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Nachfolge von Platini : Stühlerücken im deutschen Fußball

Drei Männer, zwei Freunde: Joseph Blatter (links) geht, Michel Platini (mitte) und Wolfgang Niersbach (rechts) machen gemeinsame Sache. Bild: dpa

Weil Michel Platini Fifa-Präsident werden will, gilt DFB-Chef Niersbach als Kandidat für den Uefa-Thron. So kommt Bewegung in das Spiel um die Macht der Funktionäre.

          Nach der Ankündigung Michel Platinis, sich im nächsten Februar zum neuen Präsidenten des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) wählen lassen zu wollen, hat sich der Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Wolfgang Niersbach, erwartungsgemäß hinter den Franzosen gestellt. „Er hat unsere volle Unterstützung. Das ist die geschlossene Meinung des gesamten DFB-Präsidiums“, sagte Niersbach am Mittwoch. Platini sei als Spieler auf dem Platz ein toller Kapitän gewesen, stehe seit 2007 an der Spitze des europäischen Verbandes (Uefa) und habe dafür gerade für vier weitere Jahre einstimmig das Vertrauen erhalten. „Als Präsident hat er gezeigt, dass er in der Lage ist, eine große Organisation zu führen“, sagte Niersbach.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Und was geschieht nun mit dem DFB-Chef? Die Entscheidung des ehemaligen Europameisters Platini für die Fifa könnte ein weitreichendes Revirement in den Hochämtern des hiesigen Fußballs auslösen. Schon einige Zeit wird darüber spekuliert, dass Niersbach Interesse haben könnte, als Nachfolger von Platini die Position des Uefa-Chefs zu übernehmen. Einiges spricht dafür, dass dazu schon hinter den Kulissen Absprachen getroffen worden sind. So sprach sich Adidas-Vorstand Herbert Hainer, dessen Konzern Sponsor der Fifa, der Uefa und des DFB ist, schon öffentlich für diese Lösung aus. Der Sportartikelkonzern dementiert auf Anfrage Abmachungen und eine sportpolitische Einflussnahme. In Herzogenaurach wird aber darauf hingewiesen, dass Michel Platini und Wolfgang Niersbach erfolgreiche Verbände führten, mit denen Adidas seit Jahrzehnten eng und partnerschaftlich zusammenarbeite, so dass sie zum Kreis der Kandidaten bei Fifa und Uefa gehörten.

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          Niersbach weicht Fragen zu seinen europäischen Ambitionen derzeit aus und heizt die Spekulationen damit an. „Mein Ding ist der deutsche Fußball. Das hat absolute Priorität. Ich bin als DFB-Präsident gewählt und fühle mich sauwohl in dieser Rolle“, sagte er zwar unlängst, fügte dann aber hinzu: „Es ehrt mich schon, wenn der eigene Name fällt. Aber Stand heute bin ich kein Kandidat. Ob sich daran etwas ändert, wird sich zeigen.“ Nach Platinis Bekanntgabe am Mittwoch wollte der DFB-Chef zu seiner Zukunft keine Stellung beziehen. Ausschließen möchte er den Wechsel zur Uefa wohl nicht. Seine Chancen, aufzurücken, wären wohl gut. Niersbach verfügt als Mitglied des Uefa-Vorstands und einstiger Mitorganisator der Fußball-WM 2006 in Deutschland über viele gute Kontakte zu anderen Nationalverbänden. Hinzu kommt seine Freundschaft zu Platini sowie die enge Verbindung zu Franz Beckenbauer, der wiederum hohes Ansehen in der weltweiten Fußballgemeinde genießt. Spätestens bei der nächsten Vollversammlung der Uefa Mitte September auf Malta werden die taktischen Winkelzüge festgelegt. Am 23. März 2016 könnte die Uefa bei ihrem Kongress in Budapest einen neuen Präsidenten wählen.

          Rauball als Nachfolger für Niersbach

          Käme es mit Platini und Niersbach wirklich zu dieser personellen Kettenreaktion, müsste sich der DFB im nächsten Jahr einen Nachfolger als Präsidenten suchen. In der Branche wird immer wieder Ligachef Reinhard Rauball genannt. Der langjährige Präsident des Vereins Borussia Dortmund gilt als absolut integer, sehr erfahren im Fußball, mit guten Kontakten in die Politik und auch zu den Fußball-Amateuren. Rauball führt den Ligaverband seit acht Jahren erfolgreich, gehört dem DFB-Präsidium an und könnte sich den Ball auch gut mit einem Uefa-Präsidenten Niersbach zuspielen. Ob eine deutsch-deutsche Achse dem Plan des DFB zuträglich ist, sich für die Europameisterschaft 2024 zu bewerben, ist eine andere Sache. Vom Vorstandschef des FC Bayern erhielt Rauball schon mal Unterstützung: „Rauball wäre ohne Frage eine gute Alternative. Er ist ein Fachmann, der den Job bei der DFL mit viel Fingerspitzengefühl gemacht hat in den letzten Jahren“, sagte Rummenigge der „Sportbild“. Der Bayern-Vorstand käme dann wiederum als Ligachef in Betracht. Rauball selbst hat sich noch nicht geäußert.

          Alle anderen möglichen Kandidaten als DFB-Präsident sind eher Außenseiter. Für Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff, der einen hochdotierten Vertrag mit dem Verband besitzt, müsste erst die Stelle eines hauptamtlichen Präsidenten geschaffen werden. Das ist zwar möglich, aber wohl nicht zu den gewohnten Konditionen. Zudem darf bezweifelt werden, ob sich Bierhoff mit Begeisterung den Problemen des Amateurfußballs annehmen wollte. Besondere Ambitionen werden schon länger Rainer Koch, Präsident des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV), nachgesagt. Der Jurist hat aus dem BFV eine auch wirtschaftlich erfolgreiche Organisation geformt. Jedoch fehlt Koch im Amateurlager die ganz große Gefolgschaft. Dass Bayern eine eigene Regionalliga durchgesetzt hat, stört schon wieder die Kollegen im Westen. Auch hier könnte Rauball als ausgleichender Charakter punkten.

          Das Szenario wird die Deutschen spätestens dann erfassen, wenn sich Platini zum 26. Oktober bei der Fifa als Kandidat für die Präsidentenwahl (26. Februar 2016) einschreibt. Ob Gegenkandidaten hinzukommen, ist angesichts von Platinis großem Gefolge fraglich. Zuletzt hatten der frühere Fifa-Vizepräsident Chung Mong-joon aus Südkorea, Liberias Verbandspräsident Musa Bility und Brasiliens Fußball-Legende Zico ihr Interesse erklärt.

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