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Mario Gomez : Keiner zum Liebhaben

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Held oder Lachnummer? Gomez möchte auch im DFB-Dress Fuß fassen
          5 Min.

          Einer wie Oliver Bierhoff kennt die Höhen und Tiefen eines Stürmerlebens. Wenn einem fast alles gelingt und man als Torjäger irgendwie immer richtig steht, um den Ball zu versenken, einem aber auch die Erwartungen wie eine Tonnenlast auf den Schultern lasten können und selbst der leichteste Abstauber danebengeht. "Das ist schon ein riesiger Druck", sagt der Manager der Fußball-Nationalmannschaft. Als Angreifer wurde er einst gefeiert, doch in manchen Momenten ebenso verhöhnt.

          Eine Karriere zwischen Held und Lachnummer - wie kaum ein anderer Stürmerstar zuletzt hat auch Mario Gomez diese extremen Seiten erfahren. Schon in jungen Jahren musste der 26 Jahre alte Fußballprofi lernen, mit schweren persönlichen Niederlagen umzugehen. In den vergangenen Wochen ist er von Erfolg zu Erfolg gestürmt. Gomez ist ein wichtiger Faktor für den FC Bayern - und immer mehr auch für die Titelambitionen der Nationalmannschaft. "Man merkt ihm sein Selbstbewusstsein an. Er hat diese innerliche Ruhe. Er wird nicht nervös, wenn es mal nicht läuft, und hat den Glauben, dass es gut endet", sagt Bierhoff.

          „30 Tore plus X“

          Gomez trifft in der Bundesliga. Gomez trifft in der Champions League. Am Samstag, beim Auswärtsspiel gegen 1899 Hoffenheim, nahm er sich ausnahmsweise mal eine Auszeit und wurde ausgewechselt. Aber am  Freitagabend (20.30 Uhr/ live in der ARD undFAZ.NET-Länderspiel-Liveticker) bestreitet die deutsche Elf ein nicht gerade einfaches Auswärtsspiel in der Türkei, in dem der Bundestrainer wohl nicht auf den Tordrang des seit Monaten besten Bundesligastürmers verzichten wird. "Er trifft, wie er will", sagt Abwehrspieler Jerome Boateng über seinen erfolgreichen Kollegen im Verein und in der Nationalmannschaft.

          Bayern-Trainer Jupp Heynckes lobt den Teamgeist des Stürmers, und Präsident Uli Hoeneß traut Gomez in dieser Saison "30 Tore plus X" zu. Zum Ende der vergangenen Bundesligaspielzeit stand seine Marke bei 28 Treffern - Torschützenkönig. Die Gomez-Story ist sensationell. Aber auch merkwürdig. Oder sogar verrückt. Eine Karriere zwischen Triumph, Trauma und Comeback-Glanz.

          Mario Gomez beflügelt die Phantasie. Er ist ein Objekt der Begierde. 35 Millionen Euro zahlten die Bayern 2009 für den jungen Stürmer, für so viel Geld wechselte zuvor noch nie ein deutscher Fußballer. Die letzte Liebe der Fans wird ihm nicht zuteil. Bei den Bayern-Anhängern hängt die Zuneigung knallhart von der Torquote ab. Als Gomez zu Beginn dieser Saison zwei Spiele lang nicht traf, regte sich erster Unmut auf den Rängen. Es ist ein ambivalentes Verhältnis: Sein Bayern-Trikot ist einer der Bestseller im Fanshop. In anderen deutschen Stadien hat er ohnehin einen schweren Stand, vor allem wenn er für die Nationalmannschaft auf Torjagd geht. Im Frühjahr richtig gut in Schuss, wird er beim Länderspiel gegen Australien von einigen Zuschauern in Mönchengladbach ausgepfiffen, obwohl er trifft. Erstmals zeigt er offen seine Enttäuschung und übt Kritik am Publikum. Es reicht ihm, doch er kämpft. Ein anderer Stürmer, der vor ihm in der Nationalmannschaft nicht glücklich wurde, entschied sich für die Flucht - Kevin Kuranyi.

          16. Juni 2008: Gegen Österreich vergibt Gomez eine Großchance, der Fluch beginnt
          16. Juni 2008: Gegen Österreich vergibt Gomez eine Großchance, der Fluch beginnt : Bild: REUTERS

          Wie ein Fluch wirkte für Gomez die Szene vom 16. Juni 2008. Als er im EM-Zitterspiel gegen die Österreicher den Ball aus einem Meter senkrecht übers Tor setzte. Er hat versagt, er hat sich blamiert - das Urteil über Deutschlands Fußballer des Jahres 2007 stand fest. Wichtige Tore gelangen ihm für das deutsche Team auch danach nicht. Bei der WM 2010 zählte er nicht zum Stammpersonal. In Südafrika musste er erleben, wie der Platz, den er sich so erwünscht hatte, von Cacau eingenommen wurde, der einst beim VfB Stuttgart noch sein Assistent gewesen war.

          Die massenhafte Begeisterung der Fans für das junge Stürmertalent ging in dieser Zeit verloren. Den schweren Stand beim Publikum führt manch einer bis heute auch auf sein dandyhaftes Auftreten außerhalb des Platzes zurück. Gomez zeigt sich modebewusst, wirbt für schicke Herren-Couture, verändert seine Frisuren, trägt Tolle oder Haarband. Seine Körpersprache wird ihm mitunter als Arroganz ausgelegt, genauso wie er an schlechten Tagen auf dem Spielfeld herumstochert und schon mal resignierend wirkt, was Fußballfans gar nicht mögen. Anders als einst der schöne Italiener Luca Toni spielt er nicht mit den Zuschauern, sondern geht eher auf Distanz. Möglicherweise ist der Beau aus Oberschwaben für viele nicht dieser schlichte, hemdsärmelige Stürmertyp, der zwar seltener wird auf den Fußballplätzen, aber wohl noch immer in den romantischen Vorstellungen der Fans präsent ist.

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