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Nationalelf : Gespenstische Fußballnacht

Getroffen: Rudi Völler Bild: AP

„Schock“, „Blamage“, „Katastrophe“ - die Schlagworte aus den eigenen Reihen, mit denen das Spiel der deutschen Nationalelf gegen Rumänien belegt wurde, waren eindeutig. Die Folgen machen sich in der EM-Vorbereitung deutlich: Die Operation "breite Brust" ist beendet.

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          Den historischen Moment in der an grandiosen Erfolgen nicht gerade reichen rumänischen Fußballgeschichte nutzte das helfende Personal sofort. Nach dem Schlußpfiff rannte ein Dutzend Ballkinder mit Fotoapparaten ausgerüstet auf den Rasen und bat die Stars des Abends zum Erinnerungsfoto. Während die deutsche Mannschaft nach der verheerenden 1:5-Niederlage schon längst das Weite gesucht hatte, wurden die international noch nicht weiter in Erscheinung getretenen jungen rumänischen Profis überall auf dem Rasen in die Mitte genommen. Es galt einen Augenblick festzuhalten, der die Rumänen nicht nur über die unglücklich verpaßte EM-Qualifikation hinwegtröstete, sondern ihnen auch wieder Mut für die Zukunft machte.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Wenige Stunden später wurden am Bukarester Flughafen dann auch die deutschen Spieler in die Zange genommen. Aber diesmal waren es keine Bewunderer, sondern Mikrofone und Fernsehkameras, die sie umschlossen und kurz vor Mitternacht von den sportlich geschrumpften deutschen Stars im Namen der Fußballnation darüber Auskunft verlangten, wie ein solch geisterhafter Auftritt nur möglich gewesen war. "Schock" (Bobic), "Blamage" (Hamann), "abschlachten lassen" (Kahn), "keine Entschuldigung" (Völler), "Katastrophe" (Mayer-Vorfelder) - an tiefschürfende Erkenntnisse war zwar kurz nach dem Desaster nicht zu denken, aber soviel ist zumindest sicher: Die Schlagworte, die auch die schwer Geschlagenen in eigener Sache fanden, werden sie bis zum deutschen Auftaktspiel der Europameisterschaft gegen Holland in gut sechs Wochen nicht mehr los.

          "Wir wollten mit breiter Brust nach Portugal fahren", sagte ein um Fassung ringender Teamchef Rudi Völler schon ganz ohne positive Zukunftserwartung in der Vergangenheitsform. Was 46 Tage vor dem Duell gegen Holland grammatikalisch zwar nicht ganz korrekt ist, trifft aber sportlich vollkommen zu. Denn bevor es in dem Traditionsduell gegen die Niederlande ernst wird, haben es die Deutschen kurz davor nur noch mit Malta, der Schweiz und Ungarn zu tun - da lassen sich weder Reputation noch Selbstvertrauen zurückgewinnen. Die Operation "breite Brust", eines der Erfolgsgeheimnisse bei der WM 2002, ist also, wie Dietmar Hamann resigniert feststellte, "nach so einem Spiel nicht mehr möglich".

          Aus der Fußballsteinzeit

          Die Floskel von einer lehrreichen Lektion zur rechten Zeit wollte den Deutschen an einem finsteren Abend nicht so recht über die Lippen. "Ich habe dafür keine Worte mehr", sagte ein erschüttert wirkender Kapitän Oliver Kahn, dessen eindringliche Warnung zuvor, sich die mühsame Aufbauarbeit des EM-Jahres 2004 nicht zerstören zu lassen, ohne jede Wirkung geblieben war. "Für dieses Spiel gibt es überhaupt keine Entschuldigung. Das war eine absolute Blamage. Wir haben uns abschlachten lassen", sagte Kahn, der als Nationaltorhüter in einer Halbzeit erstmals vier Gegentreffer hatte hinnehmen müssen - undenkbar bisher. An einen 0:4-Rückstand einer deutschen Nationalmannschaft zur Pause kann sich heute wohl auch kein Lebender mehr erinnern. Denn so etwas ereignete sich letztmals vor den beiden Weltkriegen in der Fußballsteinzeit des Jahres 1913 gegen Belgien.

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