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Michael Ballack : Wieder auf dem Rasen, aber noch nicht über den Berg

Michael Ballack: wieder da, aber auch wirklich fit? Bild: AFP

Michael Ballack hat nach seiner Verletzungspause sein Comeback in einem Pflichtspiel des FC Chelsea gefeiert. Auch für die deutsche Nationalmannschaft ist die endgültige Rückkehr des Kapitäns eine gute Nachricht.

          3 Min.

          Um 21.16 Uhr Londoner Ortszeit am Mittwochabend waren acht Monate des Zweifels beendet. Es war eine Zeit, in der Michael Ballack, wie er der „Zeit“ erzählte, manchmal das verfrühte Ende seiner Karriere befürchtete: „Meine Verletzung ging mir 24 Stunden am Tag nicht aus dem Kopf. Und manchmal habe ich mir gedacht: Mensch, jetzt bist du 31, du hattest 14 gute Jahre als Profi. Vielleicht soll es das ja jetzt gewesen sein.“

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Es soll's noch nicht gewesen sein. In der 68. Minute des Spiels gegen den FC Liverpool, im Viertelfinale des englischen Ligapokals, kam der 31-jährige Mittelfeldspieler von der Bank des FC Chelsea, als Ersatz für den Nigerianer John Obi Mikel. Der Beobachter der BBC notierte dabei „warmen Applaus der Chelsea-Getreuen“. Der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft setzte in diesem Moment einen Schlusspunkt unter die längste Zwangspause seiner Karriere.

          Nur 23 Minuten dabei, dennoch an einem Tor beteiligt

          Es war ein Neuanfang, mit dem auch die englische Presse etwas anfangen konnte. „Eine erfolgreiche Rückkehr“, bescheinigte ihm die „Times“. Die „Daily Mail lobte: „Er kam nach acht Monaten zurück und beeinflusste sofort das Spiel“. Ballack war nur 23 Minuten auf dem Platz, da war er schon an einem Tor beteiligt. Chelsea, das seit der 58. Minute durch einen abgefälschten Schuss von Frank Lampard geführt und die letzte halbe Stunde nach einer Roten Karte für Liverpool-Stürmer Peter Crouch in Überzahl bestritten hatte, machte in der Nachspielzeit alles klar. Eine Flanke von Joe Cole erreichte die Stirn von Ballack, dessen Kopfball landete bei Andrej Schewtschenko, und der Ukrainer vollendete zum 2:0.

          Ehemalige Bundesligastars unter sich: Ballack beim Kopfballduell mit Andrej Woronin (früher Bayer Leverkusen)
          Ehemalige Bundesligastars unter sich: Ballack beim Kopfballduell mit Andrej Woronin (früher Bayer Leverkusen) : Bild: AP

          Sein letztes Wettkampfspiel zuvor hatte Ballack im April in Newcastle bestritten, wobei er eine Verletzung am linken Sprunggelenk erlitt. Die Blessur schien zunächst geringfügig, doch es gab Komplikationen, dazu kamen Differenzen in der Diagnose zwischen den Medizinern bei Chelsea und Ballacks Arzt aus Münchner Zeiten, Hans Müller-Wohlfahrt. Am Ende erforderte die Verletzung zwei Operationen und wurde zur großen Geduldsprobe für den besten deutschen Fußballer.

          Nun weiß Ballack, dass der neue Chef auf ihn setzt

          Das lange Warten ließ nicht nur viel Zeit für aufflammende Selbstzweifel, auch aus dem Chelsea-Lager kamen nicht immer ermutigende Signale. Es gab Berichte, Trainer José Mourinho, der Ballack 2006 vom FC Bayern geholt hatte, sei erzürnt gewesen über dessen eigenmächtige (und letztlich berechtigte) Wahl der Behandlung des Fußes. Dass der Portugiese Ballack nicht in den 24er-Kader für die Champions-League-Vorrunde aufnahm, wurde in der Presse als Hinweis auf einen bevorstehenden Verkauf des Deutschen im Januar interpretiert.

          Dann war Mourinho weg, und mit Nachfolger Avram Grant konnte Ballack nicht viel anfangen, denn der Israeli war erst im Sommer, als Ballack schon verletzt war, nach London gekommen. Grant nannte den Deutschen zwar einen „Siegertypen“. Doch erst nun weiß Ballack, dass der neue Chef auf ihn setzt. Nach zwei Testeinsätzen im Reserveteam gehört er wieder zum Stamm der Mannschaft.

          Keine Chance auf Winterspeck, aber in Tritt zu kommen

          „Ich bin froh, dass er nach langer, langer Zeit wieder im Spiel ist“, sagte Grant nach dem Spiel gegen Liverpool. „Er ist ein großartiger, intelligenter Spieler und wichtig für uns.“ Ballack erwartet nun ein Fußball-Weihnachten nach englischer Art, mit Spielen alle zwei bis vier Tage. Vermutlich wird er in der Premier League sein Comeback am Tag vor Heiligabend bei den Blackburn Rovers geben, spätestens aber am Zweiten Weihnachtstag gegen Aston Villa.

          Drei Tage später kommt Newcastle, am Neujahrstag geht es zu Fulham, und dann kommen der Pokal und der Ligapokal, insgesamt sechs Spiele in den nächsten 18 Tagen. Keine große Chance, Winterspeck anzusetzen, aber eine große Gelegenheit, in Tritt zu kommen. Eine Neiddiskussion, wie sie Ballack als neuer Rekordverdiener bei Chelsea in seiner Debütsaison erlebte, als man seine Leistungen ebenso wie die Schewtschenkos öffentlich anzweifelte, dürfte ihm nun vorerst erspart bleiben. Denn Chelsea braucht jeden Mann. Kapitän John Terry, der Anführer des Teams, ist für Monate verletzt.

          Chelsea braucht eine Führungskraft, die Tore schießt

          Torjäger Didier Drogba wurde gerade am Knie operiert und wird, selbst wenn er bald zurückkehren kann, von Mitte Januar bis Mitte Februar beim Africa Cup in Ghana sein (ebenso wie Michael Essien, John Obi Mikel und Salomon Kalou). Chelsea braucht also derzeit das, was Ballack für die Bayern stets war: eine Führungskraft, die Tore schießt.

          „Ich bin wieder da! Aber ich gestatte mir keine verfrühte Euphorie“, sagte Ballack im Interview mit der „Zeit“. „Ich bin noch nicht vollständig über den Berg. Es geht alles sehr, sehr langsam, bis man wieder zu hundert Prozent fit ist.“ Eine besonders gute Nachricht ist die Rückkehr für das deutsche Nationalteam. Denn Ballack dürfte von der Leistungskurve her nun, ebenso wie die anderen Rekonvaleszenten im Mittelfeld, Bernd Schneider und Torsten Frings, präzise zur Europameisterschaft im Juni in der richtigen Verfassung sein - wenn ihm nicht wieder einer auf die Füße tritt.

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