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Nationalmannschaft : Chef, nicht Chefchen

  • Aktualisiert am

Bastian Schweinsteiger: Chef statt Chefchen Bild: dpa

Es ist nicht allzu lange her, da hegten viele Zweifel an den Führungsqualitäten Bastian Schweinsteigers. Inzwischen ist das „Chefchen“ zur zentralen Figur der Nationalmannschaft gereift.

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          Bastian Schweinsteiger hatte am Sonntag etwas länger geschlafen. Ihm war nicht das Pech widerfahren, in aller Frühe zur Doping-Kontrolle gebeten zu werden, wie drei seiner Nationalmannschafts-Kollegen. Er hatte aber auch nicht das Verlangen verspürt, Sebastian Vettels Fahrt zum WM-Titel in der Formel 1 zu verfolgen. Und dann war ihm noch etwas anderes entgangen an diesem Sonntagmorgen, etwas, was ihn als Fußballprofi ganz persönlich betraf: die Lobeshymne, die Günter Netzer in seiner Zeitungskolumne auf sein Spiel verfasst hat.

          Als Harald Stenger, der Medienchef des Nationalteams, Schweinsteigers Auftritt bei der Pressekonferenz in Düsseldorf mit dem Verweis auf das Netzer-Lob anmoderierte, wirkte der Profi des FC Bayern zwar ausgeschlafen, aber ahnungslos.

          Dabei wäre es sicher eine genüssliche Morgenlektüre gewesen. "So stelle ich mir einen Chef vor", schrieb Netzer in der "Bild am Sonntag". Schweinsteiger sei einer, "der genau weiß, wann er den Rhythmus der Mannschaft wechseln muss". Eine "große Kunst" sei das. Und: "Schweinsteiger hat gezeigt, dass er diese Kunst beherrscht." Es war zugleich eine Ergänzung dessen, was Joachim Löw am Freitagabend nach dem 3:1-Sieg in der Türkei über Schweinsteiger gesagt hatte. Dass der die "Dominanz und Hoheit im Mittelfeld" besessen habe.

          Mann für die Drecksarbeit: Schweinsteiger im Duell mit dem Türken Hamit Altintop

          Tatsächlich waren es vielleicht andere, die dem deutschen Auftritt beim neunten Sieg im neunten Qualifikationsspiel zur EM ein Gesicht gegeben hatten: Manuel Neuer, zum Beispiel, der nicht nur als Torverhinderer, sondern auch als Torvorbereiter geglänzt hatte. Oder Thomas Müller, der neben seinem Treffer zum 2:0 und der Vorlage zu Gomez' Führungstor wieder einmal der unberechenbarste aller deutschen Spieler gewesen war. Schweinsteiger hatte zwar auch ein Tor beigesteuert, per Elfmeter, aber sein wahrer Wert war ein anderer: Dass es da einen gab, der immer für seine Kollegen da war, der sich permanent anbot, der stets etwas mit dem Ball anzufangen wusste und dabei keine Fehler machte.

          Kurz: derjenige, der das deutsche Spiel zusammenhielt. Und bei alledem völlig uneitel ist. "Wenn die Mannschaft funktioniert", sagte er am Sonntag, "kommt jeder Spieler ganz gut weg." Ein Chef, wie man ihn sich vorstellt eben.

          Chef statt Chefchen

          Dabei ist es noch gar nicht allzu lange her, dass ganz anderes über Schweinsteiger zu lesen war. Im April war die Bezeichnung "Chefchen" in einem Magazin Anlass für einen emotionalen Ausbruch gewesen. Und noch zu Beginn dieser Saison hatte Oliver Kahn, der frühere Bayern-Kapitän, ihm die Führungsqualität abgesprochen. Wie man sich täuschen kann. Tatsächlich hatte Schweinsteiger eine schwache Phase, weniger im Nationalteam zwar, aber definitiv bei den Bayern. Es gab Erklärungen. Auch ein erfahrener Spieler wie er musste sich erst an die Führungsrolle gewöhnen, in der er gefragt war, nachdem Mark van Bommel den Klub verlassen hatte - zumal ihm damit ein starker Nebenmann abhandengekommen war.

          Außerdem spielte er eine Zeitlang mit gebrochenem Zeh, was "nicht so viel Spaß gemacht" hat, wie er am Sonntag sagte. Vor allem aber steckten die Bayern insgesamt in einer schwierigen Phase - ganz anders jetzt, seit Jupp Heynckes wieder das Sagen hat. "Wie es jetzt läuft, ist es exzellent", sagte Schweinsteiger und meinte damit die Kunst des kollektiven Verteidigens, wie die Münchner sie derzeit vorführen.

          Stimme der Nationalelf auch ohne Binde: Schweinsteiger gibt den Ton an

          Und so wirkte Schweinsteiger, als würde er auch das Nationalteam gerne etwas defensiver als zuletzt eingestellt sehen. Während Bundestrainer Joachim Löw und seine Assistenten die gelegentlichen Abwehrprobleme gegen die Wucht der Offensive klein zu rechnen pflegen, trat Schweinsteiger am Sonntag als Mahner auf: Die Defensive sei "noch wichtiger", sagte er. Nicht nur auf dem Platz ist er derjenige, der den Laden zusammenhält. Der dafür sorgt, dass die deutsche Spielkunst nicht den Boden unter den Füßen verliert. Eine explizite Empfehlung für das 4-2-3-1-System wollte Schweinsteiger jedoch nicht aussprechen. Auf das System komme es gar nicht so sehr an, meinte er.

          Bayern verdrängt Dortmund

          In puncto Spielphilosophie mag der Bundestrainer etwas anders ticken als die Bayern. Personell aber findet sich die aktuelle bayerische Extraklasse auch im Nationalteam bestens abgebildet. So war es kein Zufall, dass Löw nach dem Türkei-Spiel drei Münchner als diejenigen identifizierte, die aus einer "ganz guten Mannschaftsleistung" herausgeragt hätten: Neuer, Müller und Schweinsteiger. Acht Bayern gehören derzeit zum Kader - allesamt Stammspieler oder zumindest heiße Kandidaten für die Startelf.

          Von den Dortmunder Meistern waren es in der Türkei dagegen nur noch zwei: Mats Hummels, der nicht zum Einsatz kam, und Mario Götze. Am Sonntagmorgen ist Götze zwecks Schonung abgereist. Auch bei Schweinsteiger ist noch nicht klar, ob er am Dienstag zum Abschluss der Qualifikation gegen Belgien spielen kann: Ein Schlag gegen den Oberschenkel macht ihm zu schaffen. Ein vorzeitiger Verzicht aber kam für ihn und für Löw nicht in Frage.

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