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Nationalmannschaft : Die Generation 2011 erhöht den Druck

Nachwuchskräfte Hummels (l.) und Schürrle: Müdigkeit und Überbelastung gibt es nicht Bild: dpa

Die Perspektiven des deutschen Team könnten vor der Partie in Aserbaidschan besser nicht sein: Junge Spieler wie Hummels, Schmelzer oder Schürrle sollen als Leistungsbeschleuniger für die ganze Mannschaft wirken.

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          Joachim Löw setzte sich vor der Saison, die an diesem Dienstag um kurz vor Mitternacht in Baku am Kaspischen Meer zu Ende geht, zwei wichtige Ziele. Das Erste: sich so schnell wie möglich für die Endrunde der Europameisterschaft qualifizieren. Mit diesem Vorhaben liegt der Bundestrainer rekordverdächtig gut. In Aserbaidschan hat der WM-Dritte bei seinem 36-Stunden-Kurztrip gegen die Weltranglistennummer 108 beste Chancen auf den siebten Sieg im siebten Spiel. „Dann hätten wir 21 Punkte, wer soll uns dann noch einholen?“, fragt Löw. Niemand, natürlich.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Wie sich das mit dem zweiten Ziel verhält, lässt sich vor der Abschlusspartie dieser Spielzeit allerdings nicht ganz so einfach sagen. Löw wollte im Jahr nach der Weltmeisterschaft weitere junge Spieler für seine ohnehin schon junge Mannschaft entdecken. Bis zum Duell gegen Österreich schaffte es jedoch keine der Nachwuchshoffnungen bei einem Qualifikationsspiel bis in die Startformation. Im Saisonschlussspurt waren dann in Wien immerhin Marcel Schmelzer und Mats Hummels erstmals dabei. Auch gegen Aserbaidschan werden die beiden Dortmunder nun von Anfang an spielen, aber eine Garantie für die Zukunft ist das noch lange nicht. Hummels allerdings, soviel lässt sich vor dem zwölften und letzten Saison-Länderspiel mit Gewissheit sagen, ist der Aufsteiger der Generation 2011. Er hat sich nach ein paar Praktika eine Perspektive bei Löw erkämpft – und als Nachfolger von Özil hat er es auf das Cover des Computerspiels „Fifa 2012“ gebracht. Dort spielt er, als Innenverteidiger, in einer Liga mit den Stars Rooney und Kaka.

          Die Fluktuation ist rekordverdächtig

          In der realen Fußball-Welt muss man Mats Hummels mit solchen Vergleichen nicht kommen. Der Dortmunder hofft an diesem Dienstag in der Partie in der mehr als 5000 Kilometer von zuhause entfernten Hauptstadt am Kaspischen Meer mit einem Zeitunterschied von drei Stunden und einem Spielbeginn um 22 Uhr Ortszeit (19 Uhr MESZ im FAZ.NET-Länderspiel-Liveticker) auf einem holprigen Platz nur auf das nächste Karriere-Schrittchen. „Es ist ein kleines Zeichen“, sagt Hummels über das Vertrauen, das ihm Löw in den letzten Tagen der Saison entgegenbringt. „Die Chance ist da, und ich weiß, dass ich die Qualität dafür habe.“

          Neue Gesichter: Mats Hummels, Lewis Holtby und Sebastian Rudy (v.l.) im deutschen Team

          Löw hat in seiner Amtszeit nahezu fünfzig Neulingen eine Chance gegeben, gegen Aserbaidschan könnte mit Sebastian Rudy aus Hoffenheim, der zusammen mit dem künftigen Schalker Lewis Holtby am Sonntag nachnominiert wurde, ein weiteres neues Gesicht hinzukommen. Doch die Durchlässigkeit ist seit der WM geringer geworden, die Leistungsdichte größer. Serdar Tasci etwa, der lange als ein Lieblingskandidat von Löw für die Innenverteidigung galt, zählt für den Bundestrainer in diesen Tagen schon nicht mehr zum ersten Kreis der Nachrücker. Aber auch einem anderen WM-Fahrer wie Marcell Jansen hat Löw vor den letzten Aufgaben des Jahres schon mitgeteilt, dass er in der kommenden Saison weit mehr an sich arbeiten müsse, um im Kader noch einen Platz zu finden.

          „Da kann man sich doch noch mal voll auspowern“

          Die Fluktuation in den vergangenen beiden Jahren ist bei aller aktuellen Verletzungsmisere ebenfalls rekordverdächtig. Von den 14 Spielern, die Löw im August 2009 beim 2:0 im WM-Qualifikationsspiel in Baku einsetzte, stehen an diesem Dienstag nur noch Lahm und Özil in der Anfangsformation. Das Prinzip Löw bis zur EM 2012 wird ziemlich klar: Die jungen Spieler der Generation 2011 sollen, indem sie hart an ihrer internationalen Karrierechance arbeiten, als Leistungsbeschleuniger für das ganze Team wirken.

          Hummels und seine jungen Kollegen haben das längst verstanden. „Wir alle wissen, dass wir sehr gut spielen und uns sehr gut einbringen müssen, damit wir eine Chance haben. Es ist natürlich nicht einfacher geworden, weil es mehr junge Spieler gibt als vielleicht vor vier Jahren. Aber die Chance ist immer da“, sagt der Dortmunder. Wenn man jedoch die nötige Qualität besitze, dann könne man sich auch gegen zehn Konkurrenten durchsetzen, wo es früher vielleicht nur drei gewesen wären (siehe: Mats Hummels: „Machtgehabe hat was von Kindergarten“ ).

          Müdigkeit und Überbelastung gibt es für Hummels nicht

          Als Hummels am Sonntag auf dem Podium in Wien neben dem Bundestrainer saß und hörte, wie Löw vor dem letzten Spiel über die Belastungen zum Ende einer Saison klagte, dazu den Rahmenterminkalender des Internationalen Fußball-Verbandes kritisierte, auf entsprechende Veränderung drängte und einen längeren Urlaub für die am stärksten belasteten Nationalspieler forderte, waren das Erfahrungen, von denen der 22 Jahre alte Hummels mit seinen sechs Länderspielen am eigenen Leib noch überhaupt nichts gespürt hat. Leider, wie er findet. In der vergangenen Saison wäre er so gerne bei der WM gewesen, aber Löw winkte ab.

          Der hochtalentierte und in der Spieleröffnung sowie im Kopfballspiel besonders starke Innenverteidiger fiel unter das Diktum des Bundestrainers, das besagt, dass eine herausragende Saison in der Bundesliga nicht mehr für einen Stammplatz in der Nationalmannschaft genügt. Früher, also noch im vergangenen Jahr, funktionierte das anders. Und weil Hummels beim Ausklang in Aserbaidschan nun keine WM oder Champions League in den Knochen steckt, begegnet er der Diskussion um hohe Belastungen ganz frisch und frei, wie er es in Dortmund bei Jürgen Klopp gelernt hat. Müdigkeit und Überbelastung gibt es für Hummels nicht, nur Hingabe und Leidenschaft. „Danach kommt doch kein Spiel mehr“, sagt der Dortmunder Meister ganz entspannt, „da kann man sich doch noch mal voll auspowern“.

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