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Nationalmannschaft : Ein starkes Team

Erfolgsverwöhnt: Die Deutschen jubeln über das 1:0 gegen die Türkei Bild: dpa

Lange nicht konnte die erste Fußballauswahl des Landes personell aus einem so reichen Reservoir schöpfen. Für die Spieler beginnt der Kampf um die Stammplätze.

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          Tor: Unangreifbar

          Wer vermisst eigentlich René Adler? Am Bedeutungsverlust des Leverkuseners, bis zu seiner Verletzung kurz vor der WM 2010 die Nummer eins, lässt sich am besten ablesen, wie groß der Reichtum an Torhütern derzeit ist. Selbst wenn Adler zur Rückrunde wieder fit werden sollte, bedeutet das noch lange nicht die Rückkehr in den deutschen Kader. Dort wird hinter dem unbefristet unangreifbaren Manuel Neuer auf beachtlichem Niveau um die Plätze zwei und drei gestritten - mit dem Potential für Überraschungen.

          Wer vermisst eigentlich René Adler? Manuel Neuer mit Sicherheit nicht
          Christian Kamp
          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          So hat Tim Wiese zwar aktuell die Rolle des ersten Stellvertreters inne und besitzt gegenüber allen anderen Bewerbern ein unbestrittenes Plus: Erfahrung. Seine mitunter halsbrecherische Interpretation von Löws Idealtyp des mitspielenden Torwarts lässt seine Position jedoch durchaus diskutabel erscheinen. Zumal die nächste Generation einen ziemlich abgeklärten Eindruck macht, Ron-Robert Zieler (22) etwa oder der von Löw zuletzt vielgelobte Marc-André ter Stegen (19). Der ist in der Hierarchie der U-21-Auswahl übrigens nur die Nummer drei hinter Kevin Trapp (21) und Oliver Baumann (21). Und wenn Bernd Leno (19) seine Entwicklung fortsetzt, könnte auch er noch ins Blickfeld geraten. Dass Deutschland in den kommenden Jahren ein ernsthaftes Torwartproblem bekommt, ist jedenfalls so wahrscheinlich wie eine Renaissance des Rumpelfußballs. Was nichts daran ändert, dass ein Ausfall Neuers einer der größtmöglichen Unglücksfälle wäre.

          Abwehr: Löws Experimentierfeld

          17 Spieler in 16 Spielen hat Bundestrainer Joachim Löw nach Abschluss der WM-Kampagne im hinteren Teil ausprobiert. In keinem anderen Mannschaftsblock waren die Veränderungen so groß. Schon seit Jahren kommt die Abwehr nicht aus der Diskussion, obwohl die Defensive im Ernstfall bei Turnieren und in Qualifikationsrunden stand. Derzeit erhält das Team pro Spiel ein Gegentor - das war schon einmal besser. Mit dem Seitenwechsel Philipp Lahms von der rechten zurück auf die linke Seite hat sich eine neue Situation ergeben.

          Neben dem gesetzten Kapitän kristallisiert sich eine kleine Gruppe von Kandidaten heraus. Trotz Verletzungspausen und Formschwankungen genießt Per Mertesacker offenbar weiterhin das Vertrauen Löws. Der Arsenal-Verteidiger ist Führungsspieler und erprobt in mittlerweile drei Turnieren. An seiner Seite steht Holger Badstuber, permanent auf dem Sprung zur Stammkraft ist Mats Hummels. Jerome Boateng ist eigentlich gelernter Innenverteidiger, wird aber aufgrund des mangelnden Angebots auf der rechten Bahn eingesetzt. Gleiches gilt für den Schalker Benedikt Höwedes, der in seinem Klub ebenfalls in der Abwehrzentrale spielt. Sein Stil ist ein wenig defensiver als der Boatengs, der gerne mit Riesenschritten nach vorne strebt. Träsch (rechts), Aogo und Schmelzer (beide links) sind nur Backup.

          Mittelfeld: Alles ist möglich

          Marco Reus darf sich seit Freitag als Nationalspieler fühlen, Ilkay Gündogan womöglich von diesem Dienstag an, wenn er gegen Belgien zum Einsatz kommt. Bundestrainer Löw gönnt sich den Luxus, in seiner mit Qualität ohnehin überreich gesegneten Vorzeigeabteilung noch ein paar Kandidaten vorspielen zu lassen. Die Fülle des Spitzenpersonals im Mittelfeld hat neben dem Konkurrenzkampf als solchem noch einen zweiten positiven Aspekt: Löw kann für verschiedene taktische Varianten die am besten geeigneten Spielertypen kombinieren. Ob das WM-erprobte 4-2-3-1, das offensivere 4-1-4-1 oder das altbewährte 4-4-2 - alles soll möglich sein.

          In der Mitte gesetzt: Schweinsteiger bürgt für höchstes Niveau

          Acht Namen wird man, so nichts Unerwartetes passiert, mit Sicherheit im Kader finden: Schweinsteiger, Özil, Müller, Khedira, Kroos, Schürrle, Podolski und Götze. Wobei die ersten drei für allerhöchstes Niveau bürgen. Schweinsteiger als Stratege, der das Spiel zusammenhält, Özil und Müller jeweils auf ihre Art als Genies für den besonderen Moment. Daneben stehen Kroos und Khedira vor einem offenen Duell, ebenso Podolski und Schürrle. Für die weiteren Kandidaten gilt: Zu den Spitzenkräften der Liga zu gehören sichert keinen Platz im Nationalteam: Rolfes, die Bender-Zwillinge oder der von Löw geschätzte Reus müssen für sich werben, mehr noch Gündogan, Großkreutz oder Holtby. Und falls der Bundestrainer damit noch nicht genug hat, kann er ja überlegen, ob sein Gefüge noch einen weiteren schnellen, frechen, torgefährlichen Mann wie den Leverkusener Sam vertragen würde.

          Angriff: Vereinte Rivalen?

          Bleiben die beiden Platzhirsche von Verletzungen und sportlichen Krisen verschont, ist die Personalsituation im vordersten Teil sehr überschaubar. Mit seinem cool vorbereiteten Treffer gegen die Türkei ist Mario Gomez einen Schritt weiter gekommen im Duell mit dem vom Bundestrainer bislang in der Spitze favorisierten Angriffs-Granden Miroslav Klose. Dieser hat sich zwar gerade verletzt und fällt fürs Belgien-Spiel am Dienstag wohl aus, zeigt sich aber bei seinem neuen Verein Lazio Rom mit 33 Jahren frisch motiviert.

          Schon bei den Bayern ein Duo: Spielen Gomez (l.) und Klose auch im DFB-Dress zusammen?

          Mit der Ankündigung des Bundestrainers, künftig nicht immer nur mit einem Stürmer spielen zu wollen, sondern die Mannschaft flexibel auch einmal nach dem 4-4-2-System aufzustellen, würde es zur Vereinigung der Rivalen kommen. Ob beide allerdings gut harmonieren, ist nicht gesichert. Bei den Bayern befanden sie sich selten gemeinsam auf dem Feld. Hinter Gomez und Klose ist derzeit personelle Wüste. Frühere Bewerber wie Kießling, Helmes oder Kuranyi sind entweder weit im Hintertreffen oder ganz raus aus dem Spiel. Die Tore in der Bundesliga schießen vor allem die Ausländer. Bleibt eine Restchance für den treuen, flexibel einsetzbaren Cacau. Zudem könnte auch mal Müller aus dem Mittelfeld nach vorne gezogen werden. Für den stürmischen Podolski käme das nicht in Frage.

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