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Missbrauch von Kindern : Die Tränen des englischen Fußballs

Seine Aussagen lösten einen ganzen Missbrauchsskandal aus: Andrew Woodward im Interview mit der BBC. Bild: BBC

Die Leidensgeschichten Hunderter früherer Spieler erschüttern England. Sie alle wurden von Trainern, Betreuern und Scouts sexuell missbraucht. Der Skandal erreicht nun den FC Chelsea.

          Tränen fließen im Fußball nicht oft. Seit zwei Wochen sehen die Briten sie fast täglich. Immer mehr Fußballer treten an die Öffentlichkeit und berichten von sexuellem Missbrauch in ihrer Jugend - durch Trainer, Scouts oder Betreuer. Was vor zwei Wochen mit einem Artikel im „Guardian“ begann, wächst sich zu einem der größten Skandale im britischen Fußball aus. Mehr als 350 ehemalige Spieler haben sich schon bei der Polizei gemeldet. In sechzehn britischen Distrikten nahmen die Behörden Ermittlungen auf.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Als Erster hatte sich Andy Woodward, der früher beim FC Bury und bei Sheffield United spielte, ein Herz gefasst. Der heute 43-Jährige sagte dem „Guardian“, dass er im Alter von elf bis fünfzehn Jahren als Jugendspieler bei Crewe Alexandra vom damaligen Trainer Barry Bennell systematisch missbraucht worden sei. „Es begann mit sexuellen Berührungen, aber es wurde sehr schnell schlimmer, und er vergewaltigte mich. Ich kann nicht sagen, wie oft es passiert ist. Aber es dauerte vier Jahre lang.“

          Eine knappe Woche später folgte Steve Walters, ein Jahr älter als Woodward, und erzählte die gleiche Geschichte - von demselben Klub, demselben Trainer. Walters berichtete, wie schwer es ihm gefallen sei, an die Öffentlichkeit zu gehen. „Ich habe mir immer vorgemacht, es sei nie geschehen, und habe es verdrängt.“ Während seiner aktiven Zeit habe er gedacht: „Wenn das je rauskommt, dann war es das mit meiner Karriere.“ Dann habe er gelesen, was Woodward gesagt hat, und eine Last sei von seinen Schultern gefallen. „Ich muss das tun, und ich hoffe einfach, dass es anderen dabei hilft, sich zu erklären.“ Seine Hoffnung erfüllte sich. Seither meldeten sich täglich Spieler in Zeitungen oder Talkshows zu Wort.

          Erinnerungen an den Fall Savile

          Manche vergleichen Bennell mit Jimmy Savile, dem einst berühmten BBC-Moderator, der, so die Ermittlungen nach seinem Tod, in mehr als drei Jahrzehnten Hunderte Jungen und Mädchen missbraucht hatte. Bennell war kein Prominenter, aber seine Verbrechen hatten ihn schon vor mehr als zwanzig Jahren zu einer öffentlichen Figur gemacht. 1994 war der Jugendtrainer, der auch bei Manchester City und Stoke City gearbeitet hatte, wegen Vergewaltigung eines Jungen in den Vereinigten Staaten zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Später musste er in Großbritannien wegen Missbrauchs in 23 Fällen für neun Jahre ins Gefängnis. Im vergangenen Jahr wurde er abermals verurteilt, wegen eines sexuellen Übergriffs gegen einen Zwölfjährigen in einem Trainingscamp im Jahr 1980. Während des Prozesses bezeichnete sich Bennell als „Monster“. Nach den neuen Anschuldigungen wiesen ihn die Behörden Anfang der Woche in ein Krankenhaus ein: Sein „körperliches Wohl“ sei gefährdet.

          Die Affäre geht weit über Bennell hinaus. Mehrere frühere Spieler beschuldigten im „Guardian“ George Ormond, der unter anderem bei Newcastle United Trainer war. Ormond hatte schon im Jahr 2002 wegen Missbrauchs vor Gericht gestanden. Vorwürfe wurden auch gegen den inzwischen verstorbenen Talentsucher Eddie Heath laut, der in den siebziger Jahren Chelsea die Jugend zuführte. Er war 1979 entlassen worden.

          Die betroffenen Klubs geben sich besorgt und kooperationswillig. Crewe kündigte eine interne Untersuchung über den Umgang des Klubs mit den Missbrauchsfällen in seinen Reihen an. Manchester City teilte mit, man werde die Anschuldigungen intensiv untersuchen. Bei Newcastle United hieß es, bislang seien keine Beschwerden aufgelaufen, aber man wolle mit Polizei und Behörden eng zusammenarbeiten. Die Polizei, hieß es am Freitag in der „Times“, ermittle inzwischen in 55 Fußballklubs, von der Premier League bis zu Provinzvereinen. Dass nicht überall offen mit den Verbrechen umgegangen wird, zeigt das Beispiel Chelsea. Am Donnerstag kam heraus, dass der frühere Stürmer Garry Johnson vom aktuellen Tabellenführer der Premier League vor zwei Jahren eine Art Schweigegeld erhalten hat. Für 50.000 Pfund unterschrieb Johnson, über die Vergewaltigungen durch Heath nicht öffentlich zu reden.

          Kritik am englischen Fußballverband

          Die englische „Football Association“ (FA) richtete in der vergangenen Woche eine „Helpline“ ein, bei der sich inzwischen Hunderte gemeldet haben. Vielen geht das nicht weit genug. Der Vorsitzende des Unterhausausschusses für Kultur, Medien und Sport, der konservative Abgeordnete Damian Collins, kritisierte, die FA reagiere zu langsam und gehe das Problem nicht grundsätzlich genug an. Inzwischen hat der Verband eine Richterin beauftragt, um herauszufinden, was die Klubs über Missbrauchsfälle in ihrem Zuständigkeitsbereich gewusst haben. FA-Geschäftsführer Martin Glenn sagte, er glaube nicht an eine organisierte „Vertuschung“, aber jeder Klub, der sich etwas habe zuschulden kommen lassen, müsse mit Strafen rechnen, „unabhängig von seiner Größe“.

          Mehr Hoffnungen ruhen wohl auf der Polizei, die mittlerweile auf Ermittlungen sexueller Missbrauchsfälle spezialisiert ist. Seit zweieinhalb Jahren läuft die „Operation Hydrant“, die einen großen Teil der britischen Ordnungsmacht in Arbeit hält. Sie steht in Verbindung zum „Child Abuse Inquiry“, einer groß angelegten öffentlichen Untersuchung historischer Missbrauchsfälle im Umfeld von Politik und Prominenz. Die Untersuchung, mit der die Regierung auf den öffentlichen Schock nach den Savile-Enthüllungen reagierte - aber auch auf seit Jahrzehnten zirkulierende Verdachtsmomente, Pädophilen-Ringe seien von staatlichen Stellen geschützt worden -, steckt jedoch in einer tiefen Krise. Unlängst hat die Innenministerin die vierte Vorsitzende installieren müssen. Auch mehrere Juristen haben die Kommission vorzeitig verlassen. Einer von ihnen steht selbst unter Missbrauchsverdacht.

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