aufgemacht hatte mit seiner ungewöhnlichen Formation, die so nicht unbedingt zu erwarten gewesen war. Fest steht jedenfalls, dass er es getan hat – und damit Bewegung in die zuletzt etwas erstarrt wirkende deutsche Fußball-Nomenklatur gebracht hat.

          4-2-3-1, das war im deutschen Spiel seit Jahren das Maß aller Dinge. Wer wollte, konnte noch darüber philosophieren, ob die beiden Positionen vor der Abwehr nun als gleichberechtigte „Doppel-Sechs“ oder als „Sechser“ und „Achter“ mit einer defensiveren und offensiveren Rolle zu werten waren.

          Neue Zahlenkombination

          Am Freitagabend aber im Kölner Stadion waren nicht nur irische Reporter dabei zu beobachten, wie sie die vertraute Zahlenkombination von ihren Bildschirmen löschten und stattdessen die Zahlenfolge 4-1-4-1 in ihre Tastaturen tippten. Mag ja sein, dass es auf dem Platz selten so starr und schemenhaft zugeht, wie es die Systembezeichnungen suggerieren. Aber es war nicht zu übersehen, dass Sami Khedira eine deutlich zurückgezogenere Rolle spielte als seine beiden Kollegen im zentralen Mittelfeld, Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos.

          Die sich zwar nicht auf einer Linie mit den beiden Außen, Thomas Müller und André Schürrle, bewegten, aber doch ganz anders, als das zuletzt in der Nationalmannschaft zu sehen gewesen war. Irgendwie mehr - bayerisch. Dazu passte, dass Löw den Platz im Sturm an einen gelernten Mittelfeldspieler vergeben hatte, so wie das in den vergangenen Wochen auch Pep Guardiola bei den Münchnern bevorzugte. Nur, dass der Bundestrainer sich für Mesut Özil statt für Müller entschied. Alles in allem hatte es also etwas von „Guardiola light“, wie Löw die Aufgabe gegen die Iren anging.

          In Teilen geglückt

          Und zumindest in Teilen konnte man das Experiment als geglückt werten. Was die Rolle von Özil als sogenannter „falscher Neuner“ betraf, fiel die Bilanz gemischt aus. Özil machte seine Sache in seinem 50. Länderspiel naturgemäß ordentlich, weil es gar nicht vorstellbar ist, dass einer mit seinen Fähigkeiten sich auf irgendeiner offensiven Position nicht zurechtfinden könnte. Zugleich war es überdeutlich, dass er seine Stärken dann am besten ausspielte, wenn er sich nicht aus vorderster Linie in das Kombinationsspiel einschaltete, sondern eher aus seiner angestammten Position hinter der Spitze gestaltete – auch wenn er in der Nachspielzeit den dritten Treffer beisteuerte.

          Stille Reserve aktiviert: Die taktische Umstellung hat Toni Kroos einen Platz im Team beschert

          Der Bundestrainer bewertete diesen Teil des Experiments vielleicht nicht als Volltreffer, aber dennoch als gelungen. „Es ist immer eine Variante“, sagte er, „weil man damit eines erzielt: ein Übergewicht im Mittelfeld“. Und dass die deutsche Mannschaft im Zentrum eine „absolute Dominanz“ besessen hatte, wie Löw es formulierte, ließ sich nicht bestreiten. Es sah bei allem Zirkulieren und Rochieren, dem die Iren nur mit Müh und Not folgen konnten, zwar immer ein bisschen aus, als fehlte der Fluchtpunkt aller Bemühungen: eben ein echter Stürmer. Aber vielleicht hat das ja wirklich mehr etwas mit Rezeptionsgewohnheiten als mit einer echten Leerstelle zu tun. Zu ausreichend Torchancen kam die deutsche Mannschaft jedenfalls auch so.

          Stille Reserve aktiviert

          Der wahre Gewinn von Özils Positionstausch aber bestand noch in etwas ganz anderem: So erst wurde nämlich der Platz für Toni Kroos im Team frei. Und es war, als hätte Löw damit eine stille Reserve aktiviert, die so kaum jemand auf der Rechnung hatte. Kroos schlug, schnickte und lupfte die Bälle seinen Kollegen über beliebige Distanzen mit völliger Selbstverständlichkeit so präzise in den Fuß, dass er – und nicht sein Nebenmann Schweinsteiger – als Steuermann der deutschen Offensive gelten durfte. „Außerordentlich gut, Toni Kroos, außerordentlich gut“, sagte der Bundestrainer. „Alles, was er gemacht hat, hatte Hand und Fuß.“ Besonderen Erinnerungswert besaß die Vorarbeit zu Schürrles 2:0 (58. Minute), mit dem die deutsche Elf nach der frühen Führung durch Sami Khedira (12.) endgültig die Weichen Richtung Brasilien gestellt hatte.

          Kroos war so gut, dass man sich kaum vorstellen mag, dass er seinen Platz in der Startelf demnächst wieder verlieren könnte – ist aber gut möglich. Natürlich war Löws Testlauf gegen Irland in hohem Maße aus der Not heraus geboren, weil ihm etliche Stammkräfte fehlten. Und auch wenn sich der Bundestrainer schon länger mit Gedankenspielen in Richtung „falscher Neuner“ beschäftigt und es auch schon einmal in der Praxis ausprobiert hatte, 30 Minuten lang gegen Frankreich: Wenn Miroslav Klose seine Verletzung auskuriert hat, wird an ihm als einzigem Stürmer kaum ein Weg vorbeigehen, Özil würde wieder ins zentrale Mittelfeld rücken. Für Kroos wäre dann kein Platz mehr – es sei denn, man stellte Khedira oder Schweinsteiger zur Disposition.

          Wie würde Pep das machen? Löw im Gespräch mit Assistent Hansi Flick

          Undenkbar? Nicht nur in dieser Frage wird es spannend zu sehen sein, wie sich das Münchner Reformprojekt unter Guardiola in den nächsten Monaten entwickelt. Dass Löw ausgesprochene Sympathie für das Fußball-Ideal des Katalanen – wenn nicht gar eine Seelenverwandtschaft – empfindet, ist bekannt. Gegen Irland machte es den Eindruck, als seien erste Wechselwirkungen zu spüren. Was daraus für den nächsten Sommer folgt (und auch für Spiele gegen stärkere Gegner), ist heute noch nicht absehbar. Ein bisschen Bewegung aber durfte ruhig mal wieder sein.

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