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Früherer Nationalspieler : Fenerbahce und der riesige Hype um Özil

Fühlt sich fit: Mesut Özil Bild: Reuters

Er hatte es seiner Mutter versprochen: Künftig wird Mesut Özil bei Fenerbahce Istanbul spielen – und in Nachbarschaft zu Recep Tayyip Erdoğan wohnen. Doch die Erwartungen sind gewaltig, vielleicht unerfüllbar groß.

          3 Min.

          „Die Mesut-Özil-Show“ beginnt, titelte am Sonntag die populäre türkische Fußballzeitung „Fanatik“. Am Samstag wurden Özil, seine Frau und ihre Tochter negativ auf das Coronavirus getestet. Am Sonntag trainierte der frühere deutsche Nationalspieler erstmals bei Fenerbahce Istanbul. Beim Spiel an diesem Montag (17.00 Uhr) gegen den abstiegsbedrohten Verein aus Kayseri wird Özil aber nur Zuschauer sein. Dann wird er sehen, auf welches fußballerische Niveau er sich künftig einzustellen hat. In den kommenden Wochen soll Özil langsam aufgebaut werden, um am 6. Februar im Lokalderby gegen Galatasaray fit zu sein. Dann muss der aktuelle Tabellendritte Galatasaray beim aktuellen Tabellenzweiten antreten, und dann wird Özil auf dem Rasen und im Rampenlicht stehen.

          Erst Abstellgleis, dann Hype

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Die Erwartungen an Özil sind gewaltig, vielleicht unerfüllbar groß. Fenerbahce ist seit 2014 nicht mehr Meister geworden. Seither ist der Erzrivale Galatasaray mit drei weiteren Titeln aber auf 22 Meisterschaften davongezogen. Özil war aber zehn lange Monate bei seinem letzten Arbeitgeber, dem FC Arsenal, auf dem Abstellgleis gestanden und hatte sein letztes Spiel im März 2020 bestritten. Vor einer Woche hatte die Hängepartie endlich ein Ende, plötzlich war alles ganz schnell gegangen, und der 1988 in Gelsenkirchen Geborene wechselte zu dem Verein, von dem er sagt, dass er mit ihm aufgewachsen sei.

          Der Hype um Özil lässt ermessen, wie groß die Erwartungen an ihn sind. Als am vergangenen Wochenende ein Privatflugzeug mit Özil und seinem neuen Mäzen Ali Koc, dem Chef der Koc Holding, von London nach Istanbul flog, sollen 300.000 Türken den Flug auf Flightradar mitverfolgt haben. Die Zeitung „Milliyet“ machte Özil in einer Überschrift zu einem „Markennamen“, und Fenerbahces Sportdirektor Emre Belözoglu, der viele Jahre für Spitzenmannschaften in Italien, Großbritannien und Spanien gespielt hat, adelte den Neuzugang zu einem der größten Stars, die der Weltfußball gesehen habe.

          Shkodran Mustafi, 2014 mit Özil Weltmeister und seit 2016 dessen Kollege bei Arsenal, verabschiedete ihn mit einer Liebeserklärung, als er ihn „den selbstlosesten Spieler auf und neben dem Platz“ bezeichnet hat, mit dem er je eine Kabine geteilt habe. Den Tweet schloss er mit den Worten: „An dich wird man sich für immer als Assistkönig erinnern.“ Auf seinen Kollegen aus der WM-Elf von 2014 freut sich aber Lukas Podolski, der seit einem Jahr für Antalyaspor Tore schießt. Özil sei eine Bereicherung, sagte er. Schließlich sei Özil mit 32 Jahren im besten Fußballalter.

          Zweifel, dass er nicht mehr fit sei, versuchte Özil nach seiner Landung in Istanbul auszuräumen. Auch wenn er lange nicht gespielt habe, sei er körperlich fit, er sehe kein Problem, sagte er. Der ehemalige Zehner wird künftig die Rückennummer 67 tragen. Nicht weil er keine Traumpässe mehr schlagen und Räume entdecken will, sondern als Hommage an seine Vorfahren, die in der Bergbaustadt Zonguldak am Schwarzen Meer unter Tage gearbeitet hatten. 67 ist das Autokennzeichen von Zonguldak.

          Weniger für das Geld

          Schwierig könnte für Özil aber werden, dass ihm die Mitspieler für sein Spiel fehlen. Denn der Kader von Fenerbahce gilt als überaltert. Der Verein kauft lieber teure Stars ein, selbst wenn sie ihren Zenit überschritten haben, als auf Nachwuchstalente zu setzen. Özil selbst fühlt sich noch nicht zu alt. Sonst hätte er andere, lukrativere  Angebote angenommen. Ausgeschlagen hat er ein Angebot von United DC aus der amerikanischen Hauptstadt Washington und eines aus Qatar. Das behält er sich offenbar als letzte Station vor seinem Karriereende vor.

          In Istanbul spielt er weniger für das Geld. Es sind zwar immer noch stolze 3 Millionen Euro pro Saison, das ist aber nur noch ein Bruchteil des letzten Salärs. Max Kruse hatte wegen ausstehender Gehaltszahlungen dem hoch verschuldeten Fenerbahce den Rücken gekehrt. Gegenüber Özil steht aber Ali Koc, einer der reichsten Türken, im Wort. Fenerbahce muss zwar an Arsenal keine Ablösesumme zahlen, um die Last auf mehr Schultern zu verteilen, hat Koc am Wochenende die Fans von Fenerbahce dennoch zu einer SMS-Spendenkampagne aufgerufen.

          In Istanbul spielt Özil für das Herz und die Leidenschaft. So hat er seiner Mutter Gülizar versprochen, eines Tages für Fenerbahce zu spielen, und seine Frau, die Schauspielerin  Amine Gülse, hat ihren Lebensmittelpunkt in Istanbul. Und dann ist da noch die Nachbarschaft. Özil bezieht im Stadtteil Camlica eine Villa im Nobelviertel Kisikli, hoch über dem Bosporus mit einem atemberaubenden Blick auf die Meerenge. Nur eine Autofahrminute entfernt hat der türkische Präsident Tayyip Erdogan sein Istanbuler Domizil. Künftig kann Özil seine Trikots dort überreichen.

          Applaus zum Einstand: Mesut Özil (links) bei seinem ersten Training in Istanbul am Sonntag
          Applaus zum Einstand: Mesut Özil (links) bei seinem ersten Training in Istanbul am Sonntag : Bild: Reuters

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