https://www.faz.net/-gtl-7togz

Nationalmannschaft : Die neue Gelassenheit

Selbst der verlorene Sohn brauchte den Unmut des Dortmunder Publikums nicht zu fürchten: Mario Götze bei seinem Auftritt gegen Schottland Bild: dpa

Die verständnisvolle Reaktion des Publikums auf die mäßigen Darbietungen der deutschen Nationalmannschaft bei ihren vergangenen beiden Auftritten zeigt: Als Weltmeister lebt es sich eben leichter.

          2 Min.

          Nach knapp einer Stunde kam es zu einem bemerkenswerten Duell um die Meinungshoheit im Dortmunder Stadion. Auf der Südtribüne, wo sich die eingefleischten Borussen-Fans beheimatet fühlen, erklang plötzlich der Name von Mario Götze. Es war der Versuch, der gelben Wand einen schwarz-rot-goldenen Anstrich zu geben; aus dem abtrünnigen Dortmunder Götze den deutschen WM-Siegtorschützen Götze zu machen. Die Rufe provozierten umgehend Pfiffe, aber die Götze-Unterstützer setzen sich, wenn auch knapp, am Ende stimmlich durch. In diesem Moment war der deutsche WM-Bonus, den sich die Mannschaft und Götze in Brasilien verdient haben, sogar hörbar.

          Die ersten beiden Auftritte, des gegen Argentinien (2:4) und nun gegen Schottland (2:1), meist gar nicht weltmeisterlichen Weltmeisters markieren daher nicht nur sportlich, sondern auch atmosphärisch eine neue Zeitrechnung, auf die sich das Team und der Trainer trotz schwächerer Leistungen etwas einbilden können. Natürlich gab es eine Menge Gründe, die Niederlage erst gegen den WM-Finalisten und nun die Mühsal gegen den EM-Gegner zu erklären: Rücktritte, Verletzungen, mentale und körperliche Tiefs. Aber solche oder ähnliche Gründe hat es in der nun schon achtjährigen Ära des Bundestrainers immer wieder gegeben. Aber so verständnisvoll haben Publikum und Publizistik selten auf ganz menschliche und sportliche Schwächen der Nationalelf reagiert. Als Weltmeister lebt sich es eben leichter - so viel lässt sich angesichts der Reaktionen auf die Defizite in der vergangenen Woche sagen.

          Vertrauen ist spürbar gewachsen

          Die ungnädigen und damit ungehörigen Pfiffe gegen Gomez in Düsseldorf ändern daran nicht viel. Zum einen wird dem bei der WM verletzten Stürmer ein WM-Bonus offenkundig nicht zugestanden. Zum anderen verfehlten die Proteste von Team und Trainer nicht ihre Wirkung, die sich diese Unsportlichkeit gegen Gomez nachträglich und gegenüber Götze vorsorglich verbeten hatten. Dortmund war dann ganz auf deutscher Seite. Dabei hätte es neben des Ressentiments gegenüber dem verlorenen Weltmeister-Sohn noch reichlich andere Gründe gegeben, auf das Team zu pfeifen: zahlreiche Nachlässigkeiten in der Defensive in der zweiten Halbzeit, geringe Zielstrebigkeit in der Offensive, fehlende Kampf- und Einsatzfreude. Vor der WM haben schon weit bessere Leistungen weit mehr Unmut erzeugt.

          Mit dem guten Gefühl jedoch, dass dieses Team weiß und eben auch bewiesen hat, was zu tun ist, wenn es drauf ankommt, ist das Vertrauen in und um die Nationalelf erkennbar gewachsen. Auch der Bundestrainer wirkte nicht angestrengt in diesen Tagen, wenn er über die aktuellen Schwächen sprach, die sich noch gut und gerne bis zum Ende des Länderspieljahres hinziehen können. Der ganz große wechselseitige Druck, der gerade in den vergangenen beiden Jahren in der Beziehung der Deutschen zu ihrer Lieblingsmannschaft entstand - hier eine Nationalelf, die sich unbedingt beweisen will, und da ein Publikum, das seine Ansprüche endlich befriedigt sehen möchte -, ist einem WM-Bonus gewichen, der wieder etwas Maß und Mitte ins Spiel zurückbringen könnte. Ein Schuss Gelassenheit kann dem deutschen Fußball jedenfalls nicht schaden. Und das nicht allein auf dem langen Weg nach Frankreich.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Lichtes Moment

          Trainerwechsel bei Mainz 05 : Lichtes Moment

          Cheftrainer Achim Beierlorzer wurden keine neuen Impulse mehr zugetraut. Nun übernimmt der Ko-Trainer Jan-Moritz Lichte bei Mainz 05 – für ihn sprechen vor allem vier Aspekte.

          Topmeldungen

          Probanden eines Großversuchs der Universitätsmedizin Halle/Saale sitzen in der Arena Leipzig.

          Sars-CoV-2 in Aerosolen : Was wissen wir über die Ansteckung in Räumen?

          Das Ansteckungsrisiko nimmt zu, soviel ist klar. Aber warum eigentlich steckt man sich in der kalten Zeit eher an? Aerosolforscher haben mit Gerüchten aufgeräumt und die Fakten sortiert – und treten dabei auch der Weltgesundheitsorganisation auf die Füße.
          Ein Pub in London am 24. September 2020

          Keine laute Musik im Pub : Tories rebellieren gegen Corona-Auflagen

          Rund fünfzig konservative Abgeordnete im britischen Unterhaus wollen die Pandemie-Politik der Regierung Johnson nicht mehr mittragen. Sie fühlen sich an einen totalitären Überwachungsstaat erinnert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.