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Nationalmannschaft : Der stille Scharfmacher

Seine genaue Rolle liegt noch im Dunkeln: Miroslav Klose zurück beim Nationalteam Bild: dpa

Miroslav Klose beginnt seine zweite Karriere in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in aller Zurückhaltung. Die Zukunft liegt in der Spezialisierung.

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          Das richtige Timing, die richtigen Laufwege – solche Dinge waren Miroslav Klose, dem Stürmer, über all die Jahre längst in Fleisch und Blut übergegangen. Es sind die Anbahnungskompetenzen eines Angreifers, die es genauso braucht wie die Abschlussstärke. Erst beides zusammen macht einen kompletten Stürmer, zumindest, wenn man an einen wie Klose denkt, bei dem das Unterwegssein immer genauso wichtig war wie das Ziel.

          Es ist Mittwochabend, der etwas schwächlich ausgeleuchtete Platz des Stadio comunale Santamonica von Misano. Hier bereitet sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auf ihr letztes WM-Qualifikationsspiel des Jahres an diesem Freitag in San Marino vor. Im Dämmerlicht steht Klose als einer von fünf „Men in Black“ am Rande des Platzes. Während sich das Team aufwärmt, bespricht er sich intensiv mit dem Rest des Trainerstabs: mit Joachim Löw, natürlich, mit Marcus Sorg und Thomas Schneider, den Assistenten, und auch mit Andreas Köpke, dem Torwarttrainer.

          Von den Spielern unterscheidet ihn eigentlich nur die Farbe des Trainingsanzugs, das aktuelle Personal trägt weiß. Kloses Silhouette ist mit 38 Jahren schmal und sportlich wie eh und je, er hat ja bis zum Sommer noch bei Lazio Rom gespielt. Einen Ball hat er hier in Misano auch oft am Fuß. Er spielt ihn aber nicht oder befördert ihn gar ins Tor – er lässt ihn nur mit der Sohle ein bisschen hin und her rollen. Er selbst ist schließlich in anderer Rolle hier, was noch ein weiteres Detail in seiner Körpersprache markiert, die hinter dem Rücken verschränkten Arme: So seh’n Trainer aus.

          Es ist Kloses erster richtiger Arbeitstag in seiner neuen Funktion im Kreis der Nationalmannschaft: als Trainer-Lehrling, aber als einer, der zugleich schon einen Lehrauftrag besitzt. Einen Stürmer, der mehr Tore im Nationaltrikot geschossen hat als er, hat Deutschland – Gerd Müller in oder her – nicht hervorgebracht, 71 sind es insgesamt gewesen. So einen, das leuchtet schon ein, kann man gut brauchen in einer Zeit, in der die Spezialisierung auch innerhalb der Trainerteams voranschreitet. Hansi Flick, der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes, hat vor ein paar Monaten mal von einer Bildungsreise in die Vereinigten Staaten berichtet, die ihn unter anderem zum American Football führte. Und was er da sah, Spezialisten für alle möglichen Bereiche, war für ihn auch im Fußball die Zukunft.

          Der Meistertrainer und sein Praktikant: Joachim Löw und Miroslav Klose verbindet seit langem sehr viel, wie ihre Gesichter verraten.

          In der Gegenwart, im Stadio Santamonica, hat man noch nicht unbedingt das Gefühl, dass Klose seinen Platz schon gefunden hat. Man könnte auch sagen: Das Timing und die Wege stimmen noch nicht, er ist manchmal ein bisschen hintendran, wenn sich alle zur Besprechung versammeln. Bei der Spielform, die Löw angeordnet hat, beobachtet Klose aufmerksam, sein aktiver Beitrag aber hält sich in Grenzen. Hütchen aufstellen ist in dieser Hinsicht ein etwas belasteter Begriff, aber tatsächlich sind Markierungsarbeiten auf dem Platz die einzigen sichtbaren Spuren, die Klose an diesem Abend hinterlässt. Als zum Schluss noch der Tor-Abschluss nach Flanken trainiert wird, ist er schon nicht mehr zu sehen. So soll, so wird es aber natürlich nicht bleiben. „Wir müssen erstmal schauen, wie Miros Rolle ausfallen wird“, sagt Mats Hummels am Rande des Trainingsplatzes über den alten, neuen Mitstreiter. Er spricht vom „Riesenrespekt“, den alle vor Klose hätten und von der Wiedersehensfreude – aber eben auch vom erhofften inhaltlichen Gewinn. „Er ist schon als Spieler einer gewesen, der immer das Gesamtheitliche im Auge hatte, der immer den Mannschaftserfolg gesehen hat, nicht nur seine eigene Rolle“, sagt Hummels. „Ich vermute, dass er als Trainer genauso agieren wird.“

          Der erste förmliche Auftritt

          Am Donnerstagmittag sitzen Klose und der Bundestrainer im Medienhotel in Rimini bei der Pressekonferenz. Es ist der erste förmliche Auftritt der beiden seit der Verkündung der Personalie in der vergangenen Woche. Am Samstag war es schon zu einer kurzen Begegnung auf öffentlicher Bühne gekommen, als Klose dem Bundestrainer beim Sportpresseball in Frankfurt die Trophäe für die Auszeichnung als „Legende des Sports“ überreichte.

          Hier, mit Blick auf die Adriaküste, tragen sie auch Schwarz – aber die Trainingsvariante mit drei Streifen. Als das hektische Klicken der Kameras verklungen ist, spricht Klose über seine neue Aufgabe, über seine Motive, auch über seine ersten Eindrücke von der Arbeit auf dem Platz. Und das bedeutet in diesem Fall offenbar vor allem: Beschleunigung. „Wenn man nah dran ist“, sagt Klose, sehe man, dass „das Dynamische wirklich nochmal einen Sprung gemacht hat“. Ansonsten fällt auf, wie leise, fast demütig Klose über seinen neuen Job redet. „Die Möglichkeit, bei einem Weltmeister-Trainer einzusteigen, bekommt nicht jeder, dafür bin ich sehr dankbar“, sagt Klose und spricht von einer „wirklich großen Ehre“ – dabei ist er ja selbst Weltmeister.

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          Er erzählt, wie er schon während seiner aktiven Zeit versucht habe, das Spiel immer weiter zu durchdringen: was die Taktik angeht, oder Spielphilosophien. Immer habe er sich gefragt: „Was bringt mich weiter?“ Insofern habe sich für ihn schon länger abgezeichnet, dass er den Weg in den Trainerberuf suchen würde.

          „Der Miro ist immer noch spielberechtigt“

          Löw wiederum erzählt davon, dass Flick sich schon 2014, als er Sportdirektor wurde, darüber Gedanken gemacht habe, wie Spieler nach ihrer Karriere beim DFB eingebunden werden könnten. Und auch er betont, dass die Spezialisierung in einzelnen Mannschaftsteilen oder gar auf speziellen Positionen eine „immer wichtigere Rolle“ spiele. Viel konkreter wird es allerdings nicht an diesem Tag in Rimini. „Wir beginnen jetzt mal“, sagt Löw und richtet die Perspektive eher in die Zukunft, auf den Confederations Cup im nächsten Jahr und natürlich die WM 2018 in Russland, wenn die deutsche Mannschaft tatsächlich mehr Tordrang zeigen sollte als zuletzt bei der EM in Frankreich. Es ist ein vager Anfang, aber dennoch einer, der die Phantasie beflügeln kann. Zuzutrauen jedenfalls ist es Klose, dass er die Sinne schärft – und mit ihnen auch die Abschlüsse.

          An diesem Freitag im Stadio Olimpico von Serravalle wird es das noch nicht brauchen. Klose war dabei, als die Deutschen im Herbst 2006 hier 13:0 gewannen, der höchste Sieg in der Ära Löw; zwei Tore steuerte auch er bei. Und diesmal? „Ein kleiner Tipp noch für die, die nach der Aufstellung fragen wollen“, sagt Löw etwas unvermittelt: „Der Miro ist immer noch spielberechtigt.“ Der Bundestrainer freut sich über seinen kleinen Scherz. Aber auch darüber, dass er seinen Miro wieder hat.

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