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München vor dem Finale : Wie nach einem Meditationskurs

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Pose mit Pokal - zur Probe: Uefa-Botschafter Paul Breitner präsentiert in München vorab die Champions-League-Trophäe Bild: dapd

Die Profis des FC Bayern geben sich vor dem „Spiel der Spiele“ ganz gelassen - die Stadt präsentiert sich in Rot und Weiß. Im Stadion könnten die Münchner nicht viel merken vom „Finale dahoam“.

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          Das Schmunzeln verriet Jupp Heynckes, als er von seinen Plänen für den Samstag, den Finaltag, erzählte. Er habe eigentlich vor, am Samstagvormittag mit der Mannschaft eine kleine Stadtrundfahrt zu machen und ein bisschen mit den Fans zu plaudern, sagte er. „Das ist doch die optimale Vorbereitung auf das Spiel.“ Natürlich scherzte der Trainer des FC Bayern München. Zuvor hatte schon Bastian Schweinsteiger einen nicht ganz ernst gemeinten Einblick in sein Verhalten gegeben. Er lese immer alles, sagte er, „weil ich gerne über mich lese, das ist lustig“. Schweinsteiger war gut aufgelegt, und auch der sonst manchmal gesetzt wirkende Kapitän von Bayern München, Philipp Lahm, gab sich am Freitag lausbübisch.

          Nichts war einen Tag vor dem „Finale dahoam“, dem Champions-League-Endspiel zwischen dem FC Bayern und dem FC Chelsea in der eigenen Arena, von jener Aufgeregtheit zu spüren, die ein solcher Anlass üblicherweise mit sich bringt - und die erst recht zu erwarten ist, wenn das Duell um den wichtigsten Vereinstitel im europäischen Fußball im eigenen Stadion stattfindet. Sowohl der Trainer als auch die Spieler wirkten am Freitag gelassen, entspannt wie nach einem dreitägigen Wellnessaufenthalt inklusive Meditationskurs in einem Kurort. Die Münchner traten selbstbewusst auf, aber nicht zu siegessicher, mit viel Wertschätzung für den Gegner von der Insel. Die Finalniederlage vor zwei Jahren gegen Inter Mailand könne helfen, sagte Lahm. „Unser Glaube an den Titel ist größer als damals.“

          Das Objekt der Begierde

          Es sei vielleicht „ein klitzekleiner Vorteil“, auf eigenem Terrain zu spielen, behauptete Heynckes. „Wir sind in der eigenen Kabine, die Spieler kennen jeden Grashalm. Aber ich teile die Meinung nicht, dass der FC Bayern Favorit ist.“ Denn in einem Champions-League-Finale, so der Münchner Fußball-Lehrer, gebe es keinen Favoriten. „Chelsea hat Neapel ausgeschaltet, gegen den FC Barcelona daheim 1:0 gewonnen und in Barcelona 2:2 gespielt, in Unterzahl“, sagte Heynckes. „Diese Daten sollen eine Warnung sein.“ Für ihn ist es wichtig, alles so zu machen wie im Halbfinale der Champions League gegen Real Madrid. „Es ist wichtig, dass ich Gelassenheit ausstrahle.“ In Madrid habe er seine Profis eindringlich darauf hingewiesen, dass sie in der aufgeheizten Stimmung des Bernabeu-Stadions Ruhe bewahren sollten. „Das Gleiche trifft auch am Samstag zu.“

          Gut aufgelegte Führungsspieler: „Unser Glaube an den Titel ist größer als damals“

          In der Stadt, so finden die Bayern, darf die Stimmung dagegen ruhig ein bisschen aufgeregt sein. Die Verantwortlichen haben in den vergangenen Tagen viel dafür getan, dass das vermeintlich große Fußballfest reichlich Aufmerksamkeit erfährt. Paul Breitner startete zu Beginn der Woche die Werbetour. Im Doppeldecker-Bus der Europäischen Fußball-Union war er mit der Champions-League-Trophäe in der Stadt unterwegs, ließ sich fotografieren mit dem Objekt der Begierde, dem Pokal, und verteilte schwarze Armbändchen.

          „Mia san Rot-Weiß“

          Eine etwas längere Vorbereitung hatte die Kampagne des deutschen Rekordmeisters unter dem Motto „Mia san Rot-Weiß“. Die Bayern haben sich ein sehr ambitioniertes Ziel gesetzt - München soll am Samstag in den Vereinsfarben leuchten. Einige Gebäudekomplexe wie ein großes Hotel und sogar ein kleinerer Platz sind in diesen Tagen in Rot und Weiß getaucht. Die Münchner mieteten 600 Plakatwände, sie ließen T-Shirts mit dem Schriftzug „Mia san Rot-Weiß“ bedrucken und Werbespots drehen. „Es wäre schön, wenn sich möglichst viele Leute beteiligen würden“, sagte Andreas Jung, der im Vorstand des deutschen Fußball-Rekordmeisters für Marketing zuständig ist. „Sich rot-weiß kleiden, Laken aus dem Fenster hängen oder dem Dackel ein rot-weißes Leibchen überziehen - alles hilft bei dieser Aktion.“

          Jupp Heynckes gibt sich vor dem Finale gelassen: „Die Spieler kennen jeden Grashalm“

          Der dem blauen Lokalrivalen TSV 1860 näher stehende Oberbürgermeister Christian Ude machte am Freitag den Anfang. Am Münchner Rathaus hingen schon am Vormittag rote und weiße Luftballons. Kaufhäuser in der Fußgängerzone haben seit einiger Zeit ihre Dekoration auf das bevorstehende Fußball-Finale ausgerichtet, und an einem Sportgeschäft hängt ein überlebensgroß abgebildeter Franck Ribéry.

          In Fröttmaning, rund um die Fußball-Arena, ist alles längst auf das Champions-League-Finale vorbereitet. Seit einer Woche ist der Schriftzug des Namensgebers abgehängt, die Spielstätte heißt nun Fußball-Arena München. Statt wie sonst bei Spielen des FC Bayern in Rot wird das Stadion am Samstagabend in den Farben der Uefa leuchten, in Blau und Türkis.

          Die ersten englischen Fußball-Fans waren am Freitag auch schon da, der Großteil wurde aber erst am späten Abend und am Samstagvormittag erwartet. 17.500 Karten hat Chelsea für seinen Anhang bekommen, genauso viele wie die Bayern. Im Stadion könnten die Münchner nicht viel merken vom „Finale dahoam“.

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