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Nationales Fußball-Museum : Gib mich die Kirsche!

Der ungünstigere Standort: Gelsenkirchen Bild: DFB

Morgen wird in Düsseldorf entschieden, wo das Nationale Fußball-Museum eröffnet wird. Es könnte eine der aufregendsten Museumsgründungen in der zweiten Dekade dieses Jahrhunderts werden. Nur zwei Bewerber sind noch im Rennen: Dortmund und Gelsenkirchen. Jochen Hieber hat sich die Pläne angeschaut.

          Demokratischer, so scheint es, kann es gar nicht zugehen: Morgen, am Freitag, legt das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) den 260 Delegierten des außerordentlichen Bundestages in Düsseldorf den Plan eines Nationalen Fußball-Museums vor, lässt sie darüber diskutieren und schließlich über den Standort abstimmen.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Nur zwei Bewerber sind noch im Rennen: Dortmund und Gelsenkirchen, Ruhrgebietsstädte, deren Alltag wesentlich von zwei Urvereinen des deutschen Fußballs geprägt wird, von Borussia Dortmund und Schalke 04. Beide Städte werden sich im Foyer des Kongresszentrums präsentieren, die Delegierten erhielten vor kurzem eine gut fünfzigseitige Broschüre mit dem schon ins Detail gehenden Konzept und sehr konkreten Verwirklichungsschritten für das Museum, das 2012 eröffnet werden soll. Alles scheint transparent, aber nicht alles ist auch schon zum Besten.

          Wettkampf und Geselligkeit

          Dabei steht außer Frage, dass wir solch ein Schauhaus des Fußballs brauchen. Als Massenbewegung wie als Spitzen- und Profisport ist dieses Spiel aus der Kultur- und Gesellschaftsgeschichte der Moderne nicht mehr wegzudenken. Im englischen Mutterland seit nahezu hundertfünfzig Jahren, hierzulande seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts organisiert und nach festgesetzten Regeln betrieben, hat sich der Fußball von einer elitären Ertüchtigungsmethode zum mondialen Ereignis entwickelt. Tag für Tag beschäftigt er ungezählte Menschen. Sein medialer Kurswert, zu messen am Ertrag für die Übertragungsrechte im Fernsehen, ist seit Jahrzehnten überproportional gestiegen, selbst in der Krise bleibt er bisher stabil. Was man während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland erleben konnte, war zudem mehr als eine Dauerparty oder ein Sommermärchen: Es waren Vor- und Spontanformen einer offenen und friedlichen Weltgesellschaft aus dem Geist des Wettkampfs und der Geselligkeit. All diese Phänomene wollen dargestellt und begriffen sein – und sie wollen sichtbar, also ausgestellt werden.

          Prachtareal in Dortmund

          Weltweit legendäre Vereine wie Real Madrid oder Manchester United betreiben längst eigene Museen, das beste deutsche Exempel für die kundige, beileibe nicht nur affirmative Pflege eigener Geschichte und Tradition ist das Museum des Hamburger SV. 2001 eröffnete im englischen Preston das National Football Museum – spätestens seitdem diskutierte man auch im DFB, mit mehr als sechs Millionen Mitgliedern in mehr als 26.000 Vereinen der größte Sportverband der Welt, über die öffentliche Präsentation der eigenen Vergangenheit und der aktuellen Entwicklung des Fußballs in Deutschland.

          Was die Bewerber tun müssen

          Wiederum war es die WM im eigenen Land, die solche Pläne spruchreif werden ließ – die zunächst rund zehn Millionen Euro, die der DFB in das museale Vorhaben einbringt, stammen aus dem finanziellen Gewinn von 2006. Verbindlich vereinbart wurde mit den beiden verbliebenen Bewerberstädten, dass sie dem DFB kosten- und pachtfrei ein Grundstück stellen, das den Bau eines Museums mit mindestens sechstausend Quadratmeter Ausstellungsfläche erlaubt. Sie haben zudem für die Erschließung und die verkehrstechnische Anbindung zu sorgen sowie die Kosten für den Architektur- und Planungswettbewerb zu tragen, der nach der morgigen Entscheidung des DFB-Bundestags wohl in absehbarer Zeit eröffnet wird.

          Betrieben werden soll das Museum von einer gemeinnützigen Gesellschaft, an der die Gewinnerstadt und der Fußball-Bund jeweils zur Hälfte beteiligt sind – von 2012 an rechnen sowohl Dortmund als auch Gelsenkirchen mit rund einer Viertelmillion Besuchern und mit Einnahmen von etwa drei Millionen Euro im Jahr. Nach Abzug der Betriebskosten bleibt in der Kalkulation beider Städte jeweils auch noch ein bescheidener Gewinn übrig.

          Sport und Kultur - die Utopie

          Für das Museum im DFB federführend ist der siebenundsechzig Jahre alte Horst R. Schmidt, der als Vizepräsident des Organisationskomitees de facto die WM 2006 leitete, jetzt im Auftrag des Weltfußballverbandes Fifa fürs nächste Turnier die Südafrikaner berät und im Vorstand des DFB darüber hinaus noch als Schatzmeister fungiert. Ein Funktionär alten Schlages aber ist der öffentlich eher zurückhaltende Schmidt keineswegs. Dagegen sprach schon von 1976 an, als er hauptamtlich zum DFB kam, seine praktische Grundausbildung: Er erhielt sie 1972 vor und bei den Olympischen Spielen in München als Mitarbeiter des weiland so effizienten wie genialischen OK-Chefs Willi Daume. Und von Daume stammt auch ein Schlüsselsatz, der nun, gerade am Beginn der fußballerischen Museums-Verwirklichung, gar nicht oft genug wiederholt werden sollte und darf: „Sport und Kultur“, so lautet er, „das ist die Utopie.“

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