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Deutsche Fußball-Nationalelf : Warum „Uns Poldi“ so wichtig ist

  • -Aktualisiert am

Da hat einer aber gut lachen: Lukas Podolski (links) hat Spaß beim 2:2 gegen Australien Bild: Imago

Lukas Podolski muss bei Inter Mailand viel Kritik einstecken. Das 2:2 gegen Australien zeigt, warum er sich in der DFB-Elf gleich wieder wie zuhause fühlt – und nun eine Perspektive bis zur EM 2016 hat.

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          Lukas Podolski hatte noch nicht ein einziges Mal den Ball berührt, dann war auch an dem Ort, der wie kaum ein anderer die Vergangenheit des deutschen Fußballs lebendig hält, die Ausnahmestellung spürbar, die dem Spieler mit der Nummer 10 unter all den deutschen Weltmeister zukommt. Schon bei seiner Einwechslung im Fritz-Walter-Stadion auf dem Betzenberg wurde Lukas Podolski von den Anhängern, die dort seit über einem halben Jahrhundert ein untrügliches und sehr feines Gespür für Legenden entwickelt haben, mit Sprechchören gefeiert.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Keinen anderen als seinen Namen nahmen die Fans an diesem Abend überhaupt in den Mund. Als Podolski dann auch noch zehn Minuten vor Schluss das Tor zum 2:2 gegen Australien glückte, mit dem er in der ewigen Torschützenliste seine beiden früheren Trainer und Weltmeister Jürgen Klinsmann und Rudi Völler überholte, schien es wirklich niemanden in Kaiserslautern zu geben, der sich nicht darüber gefreut hätte, dass Podolski endlich wieder jubeln durfte.

          Ob Fans, Mitspieler oder Bundestrainer: Diesen Moment genoss die gesamte deutsche Fußballfamilie mit dem beliebtesten Spieler, der in den letzten Jahrzehnten aus ihr hervor gegangen ist. Es wirkte wie ein Wink der Fußballgeschichte, dass an diesem Abend Horst Eckel, einer der beiden noch lebenden Weltmeister von 1954, und Ehrenspielführer Uwe Seeler, die nebeneinander auf der Tribüne saßen, die emotionale Verbindung aus den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren bis in die Gegenwart herstellten. Eine der ganz langen Linien und Verbindungen, die an diesem Abend zu Lukas Podolski führten, dem Mann des Tages beim ersten Länderspiel des Jahres 2015.

          Zehn Minuten vor Schluss gelang dem Inter-Angreifer der Ausgleich Bilderstrecke
          Fußball : Fußball

          Was einst „Uns Uwe“ war, ist heute „Uns Poldi“, das war in Kaiserslautern in jeder Minute seines Auftritts zu spüren. Umso erstaunlicher waren bei aller Freude die kritischen Reflexe, die der Bundestrainer und auch der Torschütze selbst danach gegenüber den Medien hervorbrachten, denn auch dort wird Lukas Podolski längst zum Inventar der deutschen Sportheroen gezählt.

          „Manche, hat man das Gefühl, wollen ihn gerne abschreiben“ hob Joachim Löw auf der Pressekonferenz an, ehe er seine große Wertschätzung und auch den aktuellen Wert des 29 Jahren alten Stürmers für die deutsche Nationalmannschaft zum Ausdruck brachte. Und Podolski merkte in der Mixed Zone gegenüber den Reportern säuerlich an, dass sie ihn jetzt für fünfzehn Minuten hochjubelten, aber ansonsten lieber nieder machten.

          Diese Hinweise waren angesichts der einzigartigen Popularität, die Podolski überall in Deutschland genießt, wohl eher ein Zeichen dafür, wie sehr die sportliche schwierige Saison dem 122maligen Nationalspieler zu schaffen macht. Sein Wechsel von der Ersatzbank beim FC Arsenal in der Winterpause zu Inter Mailand war ein großer Fehler, wie selbst seine besten Freunde in der Nationalmannschaft mittlerweile mit freundlichen Worten einräumen.

          „Lukas Podolski war der schlechteste Einkauf Inters und wahrscheinlich der gesamten Wintersaison. Er hat sich bei Inter niemals integriert und nie Inters Fußball begriffen“, schrieb in diesen Tagen hingegen der „Corriere dello Sport“ ganz unbarmherzig über den deutschen Stürmer, der Mailand schon im Sommer wieder verlassen dürfte. Inter hat Podolski aus London nur ausgeliehen, dort läuft sein Vertrag aber noch bis 2016. Aber auch im Team von Arsene Wenger liegt nicht seine Zukunft.

          Oliver Bierhoff gab Podolski in diesen Tagen daher schon den Rat, bei der Wahl seines nächsten Arbeitgebers genauer hinzuschauen. Er solle besser auf das System achten als auf den Namen des Klubs. Denn der italienische Fußball, so der Manager der Nationalmannschaft und ehemalige Stürmer aus Udine und vom AC Mailand, sei noch einmal ganz speziell, ein besonders schwieriges taktisches Pflaster, ein unangenehmer Ort vor allem für Stürner, wenn sie Platz für ihr Spiel brauchen. So wie Podolski, und deswegen sei es gerade für ihn, „ein schwieriger Schritt“ gewesen, nach Italien zu gehen.

          In der Nationalelf fühlte sich Podolski gleich wieder ganz wie zuhause, menschlich und systemisch. Und es war genau diese „Dynamik“, die in Mailand nicht zum Tragen kommt, die der Bundestrainer bei Podolskis Kurzeinsatz über siebzehn Minuten ausdrücklich lobte. Und nicht nur sein 48. Länderspieltor war in Kaiserslautern ein Beleg für seine Fähigkeiten, die für die Nationalelf noch immer lohnend sein können.

          Podolski besaß zudem noch zwei weitere Chancen, mit dem er den 1:2-Rückstand beinahe in einen Sieg verwandelt hätte. Gleichwohl war sein Treffer nach der Führung durch Reus (17.), die Troisi (40.) und Jedinak (50.) mehr als wett machten, der vollkommen verdiente Lohn für ein unterhaltsames, aber fehlerhaftes Spiel der DFB-Elf, das einem neuen System mit Dreierkette und einer ungewohnten Formation geschuldet war.

          So besehen war Podolski an diesem Abend in jeder Beziehung die größte Konstante im deutschen Spiel. „Er kann immer für Belebung sorgen“, sagte der Bundestrainer zufrieden – und verschaffte Podolski damit kurz und knapp eine Perspektive bis zur Europameisterschaft 2016.

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