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DFB-Elf gegen Argentinien : Plötzlich ist ter Stegen ein kleiner Häuptling

  • -Aktualisiert am

Sein Verhältnis zu Manuel Neuer sei „professionell“, sagt Marc-André ter Stegen. Bild: firo Sportphoto

In der von vielen Ausfällen geplagten DFB-Auswahl ist Marc-André ter Stegen auf einmal eine tragende Säule. Gegen Argentinien darf er ran. Aber die Distanz zwischen ihm und Manuel Neuer bleibt spürbar.

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          In den Ohren mancher Zuhörer muss die Antwort von Joachim Löw auf die Frage nach den Anführern für das bevorstehende Länderspiel gegen Argentinien wie eine seltsame Pointe geklungen haben. Zunächst musste der Bundestrainer kurz nachdenken, wahrscheinlich hatte er in seinen gut 13 Jahren als Chefcoach der DFB-Elf noch nie mit einem von derart vielen Ausfällen und Absagen gebeutelten Kader zu kämpfen gehabt. Der erste Name, den er dann nannte, war aber doch eine kleine Überraschung. „Der Marc-André wird ja spielen“, sagte Löw, „der kennt die ganzen Dinge bei uns seit einigen Jahren.“ Mit einer beachtlichen Nonchalance hatte er den Ersatztorhüter vom frustrierten Bankdrücker in den Status eines Häuptlings befördert.

          Fußball-Länderspiele

          Dass ter Stegen in dem Testspiel gegen die Südamerikaner an diesem Mittwoch (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Länderspielen und bei RTL) spielen darf, war zwar schon länger bekannt, „auf den Marc ist absolut Verlass, er ist auf dem höchsten Niveau“, sagte Löw. Aber dass er den 27 Jahre alten Torhüter in dieser Partie gleich als tragende Säule des Ensembles betrachtet, ist keine Selbstverständlichkeit. Schließlich hatte er zu Beginn des Jahres einen offenen Wettbewerb der Torhüter ausgerufen – und ignorierte ter Stegen dann in schöner Regelmäßigkeit. „Die letzte Länderspielreise war ein harter Schlag für mich“, hatte der Torhüter des FC Barcelona im September erklärt, als er in den Duellen gegen die Niederlande und Nordirland abermals keine Minute spielen durfte.

          Am Dienstag saß er nun mit einem betont entspannten Lächeln im Gesicht in Dortmund und sagte diplomatisch: „Jeder, der vielleicht eine Aussicht hat, zu spielen, wird alles dafür geben, um am Ende auf dem Platz zu stehen.“ Über allem stehe aber selbstverständlich „das gemeinsame Ziel, gut zur EM zu kommen und ein gutes Turnier zu spielen“. Sein Verhältnis zum Konkurrenten Manuel Neuer, der am kommenden Sonntag in der EM-Qualifikation in Estland spielen soll, sei „professionell“.

          Die Kühle zwischen den beiden Top-Torhütern bleibt natürlich spürbar, aber der Bundestrainer findet die mediale Zuspitzung, die durch Aussagen von Neuer und Bayern-Präsident Uli Hoeneß angetrieben wurde, reichlich übertrieben. Als Löw gefragt wurde, ob er zeitnah ein Gespräch mit den Torhütern führen werde, erwiderte er: „Für mich ist das im Moment das allerkleinste Problem.“ Oder besser noch: „Überhaupt keine Baustelle“. Es war der einzige wirklich emotionale Moment während Löws Auftritt am Dienstag; das Trainerteam wird seine ganze Energie zunächst den Aufstellungsimprovisationen widmen, die nach den vielen Absagen erforderlich sind. Stürmer Luca Waldschmidt vom SC Freiburg werde erstmals in der Startelf stehen, kündigte Löw an, ebenso wie Innenverteidiger Niklas Stark von Hertha BSC.

          So könnten Deutschland und Argentinien starten.

          Erst nach dem Argentinien-Spiel werden Torwarttrainer Andreas Köpke und er „das Thema sicherlich noch mal kurz aufreißen“. Das ist sinnvoll, denn zu den Ursachen für den ganzen Ärger zählt gewiss die interne Kommunikation. Der Bundestrainer hatte Anfang des Jahres einen offenen Wettstreit um die Position als Nummer eins ausgerufen, allerdings war das vor Neuers rasantem Formanstieg der vergangenen Monate und vor dem Ausschluss der Routiniers Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng aus dem Team. Dieser Vorgang steigerte die Bedeutung Neuers als Routinier in Zeiten des Umbruchs.

          Allerdings hatte Löw dem sechs Jahre jüngeren ter Stegen Bewährungschancen versprochen, und als der Champions-League-Gewinner von 2015 weder in den ersten Partien der neuen Saison eingesetzt wurde noch frühzeitig gesagt bekam, dass er gegen Argentinien spielen würde, artikulierte er seine Enttäuschung öffentlich. Löw und Köpke schienen es verpasst zu haben, ihre Gedanken zu den Entwicklungen im kleinen Kreis zwischen den Torhütern und Trainern früh genug offen zu besprechen. Ter Stegen reiste in dem Glauben zu den Länderspielen im September, immer noch eine echte Chance auf die baldige Beförderung zur Nummer eins zu haben. Er empfand es als Kränkung, als er dann zweimal 90 Minuten auf der Bank saß.

          Nun klang er wieder sehr versöhnlich: „Wenn man die Aussagen sieht, die er (Löw) getroffen hat, dann ist es schon so, dass der Manu einen Vorteil hat. Ich möchte mich zeigen, mich beweisen und ihm die Entscheidung so schwer wie möglich machen.“ Allerdings scheinen Löw, aber auch Torwarttrainer Andreas Köpke offenbar Fehler zu unterlaufen. Und das ist womöglich bedenklicher als die kleine Torhüterhysterie, die zuletzt für Schlagzeilen sorgte.

          Schon die Art und Weise, wie Hummels, Boateng und Müller von ihrem Aus in der Nationalmannschaft erfuhren, war kommunikativ fragwürdig. Und bei der WM 2018 gelang es der Teamleitung nie, eine funktionierende und konstruktiv zusammenarbeitende Gruppe zu formen. Jenseits des fußballerischen Umbruchs hin zu mehr Tempo, Dynamik und Körperlichkeit scheint eine Schwäche bestehen zu bleiben: Ein bisschen zu oft misslingt es den Trainern, so mit den Spielern umzugehen, dass alle sich ausreichend wertgeschätzt fühlen und genau wissen, wie es wirklich bestellt ist um ihren Status innerhalb der Nationalmannschaft.

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