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Markus Söder : Der Fußball-Versteher

  • -Aktualisiert am

Fußball-Versteher Markus Söder bei der Verleihung des Bayerischen Verdienstordens an Thomas Müller: So einer gehört in die Nationalmannschaft. Bild: dpa

Gehaltsverzicht zum Wohle der Klubs, Geisterspiele für die Seele der Menschen – Söder positioniert sich in der Corona-Krise als Freund des Fußballs. Aktiv gespielt hat er nie.

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          Selbst die Corona-Krise kann den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder nicht davon abhalten, das Feld, das der aktive Sport momentan geräumt hat, auch noch mit zu bespielen. Vor einem Monat verlangte er, Bundesliga-Profis mögen doch auf einen Teil ihres Gehalts verzichten, um so den Fortbestand ihrer Klubs zu retten. Nun äußerte er, dass er Fußballspiele ohne Zuschauer für denkbar halte. Die Deutsche Fußball Liga erstelle ein auf den ersten Blick sehr gutes Hygienekonzept. Das werde man genau bewerten und dann entscheiden, ob man Geisterspiele erlaubt.

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Donald Trump hatte jüngst ähnliche Überlegungen mit – wie könnte es anders sein – eigenen Bedürfnissen begründet: „Ich bin es leid, Baseballspiele zu sehen, die 14 Jahre oder noch älter sind“, sagte der amerikanische Präsident mit Blick auf die im Fernsehen laufenden Wiederholungen. Er verlangte: „Wir müssen unseren Sport zurückbekommen!“ Söder hingegen hob auf dessen sozialpsychologische Dimension ab. Die Relevanz etwa des Fußballs liege „möglicherweise nicht allein in der finanziellen, sondern auch in der psychologischen Wirkung“. Der Fußball sei für „sehr viele Menschen“ ein Freudenspender. Außerdem sieht er in ihm – wie in der Politik – eine Schule fürs Leben. Wie sagte er, als er im Dezember Thomas Müller den Bayerischen Verdienstorden verlieh und dabei gleich noch forderte, ein Typ wie er, also Müller, müsse wieder in die Nationalmannschaft: „Siege und Niederlagen – beide formen erst den Charakter.“

          Bezüge zum Sport sind für Politiker nichts Ungewöhnliches, für Söder schon gar nicht. Über sein Verhältnis zu Horst Seehofer sagte er vor vier Jahren: „Ich respektiere Amt und Person. Es ist doch wie im Fußball: Robben und Ribéry müssen nicht zusammen in den Urlaub fahren, aber gut zusammenspielen.“ Und als er Anfang des Jahres für Berlin eine Kabinettsumbildung verlangte, begründete er das so: „Das ist wie im Fußball: In der zweiten Halbzeit verstärkt man sich mit neuen und frischen Kräften.“

          Söder findet von Berufs wegen alle bayerischen Vereine gut (irgendwann in der Zukunft vielleicht auch alle deutschen), sein Herz aber gehört dem 1. FC Nürnberg, dem Klub seiner Heimatstadt. Er bewunderte Lothar Matthäus – ein Franke wie er. Aktiv Fußball gespielt hat Söder nie, dafür Tennis. Da schaffte er es bis in die vierthöchste bayerische Liga. Angeblich hat er einen sehr unangenehmen Rückhand-Slice. Ein frühes Vorbild war Brad Gilbert: kein Künstler am Schläger wie John McEnroe, sondern ein Zermürber, der später einen Ratgeber für „mentale Kriegsführung im Tennis“ schrieb, Titel: „Winning ugly“.

          In einer körperlichen Auseinandersetzung dürfte man Söder, der nicht raucht und kaum Alkohol trinkt, nur schwer beikommen. Söder macht täglich Gymnastik, Rückenübungen zumal. In der Corona-Krise riet er den Bayern zu Bewegung an der frischen Luft – und fährt mit gutem Beispiel voran: auf dem Rad. Mit Blick auf diesen wunderbaren Sport hat der Philosoph Roland Barthes etwas Passendes geschrieben: „Und weil im Sport der Widerstand von den Dingen und nicht von den Menschen kommt, können sich die Menschen so leicht gegenseitig stützen, selbst wenn sie miteinander wetteifern. . . . Sich helfen, das heißt manchmal . . . aufeinander warten . . . und bei Gelegenheit sogar dem anderen den Vortritt lassen.“

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