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Manuel Neuer : Torwart im straffreien Raum

Hand spielender Torwart Neuer: Seiner Zeit voraus Bild: AP

Torwart Neuer ist seiner Zeit voraus. Sein raumgreifendes Torwartspiel ist so schwierig, dass es jeden anderen überfordert. Zu seinem Glück auch die Schiedsrichter.

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          Ist Manuel Neuer ein Vorbild? Joachim Löw glaubt das ebenso wie Millionen von Fans, die famose Ausflüge des Torwarts bei der WM, vor allem gegen Algerien, bewunderten. Auf die Frage nach dem „Weltmeister-Rezept“ antwortete der Bundestrainer, sein Team sei ein Vorreiter, weil es „mit dem Torhüter einen elften Feldspieler“ hatte. „Ich glaube, dass da Manuel Neuer für einen Wandel im Weltfußball sorgt.“ Also, kein Zweifel: Neuer ist ein Vorbild. Als Sportler, als Sportsmann. Doch als Torwart? Eher ein Solitär. Nicht kopierbar. Sein raumgreifendes, fast die gesamte eigene Hälfte umfassendes Torwartspiel ist so schwierig, dass es jeden anderen überfordert - manchmal sogar ihn selbst. Und zu seinem Glück: auch die Schiedsrichter.

          In einem Beitrag im „Kicker“ im März räumte Neuer ein, dass er „schon Schiss“ habe, mal vom Platz zu fliegen. „Zum Glück habe ich noch nie eine Rote Karte gesehen, aber bei meiner Spielweise gehört das Risiko einfach dazu.“ Der roten Linie hat er sich inzwischen so weit angenähert wie noch kein Torwart vor ihm. Im WM-Finale tat er das, als er den Ball über dem heranstürmenden Gonzalo Higuaín wegboxte, dabei aber den Argentinier rammte. Die Szene hätte das Endspiel gegen Deutschland entscheiden können, wäre der italienische Schiedsrichter auf dieselbe Einschätzung gekommen wie dessen deutsche Kollegen in ihrer WM-Analyse. Ihr Urteil, zum Glück nicht maßgeblich: Elfmeter und mindestens Gelb für Neuer.

          Manuel Neuer: „Schon Schiss, irgendwann mal vom Platz zu fliegen“

          Neuer kam im Spiel der Spiele davon. Im Augenblick aber wirkt er wie jemand, der weiter die Grenze sucht und dabei immer weitergeht. Beim 0:0 in Hamburg kam er schon gegen Nicolai Müller zu spät, nur traf der das leere Tor nicht. In der Nachspielzeit eilte Neuer zwar rechtzeitig aus dem Strafraum, gewann den Ball, lief aber weiter und verlor ihn wieder. Julian Green stoppte er dann mit einem Handspiel. Es gab nur Gelb, zur Empörung der Hamburger.

          Vor dem Strafraum ein straffreier Raum

          Der Schiedsrichter argumentierte mit dem Fehlen einer „klaren Torchance“, der Bedingung für einen Platzverweis. Neuer verwies darauf, dass hinter ihm noch zwei Abwehrspieler standen. Was aber ist eine klare Torchance, wenn es keine ist, dass ein Angreifer vierzig Meter vor dem Tor den Torwart überläuft? Und danach, egal ob da noch zwei Verteidiger sind, ein leeres Tor vor sich weiß? Die Schiedsrichterlogik, die diese Torgefahr leugnet, schafft vor dem Strafraum einen straffreien Raum. Jedenfalls für den neuen Typus Torwart und dessen Radius als elfter Feldspieler. Dort draußen geht der Torwart nach diesem Präzedenzfall kaum noch ein Risiko ein. Wenn er sich verschätzt, darf er das ohne Rot-Gefahr per Foul oder Handspiel korrigieren. So weit vor dem Tor, ein, zwei Mitspieler hinter sich, kann es ja keine klare Torchance sein.

          Was Torgefahr ist, sollte für diesen neuen Grenzbereich neu definiert werden. Denn die Gefahr rührt im modernen Umschaltfußball immer mehr aus der Dynamik nach Ballgewinn als aus der Statik der Spielerpositionen. Diese aber zieht die Regelauslegung der „Notbremse“ immer noch heran: Ist noch ein Kollege hinter dem Foulenden postiert? Wenn der Foulende der Torwart ist, nahe der Mittellinie, hilft dieses Denkmodell nicht mehr weiter. Der Torwart Neuer ist seiner Zeit voraus. Die Regelauslegung muss ihm noch folgen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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