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Blatter und Platini : Gefangen in ihrer eigenen Welt

  • -Aktualisiert am

Zwei suspendierte Fußballchefs: Joseph Blatter (links) und Michel Platini. Bild: AFP

Michel Platini sieht sich als Opfer. Der arme Mann hat ja nicht völlig unrecht. Eine lebenslange Sperre würde aber nicht überraschen. Weil Platini über Jahre an einem Urteil in seinem Fall gebastelt hat.

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          Unter selbsternannten Ehrenmännern ist man sich einig: Die Ethik-Kommission des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) ist das Instrument intriganter Gegner für einen Schauprozess. Das behaupten – etwas freier übersetzt – Joseph Blatter und Michel Platini, die beiden suspendierten Fußballchefs schon ein paar Tage.

          Die Klage gegen Anklage reicht von „Inquisition“ bis zum „Verstoß gegen die Menschenrechte“. Weil es die Richter der Spruchkammer gewagt hatten, den Fifa-Boss Blatter und den Fußballchef der Europäer wegen eines dubiosen Geldtransfers über zwei Millionen Euro von einem zum anderen für neunzig Tage aus dem Spiel zu nehmen. Dass diese Pause rechtens war, musste sich Platini allerdings vom Sportgerichtshof sagen lassen.

          Nun, bevor es Anfang der nächsten Woche zum Urteil der Fifa-Spruchkammer unter dem ordentlichen deutschen Richter Eckert kommen soll, zieht Platini das letzte Register. Er verweigert die für Freitag geplante abschließende Befragung durch die Richter. Er winkt ab, mit großen Worten: „Missachtung der Unschuldsvermutung“. Die Stoßrichtung ist nicht zu übersehen: Ich Michel, Spieler und Star, Freund und Förderer des sauberen Fußballs bin nicht Täter, sondern Opfer – der Sportjustiz.

          Der arme Mann hat ja nicht völlig unrecht. Es gibt in seinem Fall eine Vorverurteilung. Aber sie hat sich nicht erst am vergangenen Wochenende zu einem Allgemeingut entwickelt, als ein Sprecher der Fifa-Kommission angeblich den Strafantrag im Fall Platini an die Spruchkammer als offizielles Statement ausgeplaudert haben soll: lebenslänglich! Huch, wie das?

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          Falls es denn zur Verbannung Platinis von den Fußballplätzen dieser Welt kommen sollte, falls dessen Hoffnung, doch noch Fifa-Präsident werden zu können, platzte, dann wäre die Öffentlichkeit wohl kaum überrascht. Weil Platini über Jahre an einem Urteil in seinem Fall gebastelt hat.

          Noch bevor die Fifa-Kommission ermittelte, war schon bekannt, welche familiären Verbindungen er über seinen Sohn mit Qatar pflegte. Und wie er als Lobbyist für eine höchst umstrittene WM warb. Als eine der einflussreichsten Figuren im Weltfußball nutzte Platini die Machtmechanik der an Aufklärung dubioser Fälle uninteressierten Uefa und schuf damit ein Ansehen, dass er jetzt als Vorurteil geißelt.

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          Ihn mag diese Perspektive der Menschen da draußen überraschen. Aber das ist Funktionären seines Schlags vor dem Ende ihrer Ära gemein. Sie stellen im letzten Moment alles in Frage, nur nicht sich selbst: „Die Leute auf der Straße“, erzählte Joseph Blatter der „Gazzetta dello Sport“, „mögen mich immer noch.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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