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U-21-Spieler Marco Richter : Unverfälscht, intuitiv und ein bisschen verrückt

Marco Richter (links, daneben Levin Öztunali) war der überragende Spieler beim deutschen Auftaktsieg. Bild: dpa

Beim FC Bayern konnte er sich einst nicht durchsetzen. Doch Marco Richter tut Dinge, die in keiner Fußballakademie gelehrt werden. Von diesen besonderen Fähigkeiten profitiert das U-21-Nationalteam.

          Ins Schwimmen geriet die deutsche Abwehr erst zwei Stunden nach Schlusspfiff. Trainer Stefan Kuntz gab grünes Licht für eine nächtliche Pool-Party seiner U 21-Fußballspieler nach der Rückkehr vom 3:1-Erfolg gegen Dänemark in Udine, blieb aber selbst lieber auf dem Trockenen, um nicht die „Spaßbremse“ zu sein. Das Gespür des Chefs dafür, auch mal wegzuschauen, was gerade für die gute Atmosphäre in einem jungen Team wichtig ist, bewies Kuntz schon beim EM-Sieg vor zwei Jahren in Polen. „Bei den Temperaturen“, sagte er nun im heißen Friaul, „haben sie es verdient, dass man sie mal in Ruhe lässt.“

          U-21-EM 2019
          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Auch mit dem Spieler, der beim EM-Auftakt am Montag der wichtigste werden sollte, hatte Kuntz das richtige Händchen. Marco Richter war noch im März, wie Kuntz im ARD-Interview erzählte, frustriert davon ausgegangen, keine Chance auf eine EM-Nominierung zu haben, weil er in zwei Testspielen als Einziger nicht eingesetzt worden war. „Ich habe davon gehört und ihm gesagt, dass das nicht so ist“, so Kuntz. „Und dann hat er in Augsburg in der Bundesliga einen klasse Schlussspurt hingelegt, ist hier topfit angekommen, und jetzt freuen wir uns mit ihm.“ Nach seiner starken Leistung glühte der Mann des Abends nur so vor Glück. „Natürlich war ich sehr glücklich über die Tore“, sagte Richter, der die ersten beiden Treffer (28./52. Minute) selbst erzielt und das 3:0 von Luca Waldschmidt (65.) vorbereitet hatte. „Ganz glauben konnte ich es auch nicht, es waren meine ersten EM-Spiele.“ Und wohl nicht die letzten. „Er hat gezeigt, dass er in die erste Elf reingehört“, sagte Kuntz vor dem zweiten Spiel an diesem Donnerstag gegen Serbien (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur U-21-EM und in der ARD)

          Der 21 Jahre alte Augsburger ist einer derjenigen Spätentwickler, auf die Kuntz besonderen Wert legt. Dabei hatte Richter schon mit sechs Jahren etwas, wovon die meisten Fußballer ihr Leben lang vergeblich träumen: ein Angebot der Bayern. Bei einem Talent-Tag war der Kleine den Scouts aus München unter 250 Fußballkindern aufgefallen. So wechselte er vom SV Ried zum FC Bayern, vom Dorf- zum Weltklub. Doch acht Jahre später, als der Flaschenhals immer enger, der Konkurrenzkampf auf dem Weg zum erhofften Profivertrag immer größer wurde, wechselte er zurück in seine Heimatregion, zum FC Augsburg, und machte dort seinen Weg vor allem durch seine Tore.

          Mit 24 Treffern in 16 Partien schoss er den FCA-Nachwuchs in die A-Junioren-Bundesliga, in der zweiten Mannschaft des FCA in der Regionalliga gelangen ihm in einem Spiel gegen den FC Seligenporten gleich sieben Stück. Während gleichaltrige Nachwuchsstars anderswo in der Bundesliga damals bereits hochdotierte Profiverträge hatten, spielte Richter noch als Vertragsamateur für einige hundert Euro im Monat und absolvierte nebenher eine kaufmännische Ausbildung.

          Der Durchbruch kam in diesem Frühjahr. Mit starken Leistungen konnte er sich im Abstiegskampf beim FCA als Stammkraft etablieren und auch bei Kuntz ins Spiel bringen. Für die deutsche U-21-Auswahl hat er am Montag erst sein fünftes Spiel bestritten – und dabei gezeigt, wie sehr ein Team gerade Typen von solcher Unverfälschtheit, solch intuitivem Spielwitz braucht. Spontan tut Richter Dinge, die in keiner Fußballakademie gelehrt werden, weil sie so unvernünftig erscheinen. Etwa in der ersten Halbzeit, als der Linksaußen einen Verteidiger bis an die rechte Eckfahne verfolgte, grätschend den Ball eroberte und mit seiner Flanke Waldschmidt eine Kopfballchance eröffnete.

          Oder dann in der zweiten, als er bei einem gegnerischen Freistoß am eigenen Strafraum in der Mauer stand, dann, als die Hereingabe hoch und weit Richtung Mittellinie abgewehrt wurde, im scharfen Spurt über dreißig, vierzig Meter dem Ball hinterherlief, den er eigentlich nicht bekommen konnte – und dann doch bekam, weil der Däne, der ihn annahm, irritiert von diesem verrückten Deutschen einen zu kurzen Rückpass spielte. Nach fast hundert Metern Spurt schlug Richter noch einen schlauen Haken um den letzten Verteidiger und narrte den Torwart mit einem Schuss ins kurze Eck zum 2:0.

          „Er merkt, dass er unsere Rückendeckung hat für seine Dribblings“, so Kuntz. „Wir fordern ja die Jungs auf, dass die mal was ausprobieren.“ Für diesen Trainerwunsch ist Richter, der sich einen „Instinktfußballer“ nennt, genau der richtige Adressat. Dazu erhielt er von Kapitän und Abwehrchef Jonathan Tah das Lob, „dass er heute nicht nur nach vorn gearbeitet hat, auch sehr viel nach hinten. Das hat uns die Arbeit erleichtert.“ Er solle „genauso weitermachen“.

          Zugleich war das ja gerade erst mal der Anfang. Und so gilt für das Duell am Donnerstag mit den Serben, für die nach dem 0:2 gegen Österreich ein Sieg über Deutschland die letzte Chance aufs Weiterkommen darstellt, dass alle, so Tah, „im nächsten Spiel noch eine Schippe drauflegen“. Wenn es gelingt, sind weitere Pool-Partys nicht ausgeschlossen.

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