https://www.faz.net/-gtl-75o6j

Manchester United : Bugs Bunny und die stürmende Ambulanz

Englischer Patient: Wenn Rio Ferdinand (links) patzt, rückt der Sturm aus Bild: AFP

Manchester United kassiert in dieser Saison massig Tore, Alex Ferguson fühlt sich durch seine Abwehr sogar an tapsige Comicfiguren erinnert. Dank der Offensive steht das Team trotzdem gut da und kann seine Situation am Sonntag gar noch verbessern.

          3 Min.

          Kurz vor Weihnachten hatte Alex Ferguson keine Lust mehr auf Geschenke. „Wir werden für jeden Ball bestraft, der in unseren Strafraum kommt“, beklagte der Trainer von Manchester United. Durch die Darbietungen seiner Abwehr fühlte er sich an „Cartoon Cavalcade“ erinnert. Dabei handelt es sich um eine frühere Comic-Kindersendung in seiner schottischen Heimat, bei der sich Zuschauer an den Missgeschicken von Figuren wie Bugs Bunny oder Spunky Skunky ergötzen konnten.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Es war gewiss kein Kompliment für Spieler wie den Abwehrveteranen Rio Ferdinand, mit einem hektischen Hasen oder einem tapsigen Stinktier verglichen zu werden. Doch so ganz unrecht hatte der Boss nicht. „Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal so viele Tore bis Weihnachten kassiert zu haben“, sagte Ferguson. Es waren allein in der Liga 28. Das Erstaunliche daran ist, dass ein Team mit einer solchen Abwehr überlegener Tabellenführer der Premier League sein kann. Mit sieben Punkten Vorsprung führt United vor Meister Manchester City. Man muss in der Tabelle bis auf Platz zwölf hinuntergehen, um mit Norwich City ein Team mit einer schwächeren Gegentorbilanz zu finden.

          ManUnited geht unbeeindruckt mit den eigenen Defiziten um

          Im modernen Fußball mit seiner hohen Intensität, dem Druck auf den ballführenden Gegner und der Schnelligkeit des Umschaltens von Abwehr auf Angriff ist es immer schwieriger geworden, ein Spiel und ein Resultat zu kontrollieren. Im deutschen Fußball zeigten das im Jahr 2012 zwei 4:4-Spiele, im Frühling zwischen Dortmund und Stuttgart, im Herbst zwischen Deutschland und Schweden. Doch nirgendwo ist der Kontrollverlust größer als in der Premier League. Für einen 5:4-Sieg von Arsenal im Derby bei Tottenham hatte der Kontrollfanatiker José Mourinho einst als damaliger Chelsea-Trainer nur den Spott übrig, das sei „kein Fußball, sondern Eishockey“. Doch die Eishockey-Resultate nehmen auf der Insel zu. Vergangene Saison gewann United gegen Arsenal 8:2 und verlor gegen City 1:6. In dieser Spielzeit gewann United bei Chelsea in der Liga 3:2 und verlor im Ligapokal 4:5. Arsenal gewann im Ligapokal nach 0:4-Rückstand in Reading 7:5 und schaffte in der Liga nach dreimaligem Ausgleich durch Newcastle ein 7:3. ManUnited siegte gegen Newcastle nach dreimaligem Rückstand 4:3.

          Seine Abwehr erinnert ihn an „Cartoon Cavalcade“: Alex Ferguson

          Was ist da los? Geht der angebliche Niedergang der englischen Klubs in der Champions League einher mit dem englischer Abwehrspieler? Ohne Zweifel sind einst imposante Innenverteidiger wie Ferdinand oder John Terry längst Auslaufmodelle, für die es in der einheimischen Produktion bisher kaum gleichwertigen Ersatz gibt. Aber was heißt hier Niedergang? Chelsea schaffte es, auch ohne Terry die Champions League zu gewinnen - mit tadellosen Defensivleistungen gegen Barcelona und die Bayern.

          Einzigartig ist, wie unbeeindruckt ManUnited mit den eigenen Defiziten umgeht. Elf ihrer 21 Siege in Premier League und Champions League in dieser Saison haben Fergusons Stehaufmännchen erzielt, nachdem sie in Rückstand geraten waren. „Wenn du solche Fehler machst wie wir in der Abwehr“, sagte Ferguson, „dann brauchst du jede Woche einen Rettungseinsatz.“ Zum Glück für ihn ist seine stürmende Ambulanz bisher fast immer rechtzeitig zur Stelle, allen voran der neue Star Robin van Persie, der wie in der vergangenen Saison für Arsenal nun auch für United die Torjägerliste anführt (16 Tore). Am Mittwoch rettete er sein Team mit dem 2:2-Ausgleich bei West Ham in letzter Minute ins Pokal-Wiederholungsspiel. „Unsere Optionen im Angriff sind grandios“, lobte Ferguson. Er fand, dass van Persie „uns in dieser Saison bislang den Kopf gerettet hat“.

          Gesucht wird neue Stabilität

          Aber Ferguson weiß, dass auf Dauer wieder eine robuste Abwehr her muss - letztlich war es auch ein Defensivkollaps, der im April im vorletzten Heimspiel mit einem 4:4 gegen Everton durch zwei Gegentore in den letzten Minuten den Titel kostete. Laut englischen Zeitungen bastelt Ferguson bereits an einer neuen Defensive. So konnte der junge spanische Torwart David de Gea bisher nicht nachhaltig das Vertrauen des Trainers gewinnen, der nach dem Weggang von Peter Schmeichel nach dem Champions-League-Sieg 1999 nur einmal einen dauerhaften Rückhalt ähnlicher Qualität fand, den Holländer Edwin van der Sar. Verstärkung braucht auch die Innenverteidigung um Ferdinand und Nemanja Vidic, die noch vor ein paar Jahren als beste Europas galt. Inzwischen lobt Ferguson den 25 Jahre alten Nordiren Johnny Evans als neue „Autorität“ in der Verteidigung - während sich Ferdinand, dem immer noch keine Verlängerung seines auslaufenden Vertrages angeboten wurde, mit dem nach Knieverletzung zurückkehrenden Vidic abwechseln soll.

          Hat ManUnited „in dieser Saison bislang den Kopf gerettet“: Robin van Persie (links)

          Gesucht wird neue Stabilität, die Zeit drängt. Spätestens in einem Monat soll zur Abwechslung mal die Null stehen: Beim Trip zu Real Madrid, im Achtelfinale der Champions League zwischen den „beiden größten Klubs der Welt“, wie Ferguson sagt. Besonderen Respekt hat er vor seiner einstigen Entdeckung Cristiano Ronaldo. Er nennt ihn „den kompletten Spieler“. Da wäre es besser, am 13. Februar hinten nicht Bugs Bunny oder Spunky Skunky aufstellen zu müssen. Andererseits: Die Stärken eines Hasen und eines Stinktiers zu kombinieren, es wäre keine schlechte Basis für einen, der Ronaldo ausschalten soll.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In Karlsruhe wird ein Verdächtiger am Samstag abgeführt.

          Zerschlagene Terrorzelle : Sie planten Endzeit- und Bürgerkriegsszenarien

          Eine überregionale rechtsextreme Terrorzelle stand offenbar kurz davor, einen schweren Anschlag zu verüben. Die Mitglieder fanden sich wohl im Netz und radikalisierten sich. Nun kam heraus, welche Pläne sie hatten und wie sie gestoppt wurden.
          In einem Landtag: Björn Höcke, AfD-Fraktionschef, und weitere Mitglieder der AfD-Fraktion verfolgen in Erfurt die Regierungserklärung von Ministerpräsident Ramelow (Linke)

          AfD und Linke : Streitbare Demokratie

          Ob eine Partei vom Verfassungsschutz beobachtet wird, hängt auch vom Verhalten ihres Führungspersonals ab. Und hier marschiert die AfD bewusst in Richtung Verfassungsfeindlichkeit.
          Eingang zur Zentrale der BBC in London

          Rundfunkgebühren : Droht das Ende der BBC?

          Schlechte Nachrichten aus der Downing Street für die BBC: Der Konfrontationskurs mit dem öffentlich-rechtlichen Sender erreicht die nächste Eskalationsstufe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.