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Maradona in Neapel : Aberwitz und Glamour an Diegos Hofe

  • -Aktualisiert am

Als „El Pibe” in den Süden kam: Foto aus dem Trainingslager des SSC Neapel 1984 Bild: ASSOCIATED PRESS

Maradonas neapolitanische Saga von Ruhm und Laster, Genialität und Irrsinn. Eine Geschichte, wie sie der Fußball nie wieder hervorgebracht hat und wie sie nur in Neapel möglich war.

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          Ob er der beste Fußballer aller Zeiten war - oder nicht doch der Brasilianer Pelé -, darüber streiten sich nicht nur südamerikanische Fans bis heute. Doch eins steht fest: Kein anderer Spieler hat eine ähnlich aberwitzige und glamouröse Laufbahn vorzuweisen wie Diego Armando Maradona. Kein anderer Weltstar dieses Sports stürzte am Ende seiner Laufbahn tiefer als „El Pibe“, der sich als erstes von acht Kindern und kleiner Straßenspieler aus den Slums von Buenos Aires zum Weltruhm emporgearbeitet hatte. Schauplatz dieses Dramas von wahrlich barockem Zuschnitt war Neapel - auch das ein Unikum. Denn noch niemals sonst konnte ein Fußballspieler in der armen, chaotischen, theatralischen Metropole von Italiens Süden Triumphe feiern. Für Maradona selbst muss es - eskortiert von einem Riesenclan aus Schwägern, Verwandten, Beratern, Kindern, Leibwächtern, Fotografen, Polizisten - dagegen wie eine Heimkehr ins Vertraute gewesen sein, als er aus dem schicken, leicht versnobten Barcelona 1984 im Stadio San Paolo unweit der ärmlich zubetonierten Außenbezirke seines neuen Lebensschwerpunktes empfangen wurde.

          Einhunderttausend enthemmte Tifosi sollen entgegen allen Bestimmungen das marode Stadion fast zum Platzen gebracht haben - nur um zu feiern, dass der teuerste und beste Spieler der Welt tatsächlich zu ihnen, den Zurückgebliebenen, Vergessenen, Marginalisierten hinabgestiegen war. In der Tat atmet keine andere Stadt Europas einen ähnlich südamerikanischen Geist wie Neapel mit seiner geographischen Grandezza unterm brodelnden Vesuv, seinen gigantischen Kontrasten zwischen dekadentem Luxusleben in den Villen des Posilippo und der Drogen- und Bettelhölle in hoffnungslosen Quartieren wie Scampia, weit draußen vor der Stadt.

          Maradona enttäuschte die Fans nicht. Er fühlte sich nicht nur sichtlich wie zu Hause, lieferte Neapel nicht nur den unverhofften Erfolg, sondern auch eine Saga von Ruhm und Laster, Genialität und Irrsinn, wie sie die Geschichte des Fußballs nie wieder hervorgebracht hat. Der nach heutigen Maßstäben preiswerte, damals aber irrwitzige Millionen-Transfer, von der Banca di Napoli vorfinanziert, wurde ökonomisch zum guten Geschäft: Mit der Ankunft des Heilsbringers schossen auch die Einkünfte des Klubs in die Höhe, der Umsatz stieg von 7 auf 30 Millionen Euro. In den heruntergekommenen „Bassi“, den Einraumwohnungen zur Straße, standen plötzlich Fernsehgeräte. Und die alte Sucht der Neapolitaner, ihr weniges Geld bei Sportwetten zu riskieren, nahm unvorstellbare Ausmaße an.

          Geschmacklose Traumhochzeit: Diego heiratet Claudia in Buenos Aires im November 1989
          Geschmacklose Traumhochzeit: Diego heiratet Claudia in Buenos Aires im November 1989 : Bild: ASSOCIATED PRESS

          Seinem Trainer raubte Maradona alle Nerven

          Dass dabei auch die allgegenwärtige Camorra mitverdiente, interessierte niemanden, solange man sich über die sportlichen Erfolge die Augen reiben konnte. 1987 machte Maradona den SSC Neapel zum ersten Mal in seiner Geschichte zum Meister und holte sensationell auch noch den Pokal. Damit bestätigte der 1,67 Meter kleine Stratege die Aussage des argentinischen Trainers Cesar Luis Menotti, Maradona sei der einzige Spieler in der Geschichte des Fußballs, der ohne Mannschaft auskomme.

          Seinem Trainer Ottavio Bianchi, einem typisch kühlen Übungsleiter aus dem erznördlichen Bergamo, raubte der Star mit seinen zunehmenden Eskapaden freilich alle Nerven. Mit dem Erfolg kamen bei Maradona auch die Marotten. Schon 1988 stellte er das morgendliche und oft genug auch das nachmittägliche Training ein. Dennoch spielte Napoli in der hervorragenden Serie A - etwa gegen das AC Mailand von Van Basten, Gullit und Rijkaard - weiter ganz oben mit.

          1989 holte der Verein im Delirium seiner Tifosi den Uefa-Pokal (im Finale gegen den VfB Stuttgart), 1990 dann noch einmal einen nicht für möglich gehaltenen Scudetto. Maradona war da in Neapel längst zum Stadtheiligen geworden. Taxifahrer klebten sein magisches Bildnis neben oder gar über die Madonna. Wer den irrealen Rausch der Jahre 1987 bis 1990 in der Stadt miterlebt hat, schwärmt heute noch nostalgisch davon.

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