Mesut Özil : Das Genie ist müde
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Volle Konzentration: Mesut Özil sollte sein Können auch in einem großen Spiel mal zeigen Bild: dapd
Mesut Özil wird bei Real als Zauberer verehrt. Doch seine Kombinationskunst ist in Mourinhos System kaum gefragt. Zeigt er in der Champions League in München am Dienstag (20.45 Uhr) einen glanzvollen Auftritt?
Vertraute man den Zahlen, wäre Real Madrid vor dem Hinspiel des Champions-League-Halbfinales an diesem Dienstag gegen Bayern München (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) leichter Favorit. Zwar ist der deutsche Rekordmeister so etwas wie Reals europäischer Angstgegner, aber die Saisonbilanz der Spanier ist furchterregend: Ohne Mühe sind sie durch die Champions League spaziert, liegen in der Primera División mit 107 erzielten Treffern in 33 Spielen auf Platz eins vor dem FC Barcelona, der besten Mannschaft der Welt, und sind auf gutem Weg, eine Reihe von Tor-Rekorden zu brechen.
Der deutsche Nationalspieler Mesut Özil müsste eigentlich Teil dieser erfolgshungrigen Real-Truppe sein. Aber er ist es nicht ganz. Oder nicht so, wie es sich die Fans erhofft hatten. Wird der Filigrantechniker in München überhaupt spielen? Gut möglich, aber nicht sicher. Vielleicht wird er eingewechselt. Vielleicht wird er ausgewechselt.
Was er selbst sich ausrechnet, ist kaum in Erfahrung zu bringen, weil Real-Trainer José Mourinho seinen Männern einen Maulkorb umhängt. Spricht man den höflichen, stets bescheiden auftretenden Spieler nach der Partie in der sogenannten Mixed Zone an, hört man kaum mehr als Worthülsen. Je mehr man sich mit der Özil-Geschichte beschäftigt, desto komplizierter wird sie.
Letzten Mittwoch zum Beispiel, im wichtigen Ligaspiel gegen Atlético Madrid, saß der ehemalige Bremer erst einmal auf der Bank. Statt seiner spielte Kaká. Die beiden sind nicht die Einzigen, die finden, sie könnten gut zusammenspielen. Der Deutsch-Türke und der Brasilianer, sie mögen und respektieren sich.
Beim Viertelfinalrückspiel in der Copa del Rey gegen den FC Barcelona im Januar war es wesentlich ihnen zu verdanken, dass der spanische Rekordmeister erstmals mit spielerischen Mitteln dagegenhielt und seine beste Leistung im Camp Nou seit Jahren ablieferte. Am Ende hieß es nach 0:2-Rückstand noch 2:2, und trotz des Pokalausscheidens war Real der moralische Sieger.
Böse Zungen sagen, Mourinho habe die beiden Mittelfeldstrategen nur zusammen aufgestellt, um sie scheitern zu sehen. Und dann sei das Gegenteil passiert. Özil zauberte sich in der ersten Halbzeit sogar einen fabelhaften Weitschuss aus dem Fußgelenk, der leider nur gegen die Latte krachte. Warum stand so ein Mann im Hinspiel nicht einmal in der Startelf?
Der „clásico“ gehört zu den Partien, in denen Hochbegabte wie Özil sich beweisen müssen. Ein Champions-League-Halbfinale gegen Bayern München fällt in dieselbe Kategorie. Doch gerade in den Schlagerspielen ist er schon öfter auf Tauchstation gegangen. Das soll keine Anspielung auf seinen Spitznamen „Nemo“ sein, den die Mannschaftskameraden ihm angeblich verpasst haben.
Als Özil vergangene Woche die zweiten 45 Minuten gegen Atlético absolviert hatte (Real gewann 4:1 durch drei Tore von Cristiano Ronaldo), schrieb das Sportblatt „Marca“, der Deutsche habe mehr gebracht als Kaká, was aber nicht schwer gewesen sei. „Er hatte die Klarsicht, einige Pässe zu spielen. Hielt gut den Ball, nachdem Madrid in Führung gegangen war.“ Ergebnis: befriedigend.
Die Note Drei hat er in dieser Saison schon neunzehnmal bekommen. In den anderen elf Spielen war er fünfmal „überragend“ (Bestnote) und sechsmal „bemerkenswert“. Nun sind die Noten von „Marca“ nicht biblisch, aber sie drücken die Tendenz dieser Saison aus. Özil bleibt etwas hinter den hohen Erwartungen zurück, die er mit seiner starken ersten Spielzeit nach seinem Wechsel von Werder Bremen zu Real Madrid geweckt hatte.