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Martin Sonneborn im Gespräch : „Ich sehe mich in der Pflicht – als Fifa-Präsident“

Bild: Greser & Lenz

Lange galten Bestechungsfaxe der „Titanic“ als wesentlich für die WM-Vergabe 2006. Muss die Geschichte nun umgeschrieben werden? Satiriker Martin Sonneborn spricht im F.A.Z.-Interview über Beckenbauers bestechende Vorarbeit – und die EM 2024.

          4 Min.

          Früher Titanic-Chef, heute für „Die Partei“ im Europaparlament: Martin Sonneborn hat genug Tagesfreizeit für neue Aufgaben. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht der WM-Vergabe-Experte über die jüngste Entwicklung.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Ihre Bestechungsfaxe an Fifa-Mitglieder in der Nacht vor der Wahl von Deutschland zum WM-Ausrichter 2006 galten 15 Jahre lang als wesentlich für den 12:11-Sieg. Nun ist von einem Stimmenkauf durch das OK die Rede. Muss die Geschichte vom Triumph der „Titanic“ umgeschrieben werden?

          Nein, ich habe mich schon damals bei Franz Beckenbauer für seine bestechende Vorarbeit bedankt. Er hatte ja Bewerbungsreisen in die ganze Welt unternommen, die mit Zigmillionen Euro zu Buche schlugen. Es war uns also von vornherein klar, dass wir nicht die dicksten Fische im Teich waren. Deshalb bin ich der Meinung, dass es eine kongeniale Zusammenarbeit war zwischen dem Organisationskomitee (OK) der WM und der „Titanic“.

          Aber die Affäre Dreyfus hatten Sie nicht auf der Rechnung? 13 Millionen D-Mark vom OK sollen via Fifa an ihn geflossen sein.

          Nein, überhaupt nicht.

          Warum wollten Sie denn die WM nach Deutschland holen?

          Ich wollte in der Nacht vor der Abstimmung (im Juli 2000 durch die Exekutive der Fifa) lediglich die Vergabe des Turniers mit dem Ruch der Korruption behaften, weil ich festgestellt hatte, dass viele Menschen in Deutschland glaubten, sportliche Großereignisse würden ohne Bestechung vergeben. Das war der Auslöser. Um 22 Uhr habe ich überlegt, was ich machen kann. Als ich die Bilder der Fifa-Komitee-Mitglieder sah, erkannte ich den Ansatz. Die wirkten alle derart feist und korrupt. Deshalb ja auch das Bestechungsangebot per Fax: Wurstkorb mit Schwarzwälder Schinken und Kuckucksuhr.

          Den Funktionären Blazer, Warner, Teixera und so weiter haben Sie an der Nasenspitze angesehen, was man tun muss?

          Ja, es war eine physiognomische Diagnose. Ich habe mir die acht ausgesucht, die auf mich am korruptesten wirkten. Von denen sitzen mittlerweile einige hinter Gittern oder haben Bestechung zugegeben. Das deutsche OK hat die vier Asiaten bestochen, und wir haben Dempsey verwirrt mit unserem Schinken-Fax. Ich will unsere Leistung aber nicht zu hoch hängen. Ich habe nachher gelesen, dass dieser arme Neuseeländer, der vor der Wahl den Raum verließ, auch von Nelson Mandela für Südafrika und Gerhard Schröder für uns bedrängt worden ist. Der konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Dass er dann vor einer CNN-Kamera mit unserem Fax gewedelt hat, war schön: „This final fax broke my neck.“

          Günter Netzer sagt, er habe nie behauptet, dass vier Asiaten vom OK bestochen worden seien.

          Ich glaube schon, dass wir mitgewirkt haben im Fall Dempsey, sonst wäre es nicht 12:11 für die Deutschen ausgegangen. Aber ich glaube auch, dass mindestens vier der anderen Stimmen auf Bestrebungen von großen Unternehmen und durch politisches Agieren der Bundesregierung zustande gekommen sind. Alles andere wäre doch eine große Überraschung.

          Früher „Titanic“-Chef, heute im Europaparlament: Martin Sonneborn.
          Früher „Titanic“-Chef, heute im Europaparlament: Martin Sonneborn. : Bild: dpa

          Beckenbauer und DFB-Präsident Niersbach sagen, es habe keine „schwarze Kasse“ gegeben und „keinen Stimmenkauf“. Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge hält sie für Ehrenmänner. Und Sie?

          Das sind so Ehrenmänner, wie ich es bin. Es ist ihnen nicht zu trauen.

          Der DFB lässt prüfen, ob er Schadenersatz geltend machen kann. Müssten Sie nicht auch auf Schadenersatz pochen?

          Nein. Ich bin ja seinerzeit vom DFB mit Schadenersatz bedroht worden. Es gab ein legendäres Treffen mit einem DFB- und Beckenbauer-Anwalt in einem Stuttgarter Hotel. Da stand kurz die Klagesumme von 600 Millionen D-Mark im Raum. Der Anwalt wollte damals das Editorial der „Titanic“-Ausgabe, die ich dabei hatte, lesen. Er suchte etwas, vor dem er offensichtlich große Angst hatte und fand es nicht. Es dürfte im Hintergrund also einiges gelaufen sein.

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