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Mehmet Scholl über Musik : Was spielt er jetzt

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Sportler und Musikexperte: Mehmet Scholl Bild: ddp

Jetzt, wo er nicht mehr Fußball spielt, hat Mehmet Scholl mehr Zeit für seine zweite große Leidenschaft: die Musik. Ein Interview über seine Favoriten, peinliche Stadionhymnen, Robbie-Williams-Fans und sein Praktikum bei den Sportfreunden Stiller.

          3 Min.

          Am vergangenen Mittwoch hat er sein Abschiedsspiel absolviert, am nächsten Donnerstag kommt eine Dokumentation über seine Karriere ins Kino („Frei: Gespielt. Mehmet Scholl - über das Spiel hinaus“; ab 27. August auch auf DVD), und am 31. August erscheint der Soundtrack zum Film auf CD (unter anderem mit Sportfreunde Stiller, Velvet Underground oder Hildegard Knef), den der 36-jährige Eben-noch-Bayern-Profi Mehmet Scholl selbst zusammengestellt hat.

          „Frei: Gespielt“ ist die dritte Kompilation, die Sie veröffentlichen. Reden wir also nicht über Fußball, sondern über Ihre größte Leidenschaft: die Musik.

          Die bedeutet mir wirklich viel. Zumal ich jetzt endlich sagen kann, seit ich Musik höre, seit ich Musik auflege, dass ich angekommen bin bei einer bestimmten Musikrichtung. Die Stilrichtung ist etwas schwierig zu beschreiben, deshalb die Gruppen: Das ist Arcade Fire, Decemberists, Hidden Cameras, Dropkick Murphys. Es ist so Richtung Folk, trotzdem Indie, nicht Mainstream, bisschen Country drin, alles verspielt . . .

          Wie haben Sie Ihren Musikgeschmack gefunden?

          Ich war ein ganz großer Britpop-Fan. Oasis, Blur, Dandy Warhols oder The Verve. Und jetzt kommt dieser New British Rock mit Kaiser Chiefs, Maxïmo Park, Franz Ferdinand, The Subways, The Others, da gibt es Unmengen Bands, und mit dieser Richtung konnte ich gar nichts anfangen. Das ist so richtig dreckiger britischer Garagenrock. Auch die Arctic Monkeys. Entweder man steht genau auf so eine Art des Rock 'n' Roll oder überhaupt nicht. Mich hat das ein bisschen rausgekickt, völlig in die andere Richtung. Eher das Ruhige, Poetische, das Spinnerte, das bin ich.

          Darf sich Ihre Freundin denn einen ganz anderen Geschmack erlauben?

          Als ich sie kennengelernt habe, hörte ich Indie. Sie zwar auch, aber im anderen Quadranten von Indie. Ich habe Fountains of Wayne gehört, Blink, Cornershop, so hab' ich halt angefangen. Und dann kam sie mit Massive Attack, Beastie Boys, The Prodigy. Aber wir haben uns beide angenähert und in der Mitte getroffen. Sie liebt Arcade Fire, ich auch. Ich war neulich in einer Bar und hab' die D-Jane gefragt, hast du Arcade Fire da? Dann meinte sie: Diese Kirchenorgelscheißmusik? Hab' ich gesagt: Ja, genau die. Meinte sie: Tut mir leid, ist nicht. Hab' ich gesagt: Okay, dann gehe ich wieder. Das war mal 'ne klare Ansage.

          Was zerstört das erste Date: Wenn sie auf deutschen Schlager steht oder Robbie Williams?

          Schlager sind ja okay. Aber wenn du heute noch Robbie hörst, dann bist du eigentlich in einer guten Richtung, aber stehengeblieben. Die Dinge, die er vor fünf Jahren gemacht hat, mit seinem Songwriter Guy Chambers, das sind phantastische Lieder, die kann ich heute noch hören. Aber die letzten drei Alben, die er alleine gemacht hat, wo er sagt, das ist sein persönlicher Musikgeschmack, dann muss ich sagen, da hat Liam Gallagher vielleicht doch recht gehabt, als er gesagt hat: Robbie, das ist der dicke Tänzer von Take That.

          Ist die richtige Musik eine Frage des Geschmacks oder Zeichen von Intelligenz und Coolness?

          Musik ist Geschmacksfrage. Aber ich glaube, dass die Musikerziehung in Deutschland schlecht ist. Dass die Radiostationen null Komma null Mut haben, dass immer die gleichen Titel in der Rotation sind. Solange sich da nichts ändert, wie soll sich in diesem Land ein guter Musikgeschmack herausbilden?

          Und die Musik in den Stadien?

          Der Knackpunkt ist, dass Bayern extra einen Menschen bezahlt, der Stadionmusik macht. Ich erzähl' mal 'ne Geschichte: Da war dieses Lied von Jennifer Lopez „Let's Get Loud“ schon drei Jahre alt, und das lief vor einem Europacup-Spiel gegen eine englische Mannschaft, die in Musik ja immer top sind. Und ich habe mir beim Warmmachen gedacht: Was denken die jetzt von uns? Was wir für Wilde sind? „Let's Get Loud“ in Deutschland gegen eine englische Mannschaft! Oder wir hatten auch den Fall, dass wir gegen Celtic Glasgow spielen, und der DJ spielt plötzlich „You Are Simply the Best“ von Tina Turner. Das ist wiederum das absolute Stadionlied von den Glasgow Rangers. Das weiß man. Die Celtic-Kurve hat natürlich brutal gepfiffen, und keiner hat gewusst, warum. Ich hab' mir auf dem Rasen gedacht: Du Depp, weißt du es nicht besser, oder machst du es absichtlich?

          Haben Sie mal Einfluss genommen auf die Musikauswahl bei Bayern-Spielen?

          Vor fünf Jahren hab' ich gesagt, jetzt spielt's halt mal, was weiß ich, von den Dandy Warhols „Bohemian Like You“. Das läuft heute noch vor jedem Spiel. Wir hatten vor drei Jahren mal in Chicago ein Freundschaftsspiel gegen Manchester United. Da liefen zum Aufwärmen nur harte Sachen. Papa Roach, Blink, Sum 41. So dass selbst meine Kollegen gesagt haben: „Wow, was ist das für ein Sound. Jawoll, da läufst du von allein beim Warmmachen.“ Und wir spielen „Let's Get Loud“. Das ist halt der Unterschied. Ich hab' mich damals geschämt.

          Es war zu hören, dass Sie mit Ihren Freunden von den Sportfreunden Stiller im Herbst auf Tour gehen. Stimmt das?

          Ja, wenn sie im Herbst auf Tour gehen, dann bin ich eine Woche Praktikant. Das haben wir schon vor Jahren ausgemacht. Dann muss ich die Getränke auf die Bühne bringen, sorge fürs Catering, alles, was Backstage passiert. Ich fahre dann im Tourbus mit, mache den Soundcheck mit. Das sind echt gute Jungs.

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