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Nationalmannschaft : Auf dem Teppich bleiben!

Untergrund zur Sorge: Der Moskauer Kunstrasen Bild: dpa

Am Samstag geht es für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Moskau um die WM-Qualifikation. Am Dienstagmorgen haben nun einige Spieler erstmals auf einem Kunstrasen Fußball gespielt. Das Spiel ist schneller, der Ball springt anders: Der Kick auf Synthetik ist eine Umstellung.

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          Fußball ist ein Spiel, das auf einen saftigen grünen Rasen gehört. Dieser Satz ist fast ein Glaubensbekenntnis des Sports, und den Apologeten der deutschen Fußballkunst kommt er zupass, wenn beispielsweise das einzige Scheitern einer DFB-Auswahl in einer Qualifikationsrunde erklärt werden soll. 1967 ereignete sich die „Schande“, genau eine Woche vor Heiligabend - auf einem damals noch für Länderspiele zugelassenen Ascheplatz. Deutschland verspielte mit einem 0:0 in Albanien die Teilnahme an der Europameisterschaftsendrunde. Schuld war natürlich vor allem der von Bundestrainer Helmut Schön als „Kasernenhofboden“ bezeichnete Untergrund, der den Fußballkünstlern Günter Netzer und Wolfgang Overath den Spaß geraubt hatte. 1979 war es dann ein 0:0 auf dem staubtrockenen Hartplatz von Malta, der für den großartigen Satz des damaligen Bundestrainers Jupp Derwall sorgte: „Das ist doch dasselbe, als müsste Picasso seine Gemälde auf Tapete malen.“

          Daniel Meuren
          (dme.), Rhein-Main-Zeitung

          Am kommenden Samstag nun muss die deutsche Nationalmannschaft im wohl entscheidenden Spiel der WM-Qualifikationsgruppe 4 in Moskau ihre Kunst auf einen Teppich bringen. Im Luschniki-Stadion wird nämlich auf einem Kunstrasen gespielt. Erstmals in ihrer 101 Jahre und bislang 822 Spiele langen Geschichte muss die DFB-Auswahl auf einem solchen Geläuf antreten.

          Die Russen haben den grünen Teppich vor allem deswegen ausgerollt, weil sich der ärgste Verfolger des deutschen Spitzenreiters einen Wettbewerbsvorteil verspricht. Damit kehren Verhältnisse ein wie sonst nur im Tennis, wo Gastgeberteams im Davis-Cup den ihnen genehmen Untergrund wählen dürfen. Russland bevorzugt den seit 2006 von der Fifa für Qualifikationsspiele zugelassenen Kunstrasen besonders, seit die Mannschaft von Trainer Guus Hiddink vor zwei Jahren England durch einen 2:1-Heimsieg im Rennen um einen Platz im Teilnehmerfeld der EM 2008 überflügelte.

          Da wächst kein Gras mehr: Joachim Löw betastet das synthetische Grün in Mainz
          Da wächst kein Gras mehr: Joachim Löw betastet das synthetische Grün in Mainz : Bild: dpa

          Selbst die Engländer beendeten ihr Gezeter

          In der englischen Presse herrschte damals vor dem Spiel eine regelrechte Hysterie wegen des Untergrunds, den die Engländer als wettbewerbsverzerrenden Vorteil für den Gegner einstuften. „So ist es aber nicht mehr bei dieser Generation von Fußballplätzen“, sagt Pierre Debleme vom französischen Unternehmen Tarkett Sports, das den Kunstrasen in Moskau verlegt hat. „Eine unabhängige Untersuchung der Fifa zwischen 50 Spielen auf Kunstrasen und 50 Spielen auf Naturrasen hat bewiesen, dass es nur noch marginale Unterschiede gibt, die weitaus geringer sind als beispielsweise zwischen einem Spiel auf einem trockenen und einem sehr matschigen Naturrasen.“ Das haben auch die Engländer eingesehen. War das Gezeter vor dem Spiel noch groß, so entschuldigte kein Spieler das englische Versagen mit Verweis auf das ungewohnte Spielfeld.

          Und dennoch sind Eigenheiten des Kunstrasens nicht zu leugnen. „Es wird schon eine große Umstellung für die deutsche Mannschaft sein”, sagt der ehemalige deutsche Nationalspieler Alexander Zickler, der seit drei Jahren bei Red Bull Salzburg Kunstrasenerfahrung sammelt. „Aber ich denke, dass sich technisch versierte Spieler relativ schnell in einigen Trainingseinheiten darauf einstellen können.“

          Löw übt in Mainz - auf einem verwandten Kunstrasen

          Bundestrainer Joachim Löw lässt seine Mannschaft deshalb vor dem Abschlusstraining am Freitag im Luschniki-Stadion bereits von diesem Dienstag an bis Donnerstag fünfmal auf einem Nebenplatz des Mainzer Bruchwegstadions trainieren. Dort hat der DFB eine Übungsfläche gefunden, die dem Moskauer Kunstrasen sehr stark ähnelt. Der Mainzer Trainingsplatz wurde ebenfalls mit Material der Firma Tarkett Sports ausgestattet. Allerdings muss aufgrund von Vorgaben des deutschen Gesetzgebers hierzulande unter dem Kunstrasenbelag selbst noch eine Dämpfungsschicht aus Kautschuk verlegt werden.

          Deshalb sind die Synthetikhalme etwa 40 Millimeter lang - und somit rund 20 Millimeter kürzer als die in Moskau. „Der Platz in Mainz gibt ein ganz kleines bisschen mehr nach, während der Rasen in Moskau dank der längeren Halme noch etwas mehr den Eigenschaften eines Naturrasens entspricht“, sagt Fachmann Debleme: „Die Deutschen können sich aber ganz ohne Zweifel in Mainz perfekt auf das Spielfeld in Russland vorbereiten.“

          Tipps von Kunstrasenkenner Tuchel?

          Vielleicht bekommt Bundestrainer Löw ja auch noch einen guten Ratschlag von Thomas Tuchel. Der Jungtrainer von Mainz 05 kennt den Trainingsplatz samt allen Umstellungsschwierigkeiten beim Wechsel zwischen Naturrasen und künstlichem Grün sehr gut. Tuchel übte im vergangenen Jahr mit der Mainzer A-Juniorenmannschaft auf dem Geläuf; an den Wochenenden mussten seine Spieler aber auf Naturrasen antreten.

          „Das Spiel auf Kunstrasen ist schneller, der Ball hat ein extrem anderes Absprung- und Rollverhalten. Der Wechsel von Kunstrasen auf Naturrasen und umgekehrt ist eine absolute Umstellung“, sagt Tuchel: „Aber meine Jugendspieler hatten Kunstrasen sehr gerne. Es ist deutlich weniger ermüdend und anstrengend, darauf zu spielen.“

          Löw: „Der Kunstrasen kann für uns kein Alibi sein“

          Diese Vorzüge hebt auch Torjäger Zickler hervor, der in seiner ersten Spielzeit in Österreich Torschützenkönig wurde und auf Kunstrasen eine feinere Spielkultur festgestellt hat: „Technikern kommt das Spiel entgegen, da der Ball beim schnellen Passspiel nicht wegen Platzunebenheiten unkontrollierbar wird.“ Und solche technisch versierten Spieler hat bekanntlich auch Löw spätestens seit der Entdeckung von Mesut Özil wieder in seinem Kader.

          Auch deshalb hat der Bundestrainer allen synthetisch begründeten Entschuldigungen für eine mögliche Niederlage in Moskau schon vorab eine Absage erteilt. „Der Kunstrasen kann für uns kein Alibi sein“, sagte Löw. Wenn ihm in letzter Minute doch noch Zweifel kommen sollten, könnte er Alexander Zickler fragen: „Ich sehe mich mittlerweile als Kunstrasenspezialist an. Wenn Jogi Löw anruft, bin ich bereit.“

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