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Mario Götze : Wundern übers Wunderkind

WM-Held - und dann? Mario Götze wartet weiter auf den großen Durchbruch. Bild: Picture-Alliance

Der WM-Held spielt beim deutschen Meister Bayern München nur noch auf Bewährung. Doch Bundestrainer Jogi Löw hält vor dem Testspiel gegen die Vereinigten Staaten an diesem Mittwoch demonstrativ zu ihm.

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          Es war nur ein kleines Schauspiel im großen Bayern-Theater: Warten auf Götze, so hieß das Stück, das in der entscheidenden Saisonphase auf dem Spielplan stand. Aber Götze kam nicht. Nicht im Halbfinale des DFB-Pokals gegen Borussia Dortmund, und auch nicht die beiden Male, als es in der Champions League gegen den FC Barcelona um den Einzug ins Finale ging. Sicher, ein Spieler namens Götze war anwesend in diesen Partien. Aber er betrat die Bühne spät und blieb ohne jeden Einfluss auf den Plot. Und vor allem bezog sich das Warten eigentlich auf etwas ganz anderes als bloße Präsenz: auf die Hoffnung, dass es noch einmal einen großen und einzigartigen Götze-Moment geben würde. So wie am 13. Juli 2014 im Maracanã von Rio de Janeiro. Doch der kam und kam nicht.

          Wo es ein bisschen nach Beckett aussah, meldete sich Franz Beckenbauer zu Wort. Dieser Götze, sagte er nach dem 0:3 im Hinspiel gegen Barcelona, komme ihm vor „wie ein Jugendspieler, der Zweikämpfe verliert und stehenbleibt“. Es werde Zeit, fügte Beckenbauer noch hinzu, „dass er langsam erwachsen wird“. Man muss gerade jetzt noch einmal daran denken, weil zu den prägenden Erinnerungen des vergangenen WM-Sommers ja dieser berühmt gewordene Satz von Joachim Löw zu Götze im Finale gehörte: „Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi.“ Und weil Messi in den vergangenen Monaten der Welt ziemlich deutlich gezeigt hat, warum doch er der Beste ist, und den FC Barcelona mit betörender Fußballkunst ins Berliner ChampionsLeague-Finale gegen Turin führte. Während man bei Götze hin und wieder den Eindruck bekommen konnte, als wolle er der Welt vor allem zeigen, wie es ist, Mario Götze zu sein: Being Super-Mario.

          Am vergangenen Sonntag wurde Götze, nach einem Kurzurlaub samt Party zum 23. Geburtstag auf Ibiza, in Köln erwartet, beim Treffpunkt der Nationalmannschaft vor den Spielen gegen die Vereinigten Staaten am Mittwoch (20.45 Uhr / Liveticker bei FAZ.NET) und am Samstag gegen Gibraltar. Man könnte sich vorstellen, dass auch Götze nicht ungern in der Sommerfrische geblieben wäre, doch anders als etwa die Kollegen Kroos und Müller gehörte er nicht zu denjenigen Spielern, die von Löw wegen Dauerbelastung freibekamen. Andererseits wird ihm die Nestwärme, mit der er beim Nationalteam rechnen darf, womöglich guttun. Während man bei Pep Guardiola zuletzt das Gefühl haben konnte, es falle ihm schon schwer, Götze überhaupt zur Einwechslung zu schicken, würde Löw ihn notfalls auch persönlich abholen.

          Es kommt nicht oft vor, dass der Bundestrainer so deutlich - und obendrein von sich aus - für einen Spieler Partei ergreift wie für Götze. Er habe „kein Verständnis für diese teilweise unsachliche Diskussion und Kritik“, sagte er, auch als Replik auf Beckenbauer, in einem wohl eigens zu diesem Zweck auf der DFB-Homepage verbreiteten Interview. „Vor kurzem war Mario noch der beste Götze aller Zeiten, unser aller WM-Held - und jetzt ist alles schlecht. Das ist mir zu einfach.“ Auch Teammanager Oliver Bierhoff stärkte Götze demonstrativ den Rücken. „Ich finde es einfach unsäglich, wie auf Mario rumgehackt wird“, sagte er. Götze, so fügte Löw noch hinzu, sei „einer, der den Unterschied macht“. Und von dieser Sorte, wie er sie bei der EM im nächsten Jahr gewiss brauchen wird, hat der Bundestrainer bei aller Qualität im Kader tatsächlich nicht allzu viele.

          Zweifel an Götzes Mentalität

          Ein „Wunderkind“ hatte Löw, vielleicht etwas im Überschwang, Götze noch genannt in Rio. Über das man sich inzwischen allerdings wundern muss. Sicher, die nackten Werte bei den Bayern sind allemal vorzeigbar: 14 Pflichtspieltore und 12 Assists in der ersten Saison, 15 Tore und 7 Vorlagen in der zweiten. Und gerade in den ersten Monaten nach der WM gehörte Götze zu denjenigen, die mit dem meisten Schwung weitermachten. Im Grunde aber scheint er noch immer irgendwie auf Rollen- und auch auf Selbstsuche, seit er im Sommer 2013 für 37 Millionen aus Dortmund kam. Manchmal wirkt er wie ein Fremdkörper im Team, zuletzt immer öfter geradezu innerlich verbaut: ein Spieler mit exzeptionellen Fähigkeiten, aber unfähig, auf diese zuzugreifen, zumal in großen Spielen. Messi ist längst ein Herrscher über das ganze Spielfeld, ein Alleskönner, um den sich alles dreht. Götzes Wirkungskreis hingegen scheint eher noch geschrumpft - auch, weil er nicht das Tempo des Argentiniers besitzt.

          Trotz des Meistertitels erlebte Götze (links) eine enttäuschende Saison mit dem FC Bayern.

          Seine Verteidiger führen ins Feld, dass er mit 23 ja noch jung sei, Entwicklungsdellen inklusive. Bei den Bayern scheint man allerdings nicht mehr bedingungslos daran zu glauben, dass Götze die nötige Mentalität für das allerhöchste Niveau mitbringt. Sportvorstand Matthias Sammer sagte zwar vergangene Woche der „Welt am Sonntag“, er sei „sehr zufrieden mit ihm, denn er resigniert nicht“. Bei Karl-Heinz Rummenigge aber hatte das in der „Süddeutschen Zeitung“ kürzlich noch etwas anders geklungen. „Wir sind alle hilfsbereit, aber am Ende des Tages ist es auch der Spieler, der die Verantwortung für sich selbst übernehmen muss“, sagte der Klubchef. Auch wenn Löw das gewiss gerne anders hätte - in seinem Verein spielt der WM-Held Götze nur noch auf Bewährung.

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