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Nationalmannschaft : Angriff auf die Abwehrplätze

  • -Aktualisiert am

Nur scheinbar in meditativer Ruhe: Arne Friedrich Bild: dpa

In der Verteidigungslinie ist die Nationalmannschaft noch auf der Suche nach eingespielter Sicherheit: Es gibt zwei Vakanzen und viele Bewerber. Bundestrainer Löw setzt seine Experimente in der Viererkette auch im Testspiel gegen Australien (20.45 Uhr) fort.

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          Arne Friedrich ist wieder da. Und er spielt. Das ist in diesen Tagen bei der Fußball-Nationalmannschaft bemerkenswert, kommt der bald 32 Jahre alte Verteidiger, der zu den wesentlichen deutschen Stützen beim WM-Turnier in Südafrika zählte, doch nach längerer Abwesenheit zurück aufs Feld. Als Platzhirsch im Team fühlt sich der prominente Rückkehrer allerdings nicht, wenn er an diesem Dienstag in Mönchengladbach im Test gegen Australien (20.45 Uhr, live im ZDF und FAZ.NET-Länderspiel-Liveticker) sein 80. Spiel für die deutsche Auswahl bestreitet.

          Einiges hat sich nämlich auf seinem Spezialgebiet in der Defensive getan. Der junge Münchner Holger Badstuber, der in der Innenverteidigung bisher alle fünf EM-Qualifikationsspiele an der Seite des dauergesetzten Per Mertesacker absolvierte, hat sich in Position gebracht, zudem drängt der Dortmunder Mats Hummels nach. So gibt sich Friedrich trotz des Pfunds einer für ihn überaus erfolgreichen WM-Teilnahme vorsichtig, weil er aus eigener Erfahrung weiß, wie schnell sich Personaloptionen verändern können. Wegen einer Bandscheibenoperation im vergangenen Sommer hatte er die Bundesliga-Vorrunde mit dem VfL Wolfsburg verpasst. „Das war ziemlich bitter“, sagte er am Montag im Düsseldorfer Quartier der Nationalmannschaft. „Jetzt muss ich mich erst einmal hinten anstellen. Wenn man so lange raus war, dann muss man auf seine Chance warten.“

          Bundestrainer Joachim Löw mag solche Zurückhaltung. Er hatte Friedrich vor einigen Tagen zwar noch nicht beim 4:0-Sieg in der EM-Qualifikation gegen Kasachstan gebracht, ihn aber schon mal verbal in Szene gesetzt. „Den sehe ich wieder in WM-Form“, sagte der Bundestrainer vergangene Woche. Es war der entscheidende Hinweis, dass Friedrich weiterhin eine wichtige Rolle spielen soll im deutschen Abwehrverbund, der in den vergangenen Jahren doch sehr zum Experimentierfeld geworden ist. Zwar betonte Trainerassistent Hans-Dieter Flick auch im Namen seines Chefs, dass es auf die ganze Mannschaft gesehen keine feste Stammformation gebe und „30, 35 Spieler“ den Fundus bildeten.

          Auf einem guten Weg: Mats Hummels drängt sich als Innenverteidiger auf
          Auf einem guten Weg: Mats Hummels drängt sich als Innenverteidiger auf : Bild: dpa

          Revirement in der Abwehr

          Doch ist nicht zu übersehen, dass mehr oder minder neun Positionen in Tor, Mittelfeld und Angriff derzeit fest vergeben sind. Nur in der Viererabwehrkette gibt es bislang noch Vakanzen - in diesem Testspiel sowieso. Weil Kapitän Philipp Lahm zur Erholung schon frühzeitig nach München abreiste, sein Vertreter auf der rechten Seite Jerome Boateng wegen einer Meniskusverletzung kurzfristig ausfällt und Badstuber sowie Dennis Aogo planmäßig pausieren, kommt es gegen Australien zu einer Neuformation der Verteidigung.

          Friedrich und Hummels bilden den Innenblock, links kommt der Dortmunder Marcel Schmelzer zum Einsatz, rechts muss der defensive Mittelfeldmann Christian Träsch aus Stuttgart aushelfen. Zu alledem fängt im Tor der Bremer Tim Wiese für Manuel Neuer an.

          Das umfangreiche Revirement hängt zwar mit den aktuellen Fällen und Planungen zusammen, dennoch zeigt es die Situation in der Abwehr, wo Löw mit Ausnahme von Lahm und Mertesacker schon die unterschiedlichsten Besetzungen probiert hat. Bald 20 Spieler sind in den Jahren unter ihm in der hintersten Reihe eingesetzt worden - dazu gehörten zuletzt Namen wie Serdar Tasci, Andreas Beck, Marcel Schäfer, Marcell Jansen oder auch ein Allrounder mit weiterhin ganz guten Chancen wie Heiko Westermann. Beim EM-Turnier 2008 war neben Mertesacker noch der heutige Schalker Christoph Metzelder eine feste Größe.

          Auf der Suche nach eingespielter Sicherheit

          Für Arne Friedrich, der in seiner Nationalmannschaftskarriere zwischen außen, innen und dem Platz auf der Bank pendelte, ist deshalb in der Abwehr „sehr viel offen“. Der Bundestrainer selbst sieht das permanente Wechselspiel nicht als Mangel an. Auf die Frage, ob er in der Abwehr noch auf der Suche sei, antwortete Löw: „Nein, da bin ich weit davon entfernt. Links in der Abwehrkette müssen sich die Spieler in den nächsten Monaten noch bewähren. Bei den Innenverteidigern könnte ich jeden spielen lassen.“ Trotzdem dürfte er sich auf dem Weg zur EM und dann zur WM 2014 auf personelle Konstanten festlegen wollen. Eingespielte Sicherheit und ein geübtes Umschalten auf den Angriff sind gefragt.

          Wie sich derzeit herauskristallisiert, sind Schmelzer und Aogo die Optionen auf der linken Bahn. Gerade dort ist die Besetzung nicht einfach, fehlen doch starke Kräfte, die auch noch den Anforderungen des modernen Powerfußballs entsprechen. Der Dortmunder Schmelzer erklärte gestern die Schwierigkeit auf dieser Position, mit der auch viele Klubs bei der Personalsuche zu kämpfen haben. „Es gibt nur wenige mit einem starken linken Fuß, die auch defensiv gut spielen.“

          Der Positionskampf fängt erst richtig an

          Also: abwehren, stürmen, schnell passen, präzise flanken - und das auf dieser Seite des Spielfelds. Das können nicht so viele. Aufgrund der neuen Möglichkeiten über links hat sich der Bundestrainer wohl festgelegt, Lahm endgültig auf der rechten Seite zu belassen. In der Abwehrzentrale kämpfen zuerst einmal Badstuber und Friedrich um den Platz neben Mertesacker. Der Bremer Verteidiger hat derzeit selbst ein kleines Problem, er zeigt sich schon länger nicht mehr so souverän.

          Der in der Bundesliga bei Dortmund überzeugende Hummels wird zwar vom Bundestrainer für seine Fortschritte gelobt, allerdings hingehalten. Im Italien-Spiel in seinem Heimstadion im Februar wurde er nur eingewechselt. Jetzt gegen Australien erhält er seine vierte Chance. „Mein Ziel ist, nicht auf der Bank zu sitzen“, sagte der fordernde Hummels am Wochenende im „Tagesspiegel“. Aus seiner Sicht fängt der Positionskampf in der Abwehr jetzt erst richtig an.

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