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Nationalmannschaft in Not : Bierhoff, Löw und ein Haken nach dem anderen

Der Trainer und sein Advokat: Joachim Löw erhält von Oliver Bierhoff Rückendeckung. Bild: Reuters

Wie soll es mit der kriselnde Nationalelf weitergehen? Oliver Bierhoff bescheinigt Bundestrainer Joachim Löw ein „tolles Ergebnis“. Dennoch sollen Veränderungen her.

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          Als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) am Freitagmittag seine erste Pressemitteilung versendete, ging es tatsächlich um einen Neuanfang. Allerdings nur um den der nächsten Fußballsaison. Das Präsidium hat in seiner Sitzung unter anderem den Rahmenterminplan beschlossen, der den Start der Bundesliga für den 13. bis 15. August 2021 vorsieht. In einer anderen Sache war der Terminplan ein wenig durcheinandergeraten.

          Eigentlich war der Freitag als Stichtag erwartet und auch angekündigt worden in der Frage, wie es mit Joachim Löw und der Nationalmannschaft weitergehen würde, jedenfalls sollte Oliver Bierhoff mit einem Lagebericht nach dem 0:6 in Spanien das Präsidium ins Bild setzen. Das tat er auch, aber ohne dass das noch von Belang für die Entscheidung war, die war schon am Montag gefallen – für Löw und gegen Konsequenzen, zumindest was das große Ganze angeht.

          Als Bierhoff seinen Bericht dann am Nachmittag in einer 90-minütigen Pressekonferenz vorstellte, war es ihm wichtig, dass er das in seiner Rolle als Direktor Nationalmannschaften und Akademie beim DFB tue und nicht etwa „als Sprachrohr oder Anwalt für Jogi Löw“. Mit anderen Worten: Bierhoff wollte als der Vorgesetzte des Bundestrainers sprechen. Bierhoff präsentierte sich dabei als zupackender Verteidiger des Bundestrainers und des eingeschlagenen Weges. Er eröffnete aber zugleich auch einen gewissen (Erwartungs-)Spielraum.

          „Ein tolles Ergebnis“

          Mit Blick auf die eineinhalb Jahre seit der Einleitung des Umbruchs Anfang 2019 sei es „ein tolles Ergebnis, das der Bundestrainer erreicht hat“, sagte Bierhoff, wobei er dabei das komplette Jahr 2020 praktisch herausrechnete, als negativen Sondereffekt durch Corona. Andererseits aber schien er doch einige Luft nach oben zu sehen.

          In Löws Richtung war Bierhoffs Bemerkung zu verstehen, dass sich „kommunikativ“ etwas verbessern müsse, das betraf wohl auch, aber nicht nur dessen passives Erscheinungsbild bei der 0:6-Niederlage gegen Spanien. Aber auch bei der Mannschaft sieht der Direktor offenbar größeren Raum für Veränderungen, als das bislang den Anschein hatte. „Es darf nicht bleiben, wie es ist“, sagte Bierhoff. Mit dem November 2020 sei eine Phase des Umbruchs abgeschlossen, jetzt werde ein sportliches Fazit gezogen mit der Frage: „Auf wen können wir bauen?“ Und was das angeht, machte Bierhoff deutlich, dass es Enttäuschungen gebe. „Einige Nationalspieler haben sich in den eineinhalb Jahren nicht so entwickelt, wie wir das gedacht haben“, sagte er, natürlich ohne Namen zu nennen. Umgekehrt aber brachte das wieder Namen ins Spiel, vor allem die der drei aussortierten Weltmeister Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller. Auch wenn Bierhoff sich nicht festlegen ließ: So weit geöffnet wie am Freitag war die Tür für das Trio seit der Trennung nicht.

          „Jetzt beginnt ein neues Kapitel“

          „Jetzt“, sagte Bierhoff ganz allgemein im Blick nach vorn, „beginnt ein neues Kapitel“ – und man darf gespannt sein, inwieweit diesen Worten des Direktors auch Taten des Bundestrainers folgen, wenn die Mannschaft sich im März 2021 wieder zusammenfindet.

          Diese Einschätzung kam im Verlauf von Bierhoffs Vortrag ein wenig überraschend, nachdem er sich zuvor durch eine Liste von Planzielen und ihrer Erfüllung gearbeitet hatte. Einen Haken nach dem anderen setzte Bierhoff, was die nackten Ergebnisse betrifft sowieso, da standen die Qualifikation für die EM, der Verbleib in der ersten Division der Nations League sowie ein Platz als Gruppenkopf in der WM-Qualifikation in der Bilanz. Aber auch in Sachen neuer Spielstil, „schneller, intensiver, vertikaler“, sei die Mannschaft im Prinzip vorangekommen, was Bierhoff auch mit Hilfe von erhobenen Daten illustrierte. Die Charts zeigten vor Corona in die richtige Richtung: „2019 war’s gut“, sagte Bierhoff, 2020 aber sei dann alles anders gewesen. „Da konnte der Trainer keine Entwicklung vorantreiben.“ Nur eine einzige Einheit, hob Bierhoff hervor, habe Löw bei allen drei Länderspielphasen zusammen zum vollen Training mit dem Team nutzen können.

          Einordnung des 0:6 gegen Spanien

          In diesen Kontext stellte Bierhoff seine Einordnung des 0:6 gegen Spanien. Nach der sinngemäßen Feststellung, dass im Fußballs manchmal nun mal die verrücktesten Sachen passieren, zählte er die Fragen auf, die auch er durchgegangen sei: „War es die Konsequenz, das i-Tüpfelchen einer Entwicklung?“ „War die Ansprache des Trainers verkehrt?“ „War er hilflos und hat nicht reagiert?“ „Folgen die Spieler dem Trainer nicht?“ „Ist die Mannschaft ein Sauhaufen?“

          Auch wenn er sich manchmal dabei ein wenig streckte: Bierhoff präsentierte auf alles eine Antwort, die im Sinne von Trainer und Team ausfiel, bevor er dann an einem Punkt ankam, bei dem er auch sich selbst korrigierte. Es sei falsch gewesen, immer von einer „jungen“ Mannschaft zu sprechen, richtig sei „unerfahren“. Und weil er zuvor auch schon gesagt hatte, dass man diese Erfahrung „nicht einimpfen“ könne, schweiften die Gedanken der Zuhörer automatisch in eine bestimmte Richtung.

          Aber das war letztlich nur ein Detail in einem ziemlich komplexen Bild, zu dem auch die Fragen nach dem Umgang in der Verbandsführung gehörten. Manches blieb dabei auch vage, etwa wie es in der Mannschaft wirklich aussieht oder wie die negative Gesamtstimmung gedreht werden soll – letztlich, so Bierhoff, gehe das „nur über gute Auftritte auf dem Platz“.

          Schmerzhafte Kritik

          Wie konkret wer über eine Trennung von Löw nachgedacht hat in den vergangenen Wochen, blieb bei Bierhoff offen. Löw selbst habe im Gespräch mit der DFB-Führung am Montag die Haltung vorgebracht: Wenn einer der Meinung sei, er sei nicht mehr der Richtige, solle er das sagen.

          „Wenn er das ist“, sagte Bierhoff über Löw, „dann will er das Vertrauen haben und nicht irgendwelche Geräusche drum herum.“ Die Kritik, sagte Bierhoff, habe dem Bundestrainer weh getan, an der einen oder anderen Stelle habe er sich „nicht verstanden“ gefühlt. Das will er ändern: In der kommenden Woche wird auch Löw zur Lage sprechen.

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