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Lucas Barrios : Paraguay hofft auf einen verschmähten Argentinier

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„Ich bin stolz, für Paraguay zu spielen”: Lucas Barrios Bild: AFP

Die eilige Einbürgerung des Dortmunder Stürmers Lucas Barrios war anfangs ein Ärgernis. Inzwischen weckt sie allerdings Zuversicht bei Paraguay. Der italienische Torwart, Gegner an diesem Montag (20.30 Uhr), ist schon gewarnt vor Barrios.

          Seine Klasse hat sich mittlerweile bis nach Italien herumgesprochen. Die „Gazzetta dello Sport“ jedenfalls hat Lucas Barrios als „Il Killer“, den „gefährlichsten Stürmer Paraguays“, ausgemacht und den Nationaltorhüter von Titelverteidiger Italien vor dem Spiel an diesem Montag in Kapstadt (20.30 Uhr / FAZ.NET-WM-Liveticker) schon mal eindringlich gewarnt. „Buffon, pass auf Barrios auf!“

          Dabei ist der 25 Jahre alte Stürmer als Letzter in das WM-Aufgebot von Paraguay gerutscht. Und anfangs gab es deswegen sogar öffentlich massive Kritik und Widerstand. Das liegt daran, dass der Mann, der nach anfänglichen Anpassungsschwierigkeiten an den europäischen Tempofußball in seiner ersten Saison für Borussia Dortmund 19 Treffer erzielt hat, eigentlich Argentinier ist. Was ihn keineswegs zur Ausnahmeerscheinung im Kader der „Albirroja“ macht.

          Schließlich haben auch der Wolfsburger Jonathan Santana und Nestor Ortigoza argentinische Wurzeln. Aber die Einbürgerung von Barrios im Eilverfahren – er besitzt erst seit April einen paraguayischen Pass – hat sogar das Fußballidol des Landes, Carlos Gamarra, zu herber Kritik am nationalen Verband veranlasst.

          So kennen ihn die deutschen Fans aus der Bundesliga bei Borussia Dortmund

          Lucas Barrios: „Ich bin stolz, für Paraguay zu spielen“

          „Ich glaube, wir haben bei den Einbürgerungen übertrieben. Sie werden auf unser Team schauen und sagen: Das sind Spieler aus dem Ausland“, sagte Gamarra, der die Nationalelf bei der WM 2006 in Deutschland noch als Kapitän angeführt hatte. Und bei einer Umfrage der Zeitung „Ultima Hora“ im April waren immerhin ein Drittel der Leser gegen eine Berücksichtigung von Barrios. Die kritischen Stimmen sind inzwischen weitgehend verstummt, nachdem Barrios in jedem der drei WM-Testspiele seines Teams traf, das erste Mal am 25. Mai beim 1:2 gegen Irland. Und der Neubürger selbst sagt: „Ich bin stolz, für Paraguay zu spielen.“

          Wahrscheinlich wäre er noch um einiges stolzer, für Argentinien anzutreten. Aber in seinem mit Fußballtalenten reich gesegneten Heimatland wird die positive Entwicklung des einstigen Welttorjägers, der vor seinem Wechsel in die Bundesliga mit 37 Toren für den chilenischen Klubs Colo Colo auf sich aufmerksam gemacht hatte, kaum wahrgenommen. Und Argentiniens Nationalcoach Diego Maradona hat bislang keinerlei Interesse an Barrios gezeigt. Was lag da näher, als das Angebot von dessen paraguayischem Kollegen Gerardo Martino anzunehmen.

          Schließlich fließt nicht nur argentinisches Blut in Barrios Adern, der in einem Vorort von Buenos Aires geboren wurde. „Seine Mutter kommt aus Paraguay“, sagt Nelson Valdez, sein Mannschaftskollege aus Dortmund. Valdez war es auch, der Nationaltrainer Martino auf die Idee brachte, Barrios in das Aufgebot für Südafrika zu berufen. „Ich habe ihm gesagt, einen solch guten Spieler muss man nehmen“, sagt Valdez, auch wenn er jetzt ein bisschen unter dem „Neuen“ leidet, weil er seitdem nicht mehr erste Wahl ist in Paraguays Sturm.

          „Ich werde keine Tore versprechen, das habe ich nie gemacht“

          Die Hoffnungen, dem Nationalteam von Paraguay zum größten Erfolg seiner WM-Geschichte zu verhelfen, ruhen jetzt auf einem Argentinier. Und Barrios brennt darauf, das Vertrauen des Trainers zu rechtfertigen. „Ich werde keine Tore versprechen, das habe ich nie gemacht. Aber ich verspreche Arbeit und Leidenschaft“, sagt Barrios, der mit Oscar Cardoso vom portugiesischen Rekordmeister Benfica Lissabon wohl seinen idealen Sturmpartner gefunden hat, auch wenn der wegen einer Knöchelverletzung zuletzt einige Sorgen bereitete. Aber der Einsatz gegen Italien gilt als wahrscheinlich.

          Bei den vorangegangenen sieben WM-Teilnahmen wusste Paraguay stets mit einer stabilen Defensive zu überzeugen, doch der Angriff war zumeist die Problemzone. Barrios Nationalmannschaftskollege Roque Santa Cruz, der früher beim FC Bayern München sein Geld verdient hat, behauptet heute: „Wir sind kompakter geworden und im Vergleich zu 2006 deutlich stärker, besonders im Angriff.“ In Deutschland war das Team in der Gruppenphase gescheitert. Inzwischen hofft man in Paraguay auf mehr als nur den Einzug ins Achtelfinale wie zuletzt 2002 oder 1998. „Wir wollen die Überraschung der WM werden“, sagt Neubürger Barrios.

          „Rückblickend war Barrios ein Schnäppchen“

          Inzwischen haben angeblich große Klubs wie der AC Mailand, Manchester United oder Manchester City den Stürmer auf der Wunschliste, und der Kreis der Bewerber könnte sich vergrößern, wenn Barrios und Paraguay bei der WM eine gute Figur machen: „Wir haben eine gute Mannschaft, viele Spieler verdienen ihr Geld in Europa“, sagt Barrios.

          Bei seinem Arbeitgeber Borussia Dortmund registriert man die WM-Nominierung von Barrios für Paraguay sehr erfreut. Jeder WM-Treffer würde den Marktwert des im Sommer 2009 für 4,2 Millionen Euro verpflichteten Stürmers beträchtlich erhöhen. Dabei hat Barrios erst im Januar seinen Vertrag vorzeitig um ein weiteres Jahr bis 2014 verlängert. BVB-Präsident Reinhard Rauball sagt: „Rückblickend war Barrios ein Schnäppchen.“

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