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Neulinge Bellarabi und Hector : Aufstieg im Blitztempo

In die Nationalmannschaft durchgestartet: Die Karriere von Karim Bellarabi hat Fahrt aufgenommen Bild: dpa

Karim Bellarabi und Jonas Hector sind zwei Beispiele dafür, dass die Tür zur Nationalmannschaft für Talente nicht verrammelt ist. Sie müssen nur ihre Chance nutzen.

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          So schnell kann es gehen, sogar bei der Fußball-Nationalmannschaft. Vor ziemlich genau einem Monat war Karim Bellarabi selbst noch ganz neu. Am Mittwoch nun sollte er schon Auskunft geben über den nächsten Neuling im Team von Joachim Löw. Was Bellarabi über Jonas Hector zu sagen hatte, war dann naturgemäß nicht sonderlich erhellend – die Eindrücke aus der gemeinsamen Anreise per Flugzeug von Köln nach Berlin packte Bellarabi in die ebenso freundliche wie nichtssagende Formel, Hector scheine „sehr ruhig, aber auch nett und sympathisch“.

          Aber was soll (oder darf?) man auch sagen, wenn man als Gerade-noch-Debütant auf dem Pressepodium des Weltmeisters sitzt und nach einem abwesenden Kollegen gefragt wird – der seinerseits dort gerade nicht sitzt, weil er vor seiner (möglichen) Premiere aus dem medialen Fokus genommen wird.

          Die Rolle, in der Bellarabi neben seinem Leverkusener Klubkollegen Lars Bender Platz nahm, war in Wahrheit natürlich aber auch eine ganz andere. Der Flügelspieler durfte sich als besonderes Beispiel fühlen: als einer, der einigermaßen überraschend eine Chance im Nationalteam bekommen hat – und diese mit einer Entschlossenheit genutzt hat, wie man das selten gesehen hat. Nur 90 Minuten, beim ansonsten unerfreulichen 0:2 in Polen, hat Bellarabi gebraucht, um zumindest fürs Erste zu den Startplatz-Anwärtern in Löws Starensemble zu gehören.

          Gegen die Spanier setzt man lieber auf bewährte Namen

          Der Bundestrainer war so angetan von Bellarabis Vollbluteinsatz in Warschau, dass er ihm prompt auch den Einsatz vier Tage später gegen Irland zusagte. Und auch wenn er dort sein Niveau nicht ganz hielt, wäre es schlüssig, wenn Bellarabi auch an diesem Freitag im letzten EM-Qualifikationsspiel des Jahres gegen Gibraltar begönne. Thomas Schneider, der Assistenztrainer, kündigte am Mittwoch an, mit der bestmöglichen Besetzung in das trotz aller Wir-nehmen-jeden-Gegner-ernst-Rhetorik ziemlich ungleiche Duell mit den Amateuren vom Affenfelsen zu gehen. Bellarabi gab noch den zarten Hinweis, dass er seine Angriffslust rechts wie links ausleben könne.

          Strecken für Deutschland: Jonas Hector, Verteidiger beim Bundesliga-Aufsteiger 1. FC Köln, steht urplötzlich vor ganz neuen Aufgaben
          Strecken für Deutschland: Jonas Hector, Verteidiger beim Bundesliga-Aufsteiger 1. FC Köln, steht urplötzlich vor ganz neuen Aufgaben : Bild: Reuters

          Nach einem Turnier, insbesondere einem von solchem Erfolg wie dem von Brasilien gekrönten, stellt sich immer die Frage, wie viel Bewährtes man behalten und wie viel Neues man wagen soll – oder auch muss. Im Falle Bellarabis war es eher ein situativer Engpass in einer ansonsten von Reichtum und Blüte geprägten Region des Spielfelds, der Löw zu dem Experiment bewog. Dass es auf diese Art und Weise aufging, kann der Bundestrainer nun doppelt für sich und das Team nutzbar machen: als Zeichen an die Arrivierten, es sich nicht allzu bequem einzurichten. Und als Signal der Ermutigung für all jene, die noch draußen vor der Türe stehen und sich ebenfalls Hoffnungen auf eine Beförderung in die Eliteauswahl machen.

          Stolz wie Oskar: Bundestrainer Joachim Löw mit WM-Pokal
          Stolz wie Oskar: Bundestrainer Joachim Löw mit WM-Pokal : Bild: dpa

          Wären die Resultate gegen Polen und Irland nicht so ärmlich ausgefallen, dann hätte sich Löw vermutlich auch zum Jahresausklang gegen Gibraltar und am kommenden Dienstag in Vigo gegen Spanien noch etwas experimentierfreudiger gezeigt – Kandidaten wie die Mönchengladbacher André Hahn oder Patrick Herrmann hätte es ja gegeben. Aber gerade im prestigeträchtigen Spiel gegen die Spanier darf man sich mit den bewährten Namen doch eher auf der sicheren Seite wähnen – vor allem, wenn es schiefgeht. „Wir wollen nicht mit einer Mannschaft auflaufen, bei der man nicht das hundertprozentige Gefühl hat“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff. „Wir wollen keine Spielereien machen.“

          Mit cleverem Defensivverhalten und erkennbarem Offensivdrang

          Dass Löw die Tür für Hector öffnete, ist natürlich der nach wie vor großen Leere geschuldet, die der Rücktritt von Philipp Lahm in der deutschen Defensive hinterlassen hat. Auf den Außenverteidiger-Positionen ist der Bundestrainer dabei, die Namen in seinem Notizbuch nach und nach auszuprobieren – unfallfrei bislang, aber auch ohne dass einer die Chance beim Schopf gepackt hätte. Nun also Hector, Spitzname „Harry Hektik“ – weil er seinen Dienst auf der linken Seite in Köln so betont unaufgeregt erledigt. Hector, 24 Jahre alt, mit elf Bundesliga-Spielen und ohne Erfahrung in den deutschen U-Teams, ist schon seit einer Weile in Löws Fokus. Und hat sich auch dank der Kölner Abwehrstärke (die nun allerdings ausgerechnet am vergangenen Wochenende beim 3:4 in Hoffenheim verlorenging) an anderen Bewerbern wie dem Freiburger Christian Günter vorbeigearbeitet.

          Die Mannschaft beim Training im Berliner Olympiastadion mit Jonas Hector (2. v. r.)
          Die Mannschaft beim Training im Berliner Olympiastadion mit Jonas Hector (2. v. r.) : Bild: AFP

          In einem Interview auf der Homepage des DFB nannte Hector die Nominierung eine „unglaublich große Geschichte“ – auch weil bei ihm lange Zeit wenig auf eine Profikarriere hingedeutet hatte. Seinen großen Sprung nach vorn schrieb er einer Rückwärtsbewegung zu. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich heute nicht Bundesligaspieler wäre, wenn ich noch immer im Offensivbereich spielen würde. Von der Nationalmannschaft ganz zu schweigen“, erklärte Hector mit Blick auf seine Jugendrolle als Spielgestalter. „Ich glaube sagen zu können, dass es mich sportlich immer weiter nach vorne gebracht hat, je weiter ich auf dem Platz nach hinten gewandert bin.“ Assistenzcoach Schneider berichtete am Mittwoch davon, wie gut Hector der Spielphilosophie des Trainerteams entspreche: mit cleverem Defensivverhalten und erkennbarem Offensivdrang. „Er hat sich sehr gut präsentiert“, sagte er.

          Die Antwort auf die Frage, ob Hector mit einem Einsatz rechnen dürfe, blieb Schneider indes schuldig. Das ist immer noch Chefsache – egal, ob es gegen Argentinien oder gegen Amateure geht.

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