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Martina Voss-Tecklenburg : Die deutschen Lehren aus der Fußball-WM

„Mut und Widerstandsgeist haben gefehlt“: Martina Voss-Tecklenburg Bild: dpa

Bei der WM enttäuschten die deutschen Fußballfrauen. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hat das Viertelfinal-Aus analysiert und erklärt nun, woran es lag und wie es besser werden soll. Genug Zeit hat sie.

          Wenn Martina Voss-Tecklenburg das Fußball-Nationalteam der Frauen am kommenden Dienstag zur Vorbereitung auf das erste EM-Qualifikationsspiel gegen Montenegro in Kassel erstmals nach der Weltmeisterschaft in Frankreich versammelt, wird die Bundestrainerin zunächst noch einmal nahezu dieselben Spielerinnen wiedersehen, die beim Ausscheiden im Viertelfinale gegen Schweden dabei waren. Nur Lena Goeßling hat mit leisem Nachkarten ihre Karriere beendet und wird nicht dabei sein. Almuth Schult und Abwehrspielerin Marina Hegering können wegen Verletzungen nicht spielen, werden in Kassel aber anwesend sein. Lediglich Torhüterin Lisa Schmitz, Defensivspielerin Felicitas Rauch sowie Mittelfeldspielerin Lena Lattwein werden neu dazustoßen. Die Bundestrainerin will das erste Spiel nach der enttäuschenden WM gegen den Außenseiter Montenegro nutzen, um das WM-Turnier aufzuarbeiten.

          Dabei hofft sie auch auf offene Kritik von ihren Spielerinnen, nachdem sich manche, vor allem bei Bayern München in Diensten stehende Akteurin, zuletzt mehr oder weniger kryptisch und verdruckst zu Wort gemeldet und Redebedarf angemeldet hatte. Voss-Tecklenburg bekundete nun, bereits während der WM bei einer Politik der offenen Tür stets offen gewesen zu sein für Anliegen der Spielerinnen. In der Analyse habe sie aber festgestellt, dass nur wenige Spielerinnen schon bereit seien für diese Art der Kommunikation. Voss-Tecklenburg und ihr Team verstehen es deshalb als ihren Auftrag, künftig  diese Meinungen verstärkt einzufordern bei den Spielerinnen.

          In Kassel will Voss-Tecklenburg ihren Spielerinnen aber zunächst manch positive Erkenntnis vermitteln. Demnach hätten Leistungsbereitschaft, Wille, individuelle Qualität sowie die Fitness in ihrem Team bei der Weltmeisterschaft gestimmt. Die Bundestrainerin sieht auch den Ansatz, ihr Team zu taktischer Variabilität zu erziehen, als Erfolg an, obgleich gerade die vielen personellen Wechsel während des Turniers von Beobachtern als Grund für das Ausscheiden gegen Schweden angesehen wurden. „Wir sehen unsere Flexibilität weiter als Stärke an, die in Zukunft Vorteile bringen wird“, sagte sie am Dienstag in der Frankfurter DFB-Zentrale.

          „Im Viertelfinale haben wir nicht deshalb verloren, sondern weil wir in dieser speziellen K.-o.-Situation nach den ersten Gegentoren im Turnierverlauf gemerkt haben, dass uns Mut und Widerstandsgeist gefehlt haben“, sagte Voss-Tecklenburg. Beispielhaft sei im Viertelfinale gewesen, dass sich Spielerinnen im Spielaufbau oder auch bei der Anwendung von eingeübten Freistoßvarianten kaum mehr etwas zugetraut hätten. „Daran müssen wir arbeiten. Wir wollen Hierarchiefragen neu angehen und auch an der individuellen Förderung der Spielerinnen weiterarbeiten.“ Vor der WM sei die Zeit für diese Entwicklungsprozesse schlicht zu kurz gewesen. Voss-Tecklenburg hatte das Nationalteam erst im Dezember übernommen und zudem nur knapp zwei Wochen Zeit gehabt für die unmittelbare Vorbereitung auf das Turnier. Sie überging dabei freilich geflissentlich, dass sie schon vor em Dienstantritt über ihre Assisitenten Britta Carlson und Thomas Nörenberg viel Einfluss auf die Arbeit unter Interimstrainer Horst Hrubesch hatte. Und zudem verzichtete sie aus freien Stücken auf weitere Testspiele, die dem Team in der Rückschau womöglich geholfen hätten.

          Um Entwicklungen voranzutreiben, investiert der Verband künftig in die personelle Ausstattung rund um das Nationalteam. Der zuvor nur bis zur WM angestellte Assistent Patrik Grolimund erhält eine Festanstellung, die frühere Nationalteam-Spielführerin Saskia Bartusiak wird Scout allein im Dienst des A-Nationalteams. Bis hinab zu den Juniorinnen-Nationalteams wird der DFB die Betreuung durch Sportpsychologen intensivieren, wie es bei der WM schon mit der früheren Nationalspielerin Birgit Prinz der Fall war. „Wir müssen bei dem ein oder anderen Faktor nachholen“, sagte Panagiotis Chatzialexiou, als Koordinator der Nationalmannschaften auch für die Frauen verantwortlich. Physisch seien die amerikanischen Weltmeisterinnen und die Engländerinnen dem deutschen Team voraus.

          Chatzialexiou wies zudem darauf hin, dass es dem DFB in den vergangenen Jahren zu wenig gelungen sei, Führungsspielerinnen wie die bei der WM großteils verletzt fehlende Dzsenifer Marozsan zu entwickeln. Dies habe auch daran gelegen, dass falsche Hoffnungen an die Einführung der B-Juniorinnen-Bundesliga geknüpft worden seien. „Das ist aber wohl nicht der richtige Ort, an dem sich die Spitzentalente entwickeln“, sagte er nun. Auch deshalb seien Erfolge im Nachwuchs seltener geworden als früher. Der DFB will deshalb – wie zuletzt beispielsweise bei der bislang jüngsten deutschen WM-Spielerin Lena Oberdorf – auf möglichst viele Jahre in der männlichen Jugend setzen. „Dort lernen sie, sich durchzusetzen“, sagte Chatzialexiou. Zeit genug für Entwicklungsprozesse sollte sein. Die Qualifikation für die Europameisterschaft 2021 in England gilt als Formsache. Aufgrund der verpassten Olympiaqualifikation ist im kommenden Jahr zudem genügend Zeit für Lehrgänge und Testspiele.

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