https://www.faz.net/-gtl-9kt2l

Eintracht-Profi Hinteregger : Der Mann fürs Wesentliche

  • -Aktualisiert am

Zieharmonikaspieler: Martin Hinteregger setzt sich für die Eintracht ein. Bild: EPA

Im Januar war Martin Hinteregger mit Augsburg im Abstiegskampf. Dann wechselte er zu Eintracht Frankfurt und hat sich dort in nur sechs Wochen unentbehrlich gemacht. Am Donnerstagabend spielt er mit seinem neuen Klub in Mailand.

          Bis Ende Januar war Martin Hinteregger ein Fußballprofi, der gewissenhaft, aber unauffällig seine Arbeit verrichtete. Kurz leuchtete der Name des österreichischen Innenverteidigers vor der WM 2018 in Russland in den Schlagzeilen auf, weil er einen Treffer zum in der Alpenrepublik als historisch und in Deutschland als bedenkliches Omen empfundenen 2:1 seiner Nationalauswahl über den großen Nachbarn beitrug. Ansonsten wussten ihn die Fans seiner jeweiligen Klubs wie RB Salzburg oder FC Augsburg als zuverlässigen Abwehrspieler zu schätzen. Ein überregionales Interesse weckte Hinteregger aber nicht mit seinen Leistungen auf dem Fußballfeld, sondern erst mit diesem Satz: „Ich kann nichts Positives über ihn sagen – und ich werde auch nichts Negatives über ihn sagen.“

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          So hatte der 26 Jahre alte Spieler des FC Augsburg das Verhältnis zu seinem Trainer Manuel Baum beschrieben. Und weil es zuvor schon genug Beispiele in der Branche gegeben hatte, unterstellten einige Experten, dass da wieder mal einer dieser Millionäre in kurzen Hosen in unverschämter Weise seinen Rauswurf provoziert hatte.

          Hinteregger macht dieser Vorwurf wütend. „Ich hatte niemals die Absicht, durch eine Aussage in der Öffentlichkeit einen Wechsel zu erzwingen. Wer mich kennt, weiß, dass ich so etwas nie machen würde.“

          Bester Mann im Hinspiel

          Aber wer kennt schon Martin Hinteregger? Mittlerweile ein paar Fußballfans mehr. Gut sechs Wochen nach seiner emotionalen Bemerkung nach dem 0:1 des FCA bei Borussia Mönchengladbach kämpft der Kärntner nicht mehr mit den Augsburgern gegen den Abstieg, sondern spielt mit der Frankfurter Eintracht um den Einzug ins Viertelfinale der Europa League. An diesem Donnerstag (21 Uhr/ F.A.Z.-Liveticker zur Europa League, RTL und DAZN) gilt es, das 0:0 aus dem Hinspiel bei Inter Mailand zum Weiterkommen zu nutzen.

          Hinteregger war in der ersten Auseinandersetzung der beste Mann auf dem Platz. Der Österreicher stoppte nicht nur in Zusammenarbeit mit dem Japaner Makoto Hasebe die 100 Millionen Euro teure Offensiv-Abteilung von Inter, er hätte beinahe auch noch den Frankfurter Siegtreffer erzielt. Schon im Sechzehntelfinale gegen Schachtar Donezk hatte der 37-malige österreichische Nationalspieler nachgewiesen, auf höherem europäischen Niveau mithalten zu können.

          Aber es lohnt sich auch, Hinteregger über sein Wirken auf dem grünen Rasenrechteck hinaus kennenzulernen. Wenige Profis gehen so reflektiert durchs (Berufs-)Leben wie er. Er scheut sich nicht, die Schattenseiten zu benennen, die Teil des Hochglanzproduktes Profifußball sind, die aber ansonsten verschwiegen, ausgeblendet oder verleugnet werden.

          In verschiedenen Interviews sagte er Sätze wie: „Ich wäre gerne in den achtziger Jahren Profi gewesen. Da hätte ich authentischer sein dürfen.“ „Fußball ist nicht mehr Spaß, sondern Druck. Ich habe Kollegen gesehen, die müssen sich vor dem Anpfiff übergeben.“ „Man darf im Fußball nicht die Wahrheit sagen, sondern nur das, was die Ruhe nicht stört.“ Manche, die seine Aussagen stören, möchten Hinteregger als Querulanten abstempeln, aber er besteht darauf: „Ich habe nur meinen eigenen Kopf.“ So wollte er nicht von RB Salzburg zum „Mutterunternehmen“ RB Leipzig wechseln, aus Protest, dass sich die Zentrale so oft bei der Filiale bedient und dadurch geschwächt hatte. Hinteregger wurde mit den Salzburgern dennoch fünfmal österreichischer Meister, schaffte aber nie die Qualifikation für die Champions League.

          Liebhaber der Zieharmonika

          Ein Jahr trainierte er dort unter Adi Hütter, der Salzburg ebenfalls allzu sehr unter der Leipziger Vorherrschaft leiden sah und nach dem Gewinn des Doubles den Verein Richtung Young Boys Bern verließ. Als Trainer von Eintracht Frankfurt wusste Hütter, was er an Hinteregger haben würde, und holte ihn zwei Tage nach dessen Suspendierung in Augsburg auf Leihbasis zur Eintracht. Seine Erfahrung und Variabilität machen den trutzigen Abwehrrecken besonders wertvoll. Der Linksfuß spielte bereits auf allen Positionen der Dreierabwehrkette und überzeugte auf jeder. Gleichermaßen zweikampfstark in der Luft und auf dem Boden, vermag Hinteregger auch einen geraden Pass zu spielen und entwickelt zudem bei Standardsituationen Torgefahr. Bei den Kollegen ist er in der Kabine wegen seiner ausgeglichenen Art beliebt und auf dem Platz wegen seiner Disziplin, Zuverlässigkeit und seiner Bereitschaft, Fehler anderer auszubügeln.

          Wie er seine Freizeit verbringt, sagt ebenfalls viel über Hinteregger. In seiner Augsburger Zeit half er an seinem Wohnort aus, eine Jugendfußball-Mannschaft zu trainieren. Dazu übt er täglich das Ziehharmonikaspiel. Diese Ablenkungen würden ihn erden. Die Zeit für diese Nebentätigkeiten gewinnt er, weil er sich weigert, in den sozialen Medien unterwegs zu sein. Hinteregger legte sich erst in Frankfurt wieder ein Smartphone zu, weil das Berufsleben dort über eine Eintracht-App geregelt wird. „Ansonsten aber bediene ich mich eines alten Handys. Das nutze ich nur zum Telefonieren, was aber nicht so oft geschieht.“ Hinteregger – der Mann für das Wesentliche. Bei der Eintracht hat er sich in sechs Wochen unentbehrlich gemacht.

          Weitere Themen

          Last und Lust des Luka Jovic

          Eintracht-Star für Serbien : Last und Lust des Luka Jovic

          Der Serbe Luka Jovic hat sich mit seinen Toren für die Frankfurter Eintracht auf die Wunschzettel vieler Top-Klubs gespielt. Nun soll im Duell mit der DFB-Elf sein Durchbruch im Nationalteam folgen.

          Topmeldungen

          Reaktionen auf John Bercow : „Der Brexit-Zerstörer“

          Die britische Boulevard-Presse stürzt sich auf den Unterhaussprecher John Bercow, nachdem dieser die dritte Abstimmung über das Brexit-Abkommen verhindert hat. Auch unter Abgeordneten herrscht Unmut. Derweil will May die EU um Aufschub bitten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.