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Nationalmannschaft : Befreiungsschläge

Befreiender Jubel: Fredi Bobic Bild: AP

Zwei Tore gegen die Schotten - und alles ist wieder im Lot. Zum Happy-End in der Fußballfernsehfamilie fehlte nur die direkte Qualifikation zur EM; doch die kann gegen Island mit einem Remis nachgeliefert werden.

          Fünf Millionen Fußballfreunde hatten ein feines Gespür für den Wirkungszusammenhang von Ergebnis und Emotion. Der dreitägige Medienhype um Rudi Völlers Attacken verhalfen der ARD zu einer Rekordeinschaltquote von über 15 Millionen Zuschauern. Doch als das hochverdiente 2:1 gegen Schottland feststand und Völler sich ins Studio zu Waldemar Hartmann aufmachte, wo am vergangenen Samstag die größte mediale Aufregung im bisherigen Leben Völlers ihren Anfang nahm, schaltete ein Drittel des Publikums instinktsicher ab: Denn nachdem die deutsche Mannschaft mit einer kämpferischen, von Leidenschaft und Siegeswillen geprägten Vorstellung die passende Antwort geliefert hatte, mußte darüber auch nicht mehr viel und schon gar nichts Kontroverses gesagt werden.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Der Schlußakkord nach dem großen Dröhnen und Trommeln, das um Völler und die Nationalmannschaft eingesetzt hatte, klang entsprechend sanft aus. Die kritisierten Kritiker Günter Netzer und Gerhard Delling sahen Deutschlands vom Dortmunder Publikum in allen Ehren wiederaufgenommene Fußball-Lieblinge auf dem richtigen Weg, und auch Völler gab sich erleichtert und zufrieden. Zum Happy-End in Deutschlands Fußballfernsehfamilie fehlte an diesem Abend nur noch die direkte Qualifikation zur EM-Endrunde 2004; doch die kann am 11. Oktober im Heimspiel gegen Island schon mit einem Unentschieden nachgeliefert werden.

          Völler erschöpfter als seine Spieler

          Völler wirkte nach den Auswüchsen, die sein Temperamentsausbruch über die Gurus des deutschen Fußballs hervorgebracht hatte, erschöpfter als seine Spieler. "Es waren schwere Tage. Es hat mich nicht nur beschäftigt, es hat mich belastet", sagte Völler in äußerst leisem Ton. Er wollte sich nicht als Gewinner dieser Sache sehen. "Aber ich bin schon ein bißchen befreit", sagte der Teamchef, der es jedoch nicht wagte, sich vorbehaltlos über den Erfolg zu freuen, weil sportlich eben noch ein bißchen nachgelegt werden muß.

          Sicher beim Strafstoß: Michael Ballack

          Zudem hatte Völler in den Tagen vor dem Duell mit den Schotten auf einmal gespürt, wie sehr die durch seine Reden erzeugten Belastungen einigen Spielern zusetzten - und damit auf ihn zurückschlugen. "Es war eine schwierige Situation, weil die Mannschaft noch mehr unter Druck stand, als das vielleicht der eine oder andere vertragen konnte", gestand er. "Ich mußte Luft rauslassen", sagte der Teamchef dann über seine in Einzelfällen notwendige sprachtherapeutischen Maßnahmen.

          „Spieler für Rudi durchs Feuer gegangen"

          Als Teamchef habe er vor "der Truppe" in diesen Momenten "Stärke zeigen müssen. Aber das war nicht einfach", sagte Völler. Die öffentlichen Reaktionen, "die Stimmen des Volks", aber auch die Unterstützung des DFB hätten ihm in diesen Tagen zwar geholfen. "Da ist in den letzten Jahren ein bißchen was entstanden." Aber letztlich habe er gewußt, daß alle weitere Zustimmung nur vom Ergebnis des Spiels abhängig sein würde. "Es war für alle wichtig, nicht nur für Rudi Völler. Auch für den DFB und die Mannschaft", sagte ein ebenfalls sichtlich erleichterter DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder.

          Nachdem, wie es Innenminister Otto Schily ausdrückte, "die Spieler für Rudi durchs Feuer gegangen sind", wunderte es nicht, daß sich Völler auf dem Platz bei jedem einzelnen für das vorbildliche Engagement bedankte. Tatsächlich lieferte die Mannschaft, ganz anders als beim 0:0 in Island, den Beweis, daß Widerstandskraft und Leidenschaft noch in ihr stecken. Als Fredi Bobic mit dem ersten Treffer in der 26. Minute den Glauben an die deutsche Durchsetzungsfähigkeit wieder geweckt hatte - und Michael Ballack mit einem Elfmeter nach einem Foul an Bobic das 2:0 nachlegte (50.) -, wurden damit längst verschüttet geglaubte fußballerische Fähigkeiten mitunter wiederentdeckt.

          Rau von Beginn an Bereicherung

          Sie verschwanden dann auch nach dem 2:1 durch McCann (61.) nicht mehr, weil sich Bernd Schneider im Mittelfeld erstmals seit scheinbar endloser Zeit wieder daranmachte, seine überragenden spielerischen Fähigkeiten zumindest in Teilen zur Verfügung zu stellen. Begünstigt wurde der stets beherzte deutsche Auftritt auch durch die veränderte Aufstellung, die Völler gegen Vogts' Schotten wählte - und bis kurz vor Anpfiff unter Verschluß hielt. "Ein paar Prozentpunkte" glaubte er damit herausgeholt zu haben. In jedem Fall war der Gewinn durch eine Dreierkette mit Rehmer, Wörns und Ramelow - die das Mittelfeld und die dortigen Außenpositionen stärkten - sofort zu erkennen.

          Tobias Rau gab sich auf der linken Seite von Beginn an als Bereicherung zu erkennen, Arne Friedrich war als Gegenüber auch viel besser als gegen Island aufgehoben, und er bereitete den ersten Treffer mit einem Weitschuß vor. Frank Baumann fühlte sich vor der Abwehr ebenfalls weit wohler als zuvor in der Viererkette. Aber nicht zuletzt hatte Völler diesmal einen Sturm mit Bobic und Kevin Kuranyi aufgeboten, der diese Bezeichnung endlich verdiente - auch wenn sich gerade der junge Stuttgarter Schwerstarbeiter durch das Auslassen bester Möglichkeiten um einen noch eindrucksvolleren Auftritt gebracht hatte.

          Jetzt ist Ruhe, hofft Völler

          Aber um Einzelschicksale auf dem Fußballplatz ging es an diesem Abend nicht, an dem der Weltmeisterschaftszweite als angekratztes Gesamtkunstwerk seine Tauglichkeit zu beweisen hatte. "Wir wollten gewinnen, wir mußten gewinnen - das haben wir getan", sagte Ballack kurz und knapp zu der erfolgreichen Auftragsarbeit der Nationalspieler in Völlers und deutschen Diensten. Und jetzt ist endlich Ruhe, hofft Völler. In den letzten Tagen sei es für ihn schon schwierig gewesen, einen Fernseher anzumachen und sich nicht darin zu sehen, sagte der Teamchef. Jetzt will er erst einmal ein paar Tage abschalten. Und das kann man nach all den vielen Worten auch wieder wörtlich nehmen.

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