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Nationalmannschaft als Vorbild : Teamgeist ist nichts Mysteriöses

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Du wirst gebraucht - ein gutes Gefühl, nicht nur für Miroslav Klose Bild: AP

Vertrauen, Mut, Leichtigkeit - kann das Land von Löw lernen? Irgendetwas bewirkt diese Fußball-Nationalmannschaft bei uns. Bei dieser WM wird deutlich, dass es längst um mehr geht als nur um schön herausgespielte Siege.

          Manchmal sind uns Erfolge so unheimlich, dass wir dahinter ein Geheimnis vermuten - auch wenn das eine seltsame Vorstellung ist, die im Entzücken schon die Entwertung artikuliert. Denn in dem Maße, wie das „Erfolgsgeheimnis“ ein Ergebnis über das Normalmaß hinaushebt, wie es die Überraschung betont und auf Unerwartetes reagiert, unterstellt es auch, dass die üblichen Zuschreibungen, ja die Verantwortung für einen Effekt nicht ausreichten, ihn zu erklären. Schon aus Respekt vor der eigenen Arbeit in den vergangenen Weltmeisterschaftswochen würde Joachim Löw das alles wahrscheinlich energisch bestreiten.

          Jeder Sieg sei vielmehr das Resultat akribischer Planung, die logische Folge einer präzise skizzierten Dramaturgie, die Konsequenz von Übung und nochmals Übung und, nicht zuletzt, der Fähigkeit, die Trainerphilosophie auf dem Platz konzentriert umzusetzen. All das würde er wohl aufzählen und erstaunt sein, dass wir so verwundert sind ob der brillanten Leistungen der Fußball-Nationalmannschaft. Erfolgsgeheimnisse? Sie lösen sich bei genauerem Hinsehen auf in Automatismen beim kurzen Flachpass oder dynamisch zugestellten Räumen vor dem Tor.

          Doch die Fülle von Informationen über Spielsysteme oder Abwehrdefizite und der gesammelte analytische Trainerscharfsinn reichten für Siege dieser Art nicht aus. Wichtiger noch als die Detailkenntnis, die nichts dem Zufall überlässt, ist die Auswahl des Wissens. Nur wer sinnvoll weglässt, schafft die Freiräume für ein eigenständiges Handeln auf dem Rasen, das sich in schwierigen Situationen blitzschnell durchsetzt. Thomas Müller verkörpert das in schönster Unbekümmertheit. Ohne die Konzentration auf wesentliche Fakten käme die Kreativität auf dem Feld nicht zum Zug. Räume im Kopf dürfen nicht zugestellt werden. Diese Mannschaft geht bestens vorbereitet in ihre Begegnungen, aber macht nie den Eindruck, überbestimmt zu sein.

          Von der Mannschaft gebraucht

          Komplexitätsreduktion nennt der Soziologe den sinnvollen Verzicht auf Informationen; und er bietet auch schon die passende Haltung an, die in diese Lücke entsprechend gehört: Vertrauen. In den vergangenen Tagen hat man viel davon gehört, in allen Varianten klang es aus Spieler-, Trainer- oder Betreuer-Mund: als Zutrauen in die Qualität der Mannschaft, als Selbstvertrauen der einzelnen Spieler, als absoluten Glauben daran, in Südafrika Großes erreichen zu können, als das, was man zurückgeben möchte, dankbar für die riskante Vorleistung, die das Trainerteam gewährt hat. Vielleicht hat es Miroslav Klose am deutlichsten formuliert, dessen Nominierung vielfach mit Vorbehalt beäugt wurde, doch von Joachim Löw nie in Zweifel gezogen worden war: „Ich hatte immer das Gefühl, in dieser Mannschaft gebraucht zu werden.“

          Es ist heikel, von Geheimnissen zu sprechen, die einen Erfolg erklären sollen. Selbst wenn man sie benennen könnte, sind sie nicht zu fassen. Präzise diese Eigenschaft besitzt auch das Vertrauen. Vielleicht wird das besonders klar, wenn es verlorengegangen ist. Die Bemühungen, es wiederzugewinnen, scheitern regelmäßig kläglich in dem Maße, in dem man glaubt, hier selbst viel machen zu können. Im Gegenteil. Vertrauen ist nicht herstellbar, allenfalls stellt es sich ein. Sofern die Voraussetzungen stimmen.

          Solche atmosphärischen Bedingungen geschaffen zu haben und über mehr als fünfzig Tage dauerhaft aufrechtzuerhalten ist möglicherweise die größte Leistung der Trainer. In einem Gespräch hat der Teammanager jüngst kurz und beiläufig Einblick in die Einstellung der Leitung zur Mannschaft gegeben, in Gegenwart des Kapitäns: „Man muss die Spieler ja starkreden“, entgegnete Oliver Bierhoff eine Reporterfrage mit Blick auf Philipp Lahm. Und zwinkerte ihm zu. Das war der entscheidende Moment. Hier sollte durch Ironie sichtbar werden, dass sich zwei Eingeweihte begegnen, die es besser wissen. Und die einander vor Publikum stillschweigend versicherten, dass es nichts hineinzugeheimnissen gibt in die Vorbereitung auf den nächsten Coup.

          Zusammensetzung der Charaktere

          Das Vertrauen, das Joachim Löw seinen Spielern von Anfang an schenkt, ist weit mehr als der effektreich eingesetzte Psychologentrick, um Kräfte zu entfesseln. Im Grunde ist es der Anspruch, vom anderen Verantwortung einfordern zu können. Löw sucht erwachsene Spieler, Menschen, die souverän und eigenständig handeln, im Stadion und jenseits des Spielfelds. Danach hat er seine Auswahl auch getroffen, nicht nur im Hinblick auf die sportlichen Leistungen. „Gut ist eine Mannschaft dann, wenn die Zusammensetzung der Charaktere stimmt“, sagt er. „Gerade bei Turnieren ist es wichtig, die Spieler einzuteilen nach solchen, die der Mannschaft dienlich sind, nach Egoisten, nach den Exponierten und Introvertierten, nach den Zuverlässigen und Kommunikativen.“

          Es stimmt, diese Mannschaft ist jung und war bis zu ihrer rasenden Entwicklung hin zu einem der Titelfavoriten einigermaßen unerfahren. Jede Erfahrung kann aber auch auf natürliche Weise unerträglich sein - und Neugier, Freude, Mut sowie die Fähigkeit zu überraschen hemmen, all das also, was das deutsche Team bisher dominant sein lässt. Es kommt viel weniger auf das Alter der Spieler an als auf Typen, die zusätzlich zu ihrer technischen und taktischen Perfektion sich auch dann als Meister erweisen, wenn sie durch Unvertrautes herausgefordert sind, in Situationen, die sich nicht immer vorherberechnen lassen, die den gelassenen Umgang mit Risiko verlangen. Hier bleibt einem gar nichts anderes übrig, als zu vertrauen. Aber es ist kein blindes Vertrauen. Es ruht auf Routinen.

          Erwachsen handeln

          Wer laufend nach neuen Möglichkeiten sucht, kann nicht wählen zwischen dem Ideal schöpferischer Freiheit und dem strengen Feinschliff am Eingeübten. Er braucht beides. Im Grunde handelt es sich bei der Vorbereitung auf die Turnierspiele im besten Sinne um Bildung, um das Training einer Fähigkeit, die mehr erlaubt als die Bearbeitung von Spezialaufgaben. Aber so schnell und so variantenreich, wie Spitzenmannschaften heute auftreten, muss ein Trainer sich verlassen auf die Selbständigkeit und Intelligenz seiner Spieler. Dieses Vertrauen wird allein gerechtfertigt durch Souveränität.

          „Teamgeist“ ist nichts Mysteriöses, sondern das Ergebnis einer nüchternen Analyse, wie in hochkomplexe Systeme erfolgreich eingegriffen werden kann. Da muss einer auf den anderen setzen können, wissen, dass auch dann eine Lösung von Problemen gelingt, wenn sie nicht vorher gelernt werden konnte. Wie in keiner anderen Mannschaft bisher derart offenkundig, hat Joachim Löw dieses „Erfolgsgeheimnis“ seinem Team vermittelt. Alles kommt darauf an, die Spieler darin einzuüben, als erwachsene Menschen zu handeln, gleich wie jung sie sind. Man hat es mit einem Ensemble zu tun, in dem jeder dem anderen zugesteht, im Dienste des Ganzen eigenverantwortlich zu handeln. Man verlässt sich aufeinander, ohne sich voneinander abhängig zu machen. Diese Souveränität im Umgang macht vieles möglich - einen Sieg über Spanien, einen Erfolg im Finale und selbst eine Vertragsverlängerung des Trainers.

          „Die spielen gut zusammen“

          Irgendetwas bewirkt diese Fußball-Nationalmannschaft bei uns, das weniger mit taktischer Intelligenz oder Spielwitz zu tun hat als mit dem, was Joachim Löw „Konzentrieren und Fokussieren“ nennt, die Beschränkung auf Wesentliches. So werden Kräfte freigesetzt, die aus Zumutungen Zuversicht ziehen, die Angst über der Gelassenheit vergessen machen. Einer überregulierten Welt zeigen diese Haltungen anschaulich, dass sich mit Vertrauen und seinen Auswirkungen höchst eindrückliche Veränderungen erzielen lassen. Es wird deutlich, dass es längst um mehr geht als nur um schön herausgespielte Siege.

          Als der neue Bundespräsident Christian Wulff, unmittelbar nach seiner Wahl, angesprochen wurde auf die äußerst attraktive Spielweise der Nationalmannschaft, antwortete er: „Die zeigen, was man mit Teamwork erreichen kann. Die spielen gut zusammen. Ich glaube, die Politik kann davon sich ein bisschen was abgucken.“ Es wäre wohl die größte Überraschung, wenn auch andernorts künftig die deutschen Tugenden nicht mehr nur Wille, Leidenschaft, Kontrolle oder Kampf hießen, sondern Vertrauen und Verantwortung, Mut und Leichtigkeit.

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