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Lukas Podolski : Londoner Spaß-Import

Strotzend vor Kraft und immer ein Lächeln auf den Lippen: Lukas Podolski Bild: Reuters

Nach der verpatzten Europameisterschaft hat Lukas Podolski der Wechsel zum FC Arsenal offensichtlich gut getan. In der Nationalmannschaft will er dies am Freitag (20.45 Uhr) auf der Nachbarinsel Irland beweisen.

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          Sage noch einer, Lukas Podolski besitze kein Sprachtalent. Es ist ja wahr, der Angreifer gehört nicht unbedingt zu den gefragtesten Gesprächspartnern nach Fußballspielen. Zu einsilbig, zu oberflächlich, so das gängige und nicht ganz falsche Klischee. In Zukunft könnte es sein, dass noch ein „zu rätselhaft“ dazukommt. Wenn nämlich Podolski das umsetzt, was er kürzlich in London gelernt hat.

          Dort gab ihm Ray Parlour, eine Legende des FC Arsenal, eine kleine Lehrstunde in Sachen „Cockney“, des berühmten Londoner Slangs. Und zu dem gehört die feine Marotte, Wörter spaßeshalber mit Hilfe von Reimen zu chiffrieren. Der fußballspezifische Teil der Lehrstunde, die auf Videos im Internet zu sehen ist, brachte dann folgenden Satz hervor, der für Nichteingeweihte natürlich völlig sinnfrei ist: „I hit the Albert Hall into the Beans and Toast.“ Wenn man weiß, dass „Albert Hall“ der Code für „Ball“ ist und „Beans and Toast“ für „Post“, dann kann man erahnen, was Podolski sagen wollte, vielleicht jedenfalls: „Ich habe den Pfosten getroffen.“

          Gut drauf: Nicht mal der Besuch des Spiel zwischen seinem 1. FC Köln und Dynamo Dresden hat Lukas Podolskis Laune verdorben
          Gut drauf: Nicht mal der Besuch des Spiel zwischen seinem 1. FC Köln und Dynamo Dresden hat Lukas Podolskis Laune verdorben : Bild: dpa

          So etwas können sich wahrscheinlich nur Engländer ausdenken. Wie Podolski den kleinen Jux mitmachte - mit einer gewissen Anspannung zwar, aber letztlich doch souveräner, als mancher ihm das zugetraut hätte -, kann man aber auch als Zeichen dafür deuten, dass dessen rheinische Natur auf einem guten Weg ist, sich in der britischen Metropole heimisch zu fühlen. Für einen Wohlfühlspieler wie Podolski eine elementare Voraussetzung.

          Platz in den Herzen der Arsenal-Fans

          Tatsächlich läuft sich die Sache in London sportlich ausgesprochen gut an. Mit vier Toren und zwei Vorlagen in neun Pflichtspielen für Arsenal hat sich der 27 Jahre alte Offensivspieler im Sprinttempo einen Platz im Herzen der Fans erobert. Wo der Gesang „Er trifft, wie er will“ kürzlich noch für Robin van Persie reserviert war, ist nun Podolski gemeint.

          Voll des Lobes: Bundestrainer Joachim Löw zeigt sich mit dem Neu-Engländer Podolski „högschd“ zufrieden
          Voll des Lobes: Bundestrainer Joachim Löw zeigt sich mit dem Neu-Engländer Podolski „högschd“ zufrieden : Bild: dpa

          In Frankfurt, wo sich die deutsche Nationalmannschaft auf die beiden WM-Qualifikationsspiele am Freitag in Dublin gegen Irland (20.45/live in ZDF und F.A.Z.-Liveticker) und am Dienstag (20.45/live in ZDF und F.A.Z.-Liveticker) in Berlin gegen Schweden vorbereitet, versuchte Podolski die Dinge realistisch einzuordnen. „Neun Wochen sind zu früh, um zu sagen, dass alles positiv ist“, sagte er. Dennoch ist in diesen Tagen ein auffallend gut gelaunter Neu-Londoner auf Heimatbesuch zu beobachten. Gut, ein bisschen Frust, den hat ihm das 1:1 seines 1. FC Köln am Montagabend gegen Dresden bereitet. Er machte am Mittwoch noch einmal deutlich, dass das ja eigentlich unter dem Niveau seines Heimat- und Herzensklubs sei. Aber für die kommenden Aufgaben ist mit einem Podolski in ausgesprochener Fußballlaune zu rechnen. „Ich kann es besser als bei der EM und das will ich zeigen“, sagte er.

          Was an sich kein Kunststück ist, denn das Turnier in Polen und der Ukraine gehört gewiss nicht zu denjenigen Großereignissen, die Podolski in guter Erinnerung behalten wird, unabhängig vom Halbfinal-Aus des Teams gegen Italien. Er selbst war einfach weit unter seinen Möglichkeiten geblieben. Und auch danach hatte es eher danach ausgesehen, als ob Podolskis Stern in einen dauerhaften Sinkflug geraten könnte. Gegen Argentinien kam er nicht zum Einsatz, gegen die Färöer und Österreich wurde er jeweils spät eingewechselt.

          Treffsicher: Bei Arsenal hat sich Podolski in die Herzen der Fans geschossen
          Treffsicher: Bei Arsenal hat sich Podolski in die Herzen der Fans geschossen : Bild: Reuters

          In Frankfurt nun war der Bundestrainer voll des Lobes über Podolski und seinen jüngsten Karriereschritt. „Wir alle sind mit der Entwicklung von Lukas sehr, sehr zufrieden“, sagte Joachim Löw. Sein Assistent Hans-Dieter Flick hat sich davon auch persönlich überzeugt. Zwei Spiele des FC Arsenal, ein wenig Trainingsbeobachtung, ein Gespräch mit Trainer Arsène Wenger - und auch hier nur Positives im Bericht. Es sei ein „sehr, sehr gutes Feedback von Arsène Wenger“ gewesen, sagte Löw. Und Flick berichtete gar schon von einem gewissen Podolski-Feeling auf den Tribünen: „Gefährliche Aktionen gehen oft von ihm aus. Da geht ein Raunen durch das Stadion.“

          Sturmpersonal auf Tiefstand

          Für Löw ist das auch deshalb eine gute Nachricht, weil sein Angebot an stürmendem Personal auf einen beunruhigenden Tiefstand geschrumpft ist. Wegen der fortgesetzten Abwesenheit des verletzten Mario Gomez wurde in der offiziellen Kaderliste, die am Freitag verteilt wurde, sogar die Kategorie „Sturm“ aufgegeben und in „Mittelfeld/Sturm“ integriert. Nur ein Name, der von Miroslav Klose, hätte ja auch ein bisschen mickrig ausgesehen.

          Da passt es gut, dass Podolski zuletzt auch beim FC Arsenal seinen Dienst in vorderster Linie statt auf dem linken Flügel versah - und sich dabei durchaus als Alternative zu empfehlen wusste. Ein wenig mehr Freiheit, etwas weniger Verpflichtung zur nicht immer mit letztem Engagement ausgeübten Defensivarbeit - die neue Rolle könnte Podolski durchaus entgegenkommen. „Es tut uns gut wenn er wieder ein Gefühl für die Mittelstürmer-Position entwickelt“, sagte Löw - wenngleich der formstarke Klose auf seiner Stammposition zunächst gewiss gesetzt ist.

          Sprachgewandt: Podolski interessiert sich für Reime
          Sprachgewandt: Podolski interessiert sich für Reime : Bild: dpa

          Podolski wirkt fürs Erste froh, überhaupt wieder mittendrin statt tendenziell außen vor zu sein: „Ob links, rechts, vorn, von mir aus als linker Verteidiger - das kann sich der Bundestrainer aussuchen.“Und wenn es doch gar nichts davon wäre? „Wenn man mal nicht spielt, ist das kein Beinbruch“, sagte er. „Ich werde die Trainer-Entscheidung immer akzeptieren.“ Hört sich nicht so an, als müsste er in Dublin aus Frust für ein paar Britney Spears (= beers) in den Rubber Dub (= pub) gehen - auch wenn es beim Üben mit Ray Parlour recht vielversprechend klang.

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