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Atlético Madrid : China erobert den spanischen Fußball

Multimillionär Wang Jianlin (Mitte) mit Atleticos Vorstandsvorsitzendem Miguel Angel Gil (links) und Präsident Enrique Cerezo Bild: dpa

Der Multimillionär Wang Jianlin kauft sich bei Atlético Madrid ein. Es ist der Beginn einer vielfältigen Kooperation. Mit dem Eintritt Chinas in die Elite der spanischen Fußball-Liga wird nichts mehr sein wie zuvor.

          3 Min.

          Es ist kein Geheimnis, dass der spanische Meister Atlético Madrid mit mehr als einer halben Milliarde Euro verschuldet ist und sich dort Hilfe suchen muss, wo er sie finden kann. Seit Sommer stand fest, dass eine Kapitalerhöhung unumgänglich sein würde. Jetzt ist auch die Quelle bekannt: Der chinesische Unternehmer und Multimillionär Wang Jianlin – Herr über Privat- und Büroimmobilien, Einkaufszentren, Kinos, nach eigener Aussage ein „Elefant im Sprint“ – kauft sich mit einer 20-Prozent-Beteiligung bei den „colchoneros“ ein.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Damit wird der Investor der dritte Großaktionär des Klubs nach Miguel Ángel Gil Marín, der 52 Prozent des Aktienpakets hält, und dem Filmproduzenten und Präsidenten Enrique Cerezo (20 Prozent). Die chinesische Wanda-Gruppe investiert 45 Millionen in den Verein und macht damit die Kapitalerhöhung perfekt. Am Mittwochmorgen wurde der Deal auf einer Pressekonferenz in Peking bekanntgegeben.

          Zugleich entsendet sie Vertrauensleute des Chefs in den Atlético-Aufsichtsrat. Eine außerordentliche Aktionärsversammlung innerhalb der nächsten dreißig Tage wird den Schritt billigen und damit die Tür zu einem Prozess öffnen, den Skeptiker als Ausverkauf und Optimisten als strategischen Geniestreich bezeichnen dürften. So oder so: Mit dem Eintritt Chinas in die Elite der spanischen Fußball-Liga wird nichts mehr sein wie zuvor.

          In völlig anderem Zusammenhang, doch mit Bedacht sagte Trainer Diego Pablo Simeone am Tag des Bekanntwerdens der Nachricht, solange Atlético weiter „wachse“, werde er, Simeone, den Verein nicht verlassen. Der Argentinier, der seit drei Jahren für den sportlichen Höhenflug der Rot-Weißen sorgt, hat immer wieder die finanzielle Überlegenheit der spanischen Großklubs Real Madrid und FC Barcelona beklagt und die Titelerfolge seines Teams als Lohn von Demut und harter Arbeit bezeichnet.

          Die neue Partnerschaft wurde in feierlichem Rahmen bekanntgegeben Bilderstrecke
          Die neue Partnerschaft wurde in feierlichem Rahmen bekanntgegeben :

          Seitens der Vereinsführung heißt es, der Eintritt Wang Jianlins sichere Atlético in den kommenden Jahren die Wettbewerbsfähigkeit und eröffne den wichtigen asiatischen Markt. Die Verbindung zwischen Atlético und dem Reich der Mitte ist in den letzten Jahren stetig enger geworden. Talente des chinesischen Fußballs trainieren seit längerem in der Jugendabteilung des Klubs aus dem Madrider Süden. Dieser Austausch soll intensiviert werden. Teil des Abkommens ist auch der Bau eines Jugendzentrums in Madrid für 30 Millionen Euro und die Errichtung drei weiterer Fußball-Schulen in China.

          Anders als in der Premier League sind ausländische Großinvestoren in Spanien relativ spät gelandet, mit wechselndem Glück und vor einem Panorama bankrotter Fußballvereine, deren Finanzpolitik sich als Leben auf Pump herausstellte. Im Jahr 2010 übernahm Abdullah ben Nasser Al Thani, ein Mitglied der Königsfamilie von Qatar, den hochverschuldeten FC Málaga und investierte in zwei Jahren rund 180 Millionen Euro. Als die Erfolge bei den Andalusiern ausblieben und renommierte Trainer wie Manuel Pellegrini das Handtuch warfen, ließ das Interesse des Hauptaktionärs nach, und die Spaltung zwischen dem arabischen Eigner und der Fanbasis des Klubs ist unübersehbar.

          Absolute Macht in Málaga und Valencia

          Einen besseren Eindruck macht die Ankunft des Großindustriellen Peter Lim aus Singapur beim FC Valencia. Lim übernahm im Oktober eine 70-Prozent-Mehrheit und garantierte die Begleichung einer Bankschuld des Klubs von 320 Millionen Euro. Darüber hinaus investierte der frische Mehrheitsaktionär innerhalb weniger Monate 200 Millionen Euro für den Aufbau eines neuen Teams, dessen Schlagkraft sich am fünften Tabellenrang der Primera División ablesen lässt.

          Mit der absoluten Macht der Herren von Málaga und Valencia lässt sich der Einfluss, den Wang Jianlin auf Atlético nehmen wird, nicht vergleichen, doch die Schritte des Chinesen auf spanischem Territorium sind von ungleich größerer strategischer Bedeutung. Das erste Signal langfristigen Engagements sandte der Unternehmer, der in der „Forbes“-Liste der wohlhabendsten Menschen der Erde auf Platz Nummer 75 geführt wird, als er letzten Sommer für 265 Millionen Euro das Edificio España kaufte, eines der Wahrzeichen des Madrider Zentrums an der Plaza de España. Das Schnäppchen soll ihm von Atlético-Präsident Cerezo empfohlen worden sein.

          Neuer Handlungsspielraum für Atlético

          Wie im Fall des FC Valencia stopfte chinesisches Kapital die Löcher, die die Immobilienzockerei spanischer Großbanken gerissen hatte. In diesem Fall hatte sich Spaniens Branchenriese Banco Santander 2005 am Edificio España mit einem Kaufpreis von 389 Millionen Euro überhoben und neun Jahre auf der ungenutzten Immobilie gehockt, bevor China den Rettungsring warf. Es ist mehr als eine Koinzidenz, dass in diesen Tagen außerhalb Madrids der Container-Güterzug „Yixinou“ wartet, der auf der neuerbauten Bahnstrecke Madrid-Yiwu erstmals spanische Feinkostwaren - vor allem Wein und Olivenöl - für die aufstrebende chinesische Mittelklasse Tausende Kilometer Richtung Osten transportieren soll.

          Für Atlético Madrid bedeutet die Beteiligung aus China größeren finanziellen Handlungsspielraum und langfristige Zusammenarbeit, darunter lukrative Werbeverträge mit chinesischen Unternehmen sowie den Verkauf von Trikots und Fanartikeln. Dadurch wird das aktuelle Jahresbudget von 120 Millionen Euro, das nicht einmal ein Drittel des Haushalts von Real Madrid erreicht, wahrnehmbar steigen. Im Sommer plant die erste Mannschaft eine China-Tournee, und demnächst soll in China ein weiteres halbes Dutzend Atlético-Fußballschulen eröffnen.

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