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Nationalmannschaft als Vorbild : Teamgeist ist nichts Mysteriöses

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Das Vertrauen, das Joachim Löw seinen Spielern von Anfang an schenkt, ist weit mehr als der effektreich eingesetzte Psychologentrick, um Kräfte zu entfesseln. Im Grunde ist es der Anspruch, vom anderen Verantwortung einfordern zu können. Löw sucht erwachsene Spieler, Menschen, die souverän und eigenständig handeln, im Stadion und jenseits des Spielfelds. Danach hat er seine Auswahl auch getroffen, nicht nur im Hinblick auf die sportlichen Leistungen. „Gut ist eine Mannschaft dann, wenn die Zusammensetzung der Charaktere stimmt“, sagt er. „Gerade bei Turnieren ist es wichtig, die Spieler einzuteilen nach solchen, die der Mannschaft dienlich sind, nach Egoisten, nach den Exponierten und Introvertierten, nach den Zuverlässigen und Kommunikativen.“

Es stimmt, diese Mannschaft ist jung und war bis zu ihrer rasenden Entwicklung hin zu einem der Titelfavoriten einigermaßen unerfahren. Jede Erfahrung kann aber auch auf natürliche Weise unerträglich sein - und Neugier, Freude, Mut sowie die Fähigkeit zu überraschen hemmen, all das also, was das deutsche Team bisher dominant sein lässt. Es kommt viel weniger auf das Alter der Spieler an als auf Typen, die zusätzlich zu ihrer technischen und taktischen Perfektion sich auch dann als Meister erweisen, wenn sie durch Unvertrautes herausgefordert sind, in Situationen, die sich nicht immer vorherberechnen lassen, die den gelassenen Umgang mit Risiko verlangen. Hier bleibt einem gar nichts anderes übrig, als zu vertrauen. Aber es ist kein blindes Vertrauen. Es ruht auf Routinen.

Erwachsen handeln

Wer laufend nach neuen Möglichkeiten sucht, kann nicht wählen zwischen dem Ideal schöpferischer Freiheit und dem strengen Feinschliff am Eingeübten. Er braucht beides. Im Grunde handelt es sich bei der Vorbereitung auf die Turnierspiele im besten Sinne um Bildung, um das Training einer Fähigkeit, die mehr erlaubt als die Bearbeitung von Spezialaufgaben. Aber so schnell und so variantenreich, wie Spitzenmannschaften heute auftreten, muss ein Trainer sich verlassen auf die Selbständigkeit und Intelligenz seiner Spieler. Dieses Vertrauen wird allein gerechtfertigt durch Souveränität.

„Teamgeist“ ist nichts Mysteriöses, sondern das Ergebnis einer nüchternen Analyse, wie in hochkomplexe Systeme erfolgreich eingegriffen werden kann. Da muss einer auf den anderen setzen können, wissen, dass auch dann eine Lösung von Problemen gelingt, wenn sie nicht vorher gelernt werden konnte. Wie in keiner anderen Mannschaft bisher derart offenkundig, hat Joachim Löw dieses „Erfolgsgeheimnis“ seinem Team vermittelt. Alles kommt darauf an, die Spieler darin einzuüben, als erwachsene Menschen zu handeln, gleich wie jung sie sind. Man hat es mit einem Ensemble zu tun, in dem jeder dem anderen zugesteht, im Dienste des Ganzen eigenverantwortlich zu handeln. Man verlässt sich aufeinander, ohne sich voneinander abhängig zu machen. Diese Souveränität im Umgang macht vieles möglich - einen Sieg über Spanien, einen Erfolg im Finale und selbst eine Vertragsverlängerung des Trainers.

„Die spielen gut zusammen“

Irgendetwas bewirkt diese Fußball-Nationalmannschaft bei uns, das weniger mit taktischer Intelligenz oder Spielwitz zu tun hat als mit dem, was Joachim Löw „Konzentrieren und Fokussieren“ nennt, die Beschränkung auf Wesentliches. So werden Kräfte freigesetzt, die aus Zumutungen Zuversicht ziehen, die Angst über der Gelassenheit vergessen machen. Einer überregulierten Welt zeigen diese Haltungen anschaulich, dass sich mit Vertrauen und seinen Auswirkungen höchst eindrückliche Veränderungen erzielen lassen. Es wird deutlich, dass es längst um mehr geht als nur um schön herausgespielte Siege.

Als der neue Bundespräsident Christian Wulff, unmittelbar nach seiner Wahl, angesprochen wurde auf die äußerst attraktive Spielweise der Nationalmannschaft, antwortete er: „Die zeigen, was man mit Teamwork erreichen kann. Die spielen gut zusammen. Ich glaube, die Politik kann davon sich ein bisschen was abgucken.“ Es wäre wohl die größte Überraschung, wenn auch andernorts künftig die deutschen Tugenden nicht mehr nur Wille, Leidenschaft, Kontrolle oder Kampf hießen, sondern Vertrauen und Verantwortung, Mut und Leichtigkeit.

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