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Maracanã-Stadion : Ein Symbol wird zum Streitfall

  • -Aktualisiert am

Kultstätte des brasilianischen Fußballs: das Maracanã-Stadion Bild: dapd

Die Renovierung des Maracanã-Stadions in Rio de Janeiro verläuft schleppend - die Kosten wachsen dafür umso schneller. Das ist zweieinhalb Jahre vor Anpfiff der Fußball-WM 2014 nicht die einzige Sorge in Rio.

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          Von außen verraten nur die riesigen Steinhaufen, dass etwas im Gange ist. Ansonsten sieht das blau-weiße Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro eigentlich aus wie immer. Gemächlich trotten drei Polizeipferde mit ihren Reitern in der Abendsonne um das Gelände. Vier argentinische Touristen suchen nach dem Eingang, um das weltberühmte Stadion der brasilianischen Metropole von innen zu besichtigen.

          Der Weg dorthin führt vorbei an großrahmigen Plakatwänden, die Informationen über die Renovierungsarbeiten geben. „3000 geschaffene Arbeitsplätze“ steht dort beispielsweise geschrieben. Die Kosten für die Sanierung sind mit umgerechnet 316 Millionen Euro angegeben. Das entspricht in etwa den Ausgaben für die Errichtung der Münchener Arena, eines der modernsten Fußballstadien der Welt.

          Doch ein Jahr nach Beginn der Bauarbeiten ist die ursprüngliche Summe längst nicht mehr realistisch. Von einer halben Milliarde Euro ist mittlerweile die Rede, und bis zur Fertigstellung dürfte es noch mehr werden. „Das Gesetz erlaubt einen Aufschlag auf die vereinbarten Kosten von 50 Prozent, aber die Zusatzkosten werden unter diesem Wert bleiben“, verspricht der Gouverneur von Rio de Janeiro, Sérgio Cabral, als sei das eine gute Nachricht.

          Für viele Brasilianer ist es längst Teil einer traurigen Realität: Öffentliche Gebäude, egal, ob Krankenhaus, Konzertsaal oder Fußballstadion, werden im Verlauf der Bauarbeiten teurer und teurer - das Geld verschwindet auf mysteriöse Weise. Als Folge bleiben Staatsaufträge entweder unvollendet und verfallen, oder die Errichtung zieht sich über Jahre hin.

          „Das Stadion muss in acht Minuten evakuiert werden“

          Auch beim Estádio Jornalista Mário Filho, wie das Maracanã eigentlich heißt, war das so. Sieben Architekten haben für die erste Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien 1950 daran gebaut. Bis es endgültig fertig war, dauerte es 17 Jahre. So weit wird es diesmal nicht kommen, aber Eile ist trotzdem geboten, denn der Confederations Cup 2013 und vor allem die Fußball-WM 2014 sind als Daten gesetzt, und die Auflagen des Internationalen Fußball-Verbands (Fifa) müssen erfüllt werden.

          „Beispielsweise muss das Stadion in acht Minuten evakuiert werden können“, sagt der Pressesprecher des Stadions, Marcelo Santos. Mit überzeugter Miene versichert auch er, dass alles im Plan sei, finanziell und zeitlich. Doch: „Noch dauert es zwanzig Minuten, bis das ganze Stadion leer ist.“ Darum werden nun zusätzliche Rampen gebaut, über die man Maracanã im Notfall verlassen könne.

          So ähnlich soll das Stadion irgendwann mal wieder aussehen Bilderstrecke
          So ähnlich soll das Stadion irgendwann mal wieder aussehen :

          Außerdem werden die Sitzreihen ansteigend konstruiert und überdacht. Auch das verlangt die Fifa. Dafür wurde das Innere des Stadions komplett abgerissen, das Dach muss vergrößert werden. All das geschieht in Abstimmung mit dem Instituto do Patrimônio e Artístico Nacional do Rio de Janeiro, kurz Iphan. Das Institut muss alle Bauabschnitte abnehmen, die das Äußere verändern könnten, denn das einst größte Stadion der Welt zählt zum Nationalerbe Brasiliens und gilt bis heute als Symbol und Ausdruck der brasilianischen Fußballkultur.

          Rios Gouverneur Sérgio Cabral gibt sich trotz allem gelassen. „Wir garantieren die Fertigstellung nach Plan im Dezember“, sagt er. 900 Tage wurden als Vorgabe für die Dauer der Bauarbeiten genannt. Die Rechnung würde jedenfalls nach derzeitigem Stand nicht aufgehen, es sei denn, man zahlte drauf. Für die Kosten kommt die Regierung des Bundesstaates Rio de Janeiro auf, erst nach der WM 2014 soll das Maracanã privatisiert werden. Die Verwaltung übernimmt nach den Worten Cabrals ein Privatunternehmen. Kritiker befürchten, dass Stadionbesuche für Geringverdiener dann nicht mehr zu bezahlen sind.

          „Hier kommen alle sozialen Klassen zusammen“

          Durch Luxusboxen, moderne Sitze und Verbesserungen bei den Sicherheitsstandards werden unwillkürlich auch die Tickets teurer, und ein großer Teil der ehemaligen Fan-Gemeinschaft wird die Spiele nur außerhalb des Stadions verfolgen können. Für Rio Carvalho ein Unding: „Maracanã ist einer der wenigen öffentlichen Orte in Rio, an dem wirklich Menschen aller sozialen Klassen zusammenkommen. Das wird einfach aufgegeben“, sagt der Assistent für Brazilian Studies an der Universität Princeton.

          Christopher Gaffney, Professor für Urbanistik an der Universidade Federal Fluminense in Rio de Janeiro, geht noch einen Schritt weiter. Für ihn sind die Bauarbeiten „nichts anderes als eine weitere Renovierung ohne Sinn und Verstand“. Gaffney gehört zur Nationalen Fan-Vereinigung, einer 3000 Mitglieder starken Gruppe, die sich als Sprachrohr für die Zukunft des Fußballs in Brasilien versteht.

          Es gibt nur noch Platz für 76.525 Fußballfans

          Sie ist der Ansicht, dass die Kultur und die Geschichte des brasilianischen Fan-Kults mit jeder Modernisierung eines Stadions weggesprengt werden. Nach Gaffneys Ansicht geht es nur um Kommerz. Die Gegenseite argumentiert, dass die Tickets für Fußballspiele in Brasilien (ab acht Euro) immer noch wesentlich billiger seien als in vielen europäischen Ligen.

          Zwölf brasilianische Städte wollen sich an der Austragung der WM beteiligen, im Maracanã-Stadion soll voraussichtlich das Endspiel stattfinden. Schon bei der einzigen Fußball-WM in Brasilien 1950 fand das Endspiel zwischen Uruguay und Brasilien dort statt. 1:2 unterlag der Rekordweltmeister damals. Seither wurde das ehrwürdige Stadion mehrmals renoviert, zuletzt vor den Panamerikanischen Spielen 2007. Fast ein Jahr lang ruhte der Spielbetrieb. 60 Millionen Euro investierte der Bundesstaat damals, doch für die Fifa hat das nicht gereicht. Nach der aktuellen Renovierung wird jetzt nur noch Platz für 76.525 Fußballfans sein. Offiziell passten einmal 173.000 Zuschauer hinein.

          „Ich hoffe nur, unser Stadion bleibt, was es ist“

          Im Inneren des Stadions liegt im Moment alles in Schutt und Asche. Man sieht Lastwagen über das Gelände fahren, das einer großen, grauen Grube ähnelt. Normalerweise können Touristen auch den Rasenplatz besichtigen, auf dem Márcio, den alle nur Pelé nennen, seine Kunststücke mit dem Ball vorführt. Der Brasilianer gehört seit vielen Jahren zum Inventar des Stadions.

          Im Dress der Seleção begeistert der Straßenfußballer Besucher mit seiner Geschicklichkeit. Seit gebaut wird, musste auch er in den Aufenthaltsraum umziehen. Zwischen einer Zico-Bronzestatue und anderen Ausstellungsstücken lässt er den Ball auf seinem Kopf tanzen. Was im Hintergrund geschieht, davon verstehe er nichts. „Ich hoffe nur“, sagt Márcio, „unser Stadion bleibt, was es ist.“

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