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Nationalmannschaft : Der ewige Poldi

Lukas Podolsi will nicht vorangehen Bild: REUTERS

So ernst kann die Lage nicht sein, dass sich Lukas Podolski änderte. Neben den gereiften Kollegen in der deutschen Nationalmannschaft wirkt der Kölner wie ein Berufsjugendlicher. Noch genießt er das Vertrauen von Bundestrainer Joachim Löw.

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          Es ist nicht so, dass es Lukas Podolski verborgen bliebe, wie sich die Welt um ihn herum verändert. Das geht ja schon eine ganze Weile so. Es fing vor über zwei Jahren an, als Bastian Schweinsteiger begann, sich von der Jugendgruppe „Schweini & Poldi“ und deren Image zu lösen. Schweinsteiger hat dabei seit den ersten gemeinsamen Tagen bei der Nationalmannschaft einen Weg zurückgelegt, auf dem Podolski ihm schon lange nicht mehr folgen kann. Aber das stört Podolski nicht, er mag das sogar. Drei Tage vor dem deutschen Auftakt gegen Australien sitzt Podolski wie eh und je neben Harald Stenger auf dem Podium, und irgendwann saust dann seine Hand krachend auf die Schulter des Mediendirektors, wie immer. Podolski macht dann noch ein paar flapsige Bemerkungen gegenüber Marko Marin. Auch das gehört zu seinem Selbstbild als „Poldi nazionale“. Aber mittlerweile sind die Rollen nicht mehr stimmig. Stürmerkollege Marin ist vier Jahre jünger als Podolski und gibt ernsthaft Auskunft über seine sportlichen Ambitionen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Podolski hat selbstverständlich festgestellt, „dass hier ja viele junge Spieler sind“. Man kann schon von einer neuen Generation sprechen, und dass er zu dieser Gruppe nicht mehr gehört, weiß er auch. Aber was soll's. Poldi will Poldi bleiben. Wie groß der Widerstand des ewigen Poldi gegen Veränderung ist, wird deutlich, als man ihn auf die ungewisse Zukunft von Bundestrainer Joachim Löw anspricht. „Ich hoffe, dass alles so bleibt in der Nationalmannschaft.“ Alles soll bleiben, wie es ist: der Trainer, die Nationalmannschaft - und ein flapsiger Poldi mittendrin.

          Tatsächlich droht dieser Traum schon in Südafrika dahinzuschwinden. Tatsächlich ist längst nichts mehr für Podolski, wie es einmal war. Vier Jahre in der Bundesliga, in denen er die Erwartungen teils fröhlich, teils verärgert und frustriert, aber eigentlich nie selbstkritisch unterlief, haben den in dieser Zeit trotzdem erfolgreichsten Stürmer der Nationalmannschaft an einen Wendepunkt geführt. Der Bundestrainer erwartet, dass Podolski bei der WM „explodiert“.

          Schweini&Poldi war einmal: Schweinsteiger ist mittlerweile Führungskraft, Podolski aber immer noch Poldi

          Wenn dem Stürmer aber diesmal das Kunststück misslingt, sich wieder wie auf Knopfdruck während eines großen Turniers von einem Bundesliga-Mitläufer in einen Weltklasse-Stürmer zu verwandeln, könnte das Phänomen Poldi auch ganz schnell implodieren. Die jungen Offensivspieler Marin, Müller und Kroos warten nur auf ihre Chance.

          Aber darüber macht sich Podolski keine Gedanken, zumindest spricht er nicht darüber. Das Gefühl, dass er bei dieser WM unter besonderer Beobachtung steht, dass seine Karriere an einem Wendepunkt angelangt ist, diesen Eindruck hinterlässt Lukas Podolski in Südafrika jedenfalls für keine Sekunde. Für ihn ist alles wie immer. „Ich bin gut drauf. Ich habe gut trainiert - und die Spiele waren auch gut“, sagt er. Der Kölner Angreifer setzt ganz einfach weiter auf die Verwandlungskraft, die für ihn im DFB-Trikot steckt. „Ich will dort ansetzen, wo ich die letzten Turniere aufgehört habe.“

          Falls ihm das gelingt, würde Podolski in seinem bereits vierten Turnier zu den stärksten deutschen Kräften gehören. Das war er schon beim Confederations Cup 2005, bei der WM 2006 und zuletzt bei der Europameisterschaft 2008, als er von der Ersatzbank des FC Bayern zum auffälligsten deutschen Nationalspieler wurde. Aber aus diesem Erfolg folgte nichts, und als er im vergangenen Herbst Kapitän Ballack einen Wischer ins Gesicht verpasste, schützte ihn neben seinen alten Verdiensten vor allem sein Ruf als Spaßvogel vor ernsthaften Konsequenzen. Einem Poldi lässt Löw die Respektlosigkeit durchgehen, einem Podolski wohl nicht.

          Kritik am Kölner Spiel

          Nach dem Ausfall von Ballack vor gut drei Wochen kam sein Kumpel Schweinsteiger wie selbstverständlich als Kapitän ins Gespräch; der Bundestrainer beförderte ihn dann zum Vize, dazu in den Mannschaftsrat und zum emotionalen Anführer. Lukas Podolski hätte mit über siebzig Länderspielen auch ein Kandidat sein können, aber ihn nur mit einer einzigen dieser Aufgabe zu betrauen, daran dachte niemand. Auch Podolski nicht. „Ich bin nicht der Spieler, der nach vorne geht.“ Er meint das für seine teaminterne Rolle, nicht für seine Aufgaben auf dem Platz. Poldi will spielen, mehr nicht. Immer noch nicht. Bei ihm heißt das: „Ich will einfach Spaß haben.“

          Seit der EM aber ging es fast nur bergab für Podolski. Er empfindet das anders. „Wir haben den Klassenerhalt geschafft. Das war unser Ziel“, sagt er über die vergangene Saison. Im ersten Jahr seiner Kölner Rückkehr nach dem gescheiterten Wechsel in die anspruchsvolle Welt des FC Bayern erzielte er nur zwei Tore, auch seinem Führungsanspruch wurde er nicht gerecht. Podolski findet viele Gründe dafür. „Ich will nicht auf dem FC rumhacken. Aber Köln spielt mit einer defensiven Ausrichtung, die liegt mir nicht. Hier spielen wir offensiver und hier sind die besten Spieler Deutschlands“, sagte er in Südafrika.

          Zuvor kritisierte er seine Kritiker, die immer alles drehten, wie es gerade passe. Er beklagte sich auch über Trainer Soldo, der tatsächlich kaum mit ihm spricht und ihm schon gar nicht die Anerkennung und Zuneigung entgegenbringt, die Podolski in der Nationalmannschaft genießt. Aber auch unter Hitzfeld, Magath und Klinsmann kam Podolski in der Liga nicht voran, nur unter dem väterlichen Heynckes hatte er in den vergangenen Jahren noch seine beste Phase. Das irritiert Podolski nicht sonderlich. In Südafrika hat sich bisher niemand gemeldet aus seinem Klub. Poldi ärgert das. Podolski könnte einfach mal selbst anrufen.

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