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Nationalmannschaft : Der Anfang vom Ende der alten Hierarchie

  • -Aktualisiert am

Alles tragende Säulen? Bild: AP

Die Nationalmannschaft steht gegen Liechtenstein nicht nur am Beginn der WM-Qualifikation. Zudem sucht die Mannschaft tragende Säulen. Bundestrainer Löw fordert vor allem die jüngeren Spieler auf, mehr Ansprüche zu stellen.

          3 Min.

          Am Samstag beginnt für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Vaduz gegen Liechtenstein die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Die Begegnung mit dem Fußballzwerg in einem knapp 8000 Zuschauer fassenden Stadion steht am Anfang einer Kampagne, die in zwei Jahren in aller Größe, am besten mit dem WM-Titel, enden soll.

          Peter Heß
          Sportredakteur.

          An das Personal, mit dem sich Bundestrainer Joachim Löw auf den langen Weg macht, müssen sich die Fans noch gewöhnen. In viel stärkerem Maß als die WM 2006 hat die EM 2008 einen Wendepunkt in der Nationalmannschaft markiert.

          Leistungsträger plagen sich seit Jahren mit Verletzungen

          Nicht wegen der Rücktritte – außer Torwart Jens Lehmann zog sich kein Profi zurück. Durch Verletzungen und Formentwicklungen haben sich die Kräfteverhältnisse und die Hierarchie im Team stark verändert. Die Mittelfeldstrategen Bernd Schneider, Michael Ballack und Torsten Frings standen schon seit vielen, vielen Monaten nicht mehr gemeinsam auf dem Platz, gegen Liechtenstein fallen alle drei aus.

          Joachim Löw mit einem neuen Führungsspieler?
          Joachim Löw mit einem neuen Führungsspieler? : Bild: AP

          Innenverteidiger Christoph Metzelder wird seit Jahren von Verletzungsserien geplagt, der Profi von Real Madrid wird traditionell nur zu Welt- und Europameisterschaften halbwegs fit. Miroslav Klose und Lukas Podolski versuchen seit einem Jahr vergeblich, bei den Bayern eine konstant gute Form zu bringen.

          Schweinsteiger und Lahm rücken auf

          Und so rücken andere nach. Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm, die einzigen WM-Sommermärchenhelden von 2006, die im Spätsommer 2008 voll in Saft und Kraft stehen, sind von Löw in den Oberhachinger Tagen aufgefordert worden, sich mit ihrer Situation neu auseinanderzusetzen, mehr Verantwortung zu suchen und sich ihr zu stellen.

          Langjährige Ergänzungsspieler wie Simon Rolfes, Thomas Hitzlsperger und Piotr Trochowski sollen es nun gemeinsam packen, Liechtenstein durch druckvolles Mittelfeldspiel auseinanderzunehmen. Und Heiko Westermann und Serdar Tasci werden den Strafraum vor Torwart Robert Enke vor Eindringlingen zu schützen versuchen. Eine Formation mit so vielen Unbekannten hat Löw bisher nur in Testspielen gewagt. „Ich habe einigen jüngeren Spielern und auch einigen, die schon länger dabei sind, gesagt, sie sollen jetzt beginnen, Ansprüche anzumelden“, offenbarte Löw und fügte an: „Sie sollen die Spiele als Chance begreifen, ihre Aufgabe ist es, die Chance wahrzunehmen. Wir wollen sie eine Stufe höher bringen.“

          Zu einem Stamm gehören heute 16 bis 18 Mann

          Sein Assistent Hansi Flick sagte am Freitag stolz, dass sich die perspektivische Arbeit der DFB-Trainer gelohnt habe. „Seit 2006 beobachten wir einen Kader von 45 bis 50 Spielern, auch im Training, mit der Absicht, dass sie 2008 oder 2010 soweit sind, in die Verantwortung zu gehen. Nun sind sie so weit.“ Flick nannte Tasci und Trochowski , die gegen Liechtenstein im DFB-Team beginnen werden, aus diesem Kreis. Helmes und Marin stünden auch bereit. „Die Zeiten haben sich geändert. Im Fußball gibt es nicht mehr elf Stammspieler, die in der Saison 30 Partien durchspielen, und den Rest teilen sich die Ergänzungsspieler auf. Zu einem Stamm gehören 16 bis 18 Mann“, sagte Flick und kündigte damit eine flachere Hierarchie im Mannschaftsgefüge an.

          Die große Frage ist nur, ob die Nachrücker auch ohne Begleitschutz anderer Spielerpersönlichkeiten, die Klasse und das Durchsetzungsvermögen entwickeln, eine WM-Qualifikation zu überstehen. Liechtenstein wird keine unüberwindbare Hürde darstellen, aber schon das zweite Länderspiel, am kommenden Mittwoch in Helsinki gegen Finnland, stellt einen Härtetest dar.

          Ausfälle sind kein neues Thema

          Bastian Schweinsteiger, der neue Chef im Mittelfeld, ist voller Optimismus. „Ich gehe davon aus, dass wir beide Spiele gewinnen, wir haben ein enormes Potential, wir haben viele Spieler, die hungrig sind, das brauchen wir.“ Bevor seine Einlassung aber zu negativ gegen die etablierten Größen Ballack und Frings klingen konnte, schob Schweinsteiger nach: „Ihre Erfahrung ist natürlich auch sehr wertvoll in solchen Spielen.“

          Bundestrainer Löw nannte die Verletzungen von Ballack, Frings und auch Mertesacker bei aller Lust am schleichenden Wechsel „ärgerlich.“ Aber Ausfälle seien ja kein neues Thema. „Die erfahrenen Spieler hatten in den letzten fünf Jahren vier große Turniere zu bestreiten. Nach kurzen Sommerpausen mussten sie innerhalb von drei Wochen Vorbereitung wieder Topleistungen abrufen. Das geht auf Dauer nicht, da holt sich der Körper seine Verletzungen.“ Im Oktober 2006 fehlten Löw gar zehn verletzte Spieler, auch damals wurde Fußball gespielt.

          Löw: „Liechtenstein ist nicht San Marino“

          Liechtenstein ist vielleicht der ideale Gegner zum Aufwärmen. „Wir wollen die Liechtensteiner nicht stark reden, aber wir nehmen sie ernst“, sagte Bundestrainer Löw. Seine Assistent Flick ergänzte: „Wir müssen nicht viel reden, wenn unsere Einstellung stimmt, wird es eine klare Sache.“

          In der EM-Qualifikation 2008 gab San Marino die Rolle des Starthelfers ab. Die gute Laune durch den 13:0-Auswärtssieg trug einige Monate, bis die Endrunde vorzeitig erreicht war. Löw warnt allerdings: „Liechtenstein ist eine andere Kategorie als San Marino, den Spielern stehen professionelle Bedingungen zur Verfügung.“ Den Deutschen aber auch.

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