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Martin Sonneborn im Gespräch : „Nie wieder Bestechungsfaxe“

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Der frühere Titanic-Chefredakteur Sonneborn: „Wir haben damals für 138 Mark bestochen” Bild:

Vor der Vergabe der Fußball-WM 2006 nach Deutschland erhielten einige Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees ein fingiertes Bestechungsangebot. Der „Drahtzieher“ Martin Sonneborn im Gespräch über die Fifa und die Folgen der „Titanic“-Affäre.

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          Das Satiremagazin „Titanic“ und sein ehemaliger Chefredakteur Martin Sonneborn sind bekannt für spektakuläre Auftritte. Zur Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 ließen sie sich einen aus Sicht mancher Beteiligter üblen Scherz einfallen. Am Vorabend der Wahl des Ausrichterlandes am 6. Juli 2000 erhielten einige Mitglieder des Exekutivkomitees des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) ein fingiertes Bestechungsangebot per Fax in ihre Zimmer in einem Züricher Hotel zugestellt. Sie sollten am nächsten Tag für Deutschland stimmen. Versprochen wurde in dem Schreiben in englischer Sprache „eine Schwarzwälder Kuckucksuhr und ein Fresskorb mit Bierkrug“. Seinen Hang zur Satire hat Sonneborn nicht verloren.

          Diesen Donnerstag werden gleich zwei Ausrichter von Fußball-Weltmeisterschaften bestimmt, und wieder ist von Korruption die Rede. Was fällt Ihnen heute noch zur Fifa ein?

          Ich bin empört, weil die Preise so über den Markt fliegen. Wir haben damals für 138 D-Mark bestochen. Die F.A.Z. hat mal ausgerechnet, dass die WM unserem Land einen Zugewinn von 2,6 Milliarden Euro an Bruttosozialprodukt verschafft hat. Das war also ein großer Gewinn bei kleinem Einsatz. Außerdem hat mir eine befreundete Hebamme erzählt, im Jahr 2007 hätte sie im Frühsommer wenig Zeit gehabt, weil so viele Kinder in der Nacht zum WM-Spiel zwischen Deutschland und Schweden gezeugt worden sind. Wir haben unserem Land also auch zu einem Babyboom verholfen. Für ein kleines Satiremagazin ist das eine schöne Bilanz.

          Ob Ihr Fax tatsächlich Erfolg hatte, ist doch eher fraglich. Sie haben die Fifa und deren Top-Funktionäre aber mit der Aktion der Lächerlichkeit preisgegeben.

          Wir haben damals versucht, dem kleinen Mann auf der Straße, dem Fußball-WM-Fan und späteren Public-Viewing-Zuschauer vorzuführen, wie solche milliardenschweren Turniere nicht einfach nur so anhand von rechten Tatsachen vergeben werden. Wir wollten den Ruf der Korruption mit dieser Veranstaltung verbinden. Daran arbeitet die Fifa jetzt erfolgversprechend weiter.

          Sind Fußballfans zu gutgläubig?

          Zumindest damals herrschte große Naivität, was wir an den Reaktionen der „Bild“-Zeitungs-Leser erkannten, die uns damals auf Bitten der „Bild“-Zeitung anriefen und uns beschimpften. Manche sagten, in einem Rechtsstaat wie unserem gehörten Leute wie wir in ein Lager weggesperrt. Aber ich glaube, die Dinge werden langsam durchschaut. Auch da arbeiten die Fifa und „Titanic“ sehr erfolgreich zusammen.

          Herr Blatter will mit Ihnen aber nichts zu tun haben.

          Wir werden von der Fifa nicht eingeladen. Das tut mir sehr leid, weil das immer sehr gut gesponsert ist. Ich würde auch gerne mal in einem Hotel wohnen, wo Fifa-Delegierte tagen. Denn es besteht eine Chance, dass man da einen Umschlag mit sehr viel Geld untergeschoben bekommt - und sei es aus Versehen.

          Wollten Sie nochmal einen solchen Scherz wie 2000 riskieren?

          Ich bin da komplett raus. Ich habe mich damals mit einem Anwalt von Franz Beckenbauer beim DFB treffen müssen, wo mir die Gelegenheit gegeben wurde, eine Erklärung zu unterzeichnen, die sie vorbereitet hatten. Darin habe ich mich verpflichtet, dass ich Zeit meines Lebens davon Abstand nehme, nochmals Turniere der Fifa und der Uefa durch das Versenden von Bestechungsfaxen zu beeinflussen.

          Wie widerwillig haben Sie unterschrieben?

          Kurzzeitig stand ja eine Schadenersatzklage von 600 Millionen D-Mark im Raum. Aber eigentlich war es eine blödsinnige Vorstellung, dass man den Scherz ein zweites Mal machen wollte und machen könnte. Das zeigt, wie ausgeprägt die Naivität beim DFB war, dass man mit Bestechungskörben auch heute noch arbeiten könnte.

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