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Nationalmannschaft : Der schmale Grat am Fenster

Ballack, Ballack, immer wieder Ballack Bild: AP

Michael Ballack kehrt in den Schoß der Nationalmannschaft zurück - gut gelaunt und vorsichtig. Er begrüßt Datenbanken und Innovationen, er erkennt Nada-Vorschriften an und kritisiert zugleich Eingriffe ins Privatleben und bereut seine eigene Kritik nicht.

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          Hoffenheim ist überall. Im Kader zum Testspiel gegen Norwegen am Mittwoch ist Andreas Beck schon als dritter Spieler des Aufsteigers dabei. Assistenztrainer Hansi Flick trainierte den Klub einst in der Regionalliga, und der DFB-Psychologe Hans-Dieter Hermann ist gleichzeitig auch für den Tabellenführer tätig. Am Montag tauchte dann auch noch Dietmar Hopp auf dem Podium der DFB-Pressekonferenz auf, und man wusste nicht genau, ob Hopp nun vielleicht auch den Deutschen Fußball-Bund übernommen hatte.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Aber es ging nur darum, eine neue Datenbank des Verbandes vorzustellen. Als der bei der Nationalmannschaft dafür zuständige und mit neuen Techniken bestens vertraute Flick umständlich versuchte, die Vorteile des neuen Systems mit diffusen Hinweisen auf den „gläsernen Profi“ zu erklären, wurde aber nicht recht deutlich, was die Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft 2010 und darüber hinaus technologisch voranbringen soll.

          Hopp weiß, wie man Erfolg verkauft

          Zum Glück saß aber eben auch Hopp mit auf dem Podium, der sich wohl wie kein anderer in Deutschland zugleich mit Computern und Profifußball auskennt. Der im Hintergrund lenkende Mäzen von Tabellenführer Hoffenheim ist nämlich auch Hauptinvestor des Unternehmens ICW, mit dem der Verband kooperiert und das nun ganz modern auch als „DFB-Performer“ firmiert. Hopp nannte das Projekt kurz und knapp eine „riesige Innovation“, und er freue sich sehr, dass der DFB diesen Weg gehe.

          Gefragter Mann: „Ich bereue es nicht”

          Hopp sagte dem Verband damit einen „Riesenfortschritt voraus“, denn die ständige Entwicklung im globalisierten Fußball „zwingt zu Innovationen“. Vereine und Verbände müssten wie Unternehmen geführt werden, „auch wenn das manche nicht gerne hören“. Und die Datenbank sei eine solche Innovation, man könne damit unter anderem auch Talente frühzeitig erkennen, sagte Hopp. Er weiß, wie man Erfolg verkauft.

          „Der bewegt sich ja doch ab und zu mal“

          Manager Oliver Bierhoff ergänzte zufrieden, dass die Nationalmannschaft mit ihrer Datenbank für die A-Mannschaft und die „U 21“ international „Vorreiter“ sei. Kein anderer Verband könne eine solche Plattform vorweisen, auf der Spiel- und Spielerbeobachtungen, Videoanalysen, Ergebnisse der Leistungsdiagnostik und Spielerdaten gesammelt und ständig erweitert werden könnten, zum Beispiel mit Daten zur Gesundheit.

          Als der große Fußball-Modernisierer Hopp dann die Bühne verließ, traf er auf Michael Ballack, den großen Fußball-Realisten. Die beiden Welten schüttelten sich anerkennend die Hände, und als der Kapitän am Techniktag der Nationalmannschaft kurz darauf dann zum Nutzen dieses neuen Werkzeugs weit ab vom Spielfeld befragt wurde, sprach der weltläufige Kapitän. „In einem komplexen Sport wie Fußball ist das unumgänglich.“ Ballack ergänzte vergnügt, wie sehr er diese Technik schätze. Früher hätte es oft geheißen, er stehe nur rum oder trabe über den Platz, aber die Daten sprächen eben eine andere Sprache: „Der bewegt sich ja doch ab und zu mal.“

          Da werde nichts hängenbleiben, glaubt Ballack

          DFB-Performer Ballack bewegt sich nicht nur (er gehört zu den lauffreudigsten Spielern der Nationalmannschaft), auch seine Worte bewegen die Nationalmannschaft. Seit seiner Kritik vor einem Vierteljahr in dieser Zeitung an Bundestrainer Joachim Löw wird der Kapitän am Mittwoch in Düsseldorf erstmals wieder auf dem Platz stehen. (siehe: Michael Ballack im F.A.Z.-Interview: „Frings' Rücktritt wäre schlimm“.

          Ballack war bei seinem ersten öffentlichen Auftritt im DFB-Kreis um Gelassenheit und freundliche Zuversicht bemüht, aber von seiner Kritik wollte er nichts zurücknehmen. „Es ist ein schmaler Grat, wie weit man sich aus dem Fenster lehnt“, sagte der Mittelfeldspieler des FC Chelsea. Er habe nur seine ehrliche Meinung gesagt. „Ich bereue es auch nicht“, sagte Ballack, der sich auf Kosten von Thomas Hitzelsperger und Simon Rolfes für seinen Mittelfeldkumpel Frings stark gemacht hatte. „Es hat niemandem geschadet.“ Mit den Münchnern Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger, die sich wiederum über seine Äußerungen öffentlich beklagt hatten, habe er mittlerweile gesprochen, sagte Ballack. Da werde nichts hängenbleiben, glaubt er.

          „Es wird teilweise massiv ins Privatleben eingegriffen“

          Am Montagnachmittag erhielten der Kapitän und die anderen Nationalspieler dann Nachhilfe angesichts der neuen Richtlinien im Antidoping-Kampf durch einen Vertreter der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada). Das neue, zu Jahresbeginn eingeführte Meldesystem stößt, vorsichtig formuliert, nicht auf die vollständige Unterstützung des deutschen Kapitäns. Nationalspieler sind der zweiten von drei möglichen Gefährdungskategorien zugeteilt, was dazu führt, dass sie über drei Monate im Voraus ihren täglichen Aufenthaltsort bei der Nada angeben müssen; Sportler der höchsten Gefährdungsklasse müssen sogar zu einer festgelegten Stunde täglich erreichbar sein.

          „Der Zweck ist positiv. Aber es wird teilweise massiv ins Privatleben eingegriffen“, sagte Ballack über eine sich im deutschen Sport erst allmählich entwickelnde Diskussion über die Frage der Zumutbarkeit und Effizienz der neuen weltweiten Regelungen. „Es stößt hier und da auf Unverständnis“, sagte Ballack diesmal vorsichtig. „Aber es ist auf jeden Fall kritisch zu sehen.“

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