https://www.faz.net/-gtl-156yt

Manchester United : Nemanja Vidic - Bluten und lächeln

Manchester Uniteds „Ein-Mann-Festung”: Nemanja Vidic ist hart gegen sich und den Gegner Bild: REUTERS

Manchester Uniteds Anhänger lieben Nemanja Vidic wegen seiner Tapferkeit. Sein nimmermüder Einsatz hinterlässt Spuren – auch bei ihm selbst. Sogar Inters Trainer Mourinho fürchtet den Serben vor dem Champions-League-Duell.

          3 Min.

          Es gibt eine Reihe von Klischee-Vokabeln, die jeder aufmerksame Redakteur aus Fußballtexten entfernt. Wörter wie vielbeinig, mutterseelenallein; der Aufsetzer, der immer tückisch, der Hattrick, der immer lupenrein ist. Oder wie ein Wort, das früher zum Beschreiben von Ausputzern diente und irgendwann mit dieser Spezies auszusterben schien. Wenn man heute aber Nemanja Vidic, einen Abwehrspieler ganz moderner Prägung, mit einem einzigen Wort beschreiben müsste, dann gäbe es nur dieses eine: eisenhart.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Vidic wirft sich in die Bälle, hält den Kopf hin, trägt die Spuren davon im Gesicht. Manche sind wie Trophäen, etwa die golfballgroße Prellung am Jochbein neulich in Newcastle. Selbst in einem Testspiel gegen Glentoran kam er nach einer Kollision blutend vom Platz. Und lächelte. „Fünf Stiche“, bilanzierte Trainer Alex Ferguson. „Er hatte seinen Spaß.“ Der Trainer von Manchester United ist glücklich, einen solch „tapferen Kerl“ für die knallharte Kopfarbeit im Strafraum gefunden zu haben. Er vergleicht Vidic mit dem ersten großen Verteidiger, den er in seinen 22 Jahren in Manchester hatte, mit Steve Bruce. Es ist die Art von Abwehrarbeit, die Spuren hinterlässt. Im Gesicht von Vidic sind sie noch spärlich, er ist erst 27.

          „Ich dachte, er spricht Deutsch oder so was“

          Wenn man Bruce anschaut, heute Trainer in Wigan, kann man sich vorstellen, wie das vielleicht in zehn Jahren aussehen wird. Bruce hat zahllose Narben und Knautschzonen. Die Nase war so oft entzwei, dass sie nun mehrfach die Richtung wechselt.

          Vidics Tapferkeit macht ihn zum Helden der Fans, die in England eine Schwäche für draufgängerische Verteidiger haben. Dabei wollte er, als er 2006 für rund zehn Millionen Euro von Spartak Moskau nach England kam, gleich wieder weg. Verletzungen, kein Platz im Team, der viele Regen und dazu das seltsame Englisch des Schotten Ferguson: „Ich dachte, er spricht Deutsch oder so was.“ Aber Ferguson hat sich noch bei jedem verständlich gemacht. Heute nennt er die Kombination Ferdinand/Vidic die „beste Innenverteidigung, die ich je hatte“. Bei einigen Buchmachern ist der Serbe bereits Favorit auf die Wahl zum „Fußballer des Jahres“ in England, ein Titel, den seit Jahren Stürmer im Abonnement haben.

          Die „Times“ nennt Vidic die „Ein-Mann-Festung“

          Der Rekord von Edwin van der Sar – 14 Ligaspiele ohne Gegentor – ist auch der von Vidic. Während Rio Ferdinand längere Zeit verletzt war, hielt er mit wechselnden Nebenleuten dem Torwart die meiste Arbeit vom Leib. Während 1311 Minuten ohne Gegentor bekam van der Sar nur 22 Bälle auf sein Tor, davon nur neun von innerhalb des Strafraums: Zeugnis einer überragenden Abwehr, die den Gegner zu Verzweiflungsschüssen treibt. Vidic kennt sich mit Rekorden aus.

          In der Weltmeisterschafts-Qualifikation 2006 stand er neben dem Schalker Krstajic in jener gefeierten Abwehr des serbischen Nationalteams, die in zwölf Qualifikationsspielen nur ein Gegentor erhielt. Bei der WM fehlte Vidic verletzt, Serbien scheiterte. Auch die nur 22 Gegentore in 38 Spielen in der letzten Ligasaison waren eine reife Leistung und für den Titelgewinn ebenso wichtig wie die 42 Tore des Cristiano Ronaldo, von dem jeder schwärmte. „Wir sind ein Klub, bei dem immer die Stars die Aufmerksamkeit bekommen“, beklagt Ferguson, dabei verdienten das die stillen Helden wie Vidic. Die „Times“ nennt ihn die „Ein-Mann-Festung“.

          Athletisch, aggressiv, kopfballstark, knochenhart

          Vidic kann aus seinen blauen Augen unschuldig wie ein Lausbub schauen, aber das täuscht. Er ist athletisch und aggressiv, kopfballstark und knochenhart, er hat schon vier Saisontore erzielt, und wie es jugoslawischer Verteidigertradition entspricht, geht er keiner Konfrontation aus dem Weg. Im Finale der Klub-WM im Dezember in Japan wurde er vom Platz gestellt, was ihm eine Sperre für das Champions-League-Hinspiel vor zwei Wochen bei Inter Mailand (0:0, siehe auch: Champions League: Drei Unentschieden und ein Elfmetertor) brachte. Dessen Trainer José Mourinho beklagte, dass Vidic „eigentlich auch für das Rückspiel“ hätte gesperrt werden müssen. Ihm behagt dessen Rückkehr ins Team an diesem Mittwoch in Old Trafford gar nicht (20.45 Uhr / Live bei Sat.1 und im FAZ.NET-Champions-League-Liveticker).

          Denn Mourinho weiß, wie Vidic Gegner entnerven kann. Im Finale der Champions League brachte er Didier Drogba so weit, dass der Chelsea-Stürmer in der Verlängerung die Nerven verlor und Rot sah – obwohl sein Schwinger ähnlich schlecht gezielt war wie seine Schüsse. Was Drogba am meisten bedauerte: „Dass ich Vidic nicht richtig getroffen habe.“

          Weitere Themen

          „Wie ist man mit 13 schon auf Weltniveau?“ Video-Seite öffnen

          Olympia-Video aus Tokio : „Wie ist man mit 13 schon auf Weltniveau?“

          Die ersten Olympia-Tage in Tokio sind vorbei. Die F.A.Z.-Reporter sprechen über die Eindrücke. Wie groß ist die Begeisterung vor Ort? Wie sind die neuen Sportarten? Und wie schlagen sich die Deutschen?

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.